Notfallsanitäter-Kurs – Woche 10

Es neigt sich dem Ende zu. Bald sind unsere Theorie-Einheiten zu Ende und es geht an die Praxis und das Selbststudium. Doch davor haben wir am Samstag noch begonnen mit einem recht heiklen Thema – Großunfall und Katastrophen.

Aber mal zum Anfang der Woche:
Ich hatte ja nur Mittwochs Abendkurs, zwei Stunden Anatomie und zwei Stunden Hygiene waren geplant. In Wirklichkeit brauchten wir nur zwei Stunden für alles – hier ging es ja auch nur um die Kontrolle des Selbststudiums.
In Anatomie bekamen wir 25 Fragen, die wir mittels eines „Online-Tests“, über eine Plattform für Studenten, abarbeiten mussten. Hier wurde uns danach das Ergebnis per Mail mitgeteilt. Zu den Themen Auge, Ohr, Nase und Geschlechtsteile kamen hier die Fragen bunt verteilt. Ich habe 84% erreicht – muss aber zugeben, dass ich weniger erwartet hätte. Ich hatte nämlich absolut keine Zeit um zu lernen. Bei Hygiene war das Selbststudium ein E-Lerning inkl. Abschlusstest, wir bekamen am Mittwoch nur noch 10 Fragen gestellt, Multiple-Choice, und waren auch damit sehr flott fertig. Hier habe ich aber kein Ergebnis bekommen.

Dann der Samstag:
Thema Großunfälle und Katastrophen.
Dazu ein bisschen Erklärung: Großunfälle sind immer eine Herausforderung für den Rettungsdienst. Besonders die Anfangszeit ist hier schwer. Ab 16 Patienten sprechen wir hier in Österreich von einem NFG – NotFall Groß.
So, da kommst du jetzt also nach der Alarmierung als erstes Fahrzeug an und stehst mal da, willst dich eigentlich irgendwo verkriechen, so dass die anderen nicht mitbekommen, dass du schon als Erster da bist. Weil der Erste, der hat die anstrengendste Aufgabe. Der muss da mal von Anfang an Struktur reinbringen, damit das ganze nicht im völligen Chaos versinkt. Der spielt dann den Einsatzleiter.
Und genau das durfte/musste ich am Samstag machen – das rettungsmädchen wird Einsatzleiterin für einen Tag.

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Wir werden in vier Gruppen eingeteilt, davon wird (m)eines als „ersteintreffendes Fahrzeug“ bespielt. Ich hatte ja schon oft Übungen und Schulungen zum Thema NFG, aber noch nie in der Form.
Gut, ich komme halt da in den Schulungssaal, schnappe mir meinen sexy neongelben Überwurf und sehe mir das vorgegebene Szenario mal an. Sieht schon mal ganz….naja…hmmm…50(!) Verletzte?!?!?!?!
„OK, also jetzt mal alle Klappe halten und…“ – und genau in dem Moment schickt der Übungsleiter die nächsten Teams herein und plötzlich wollen 7 Leute zeitgleich was von mir.
Und jetzt beginnt auch das Chaos, das ich eigentlich vermeiden muss, gegen mich anzukämpfen. Kurz mal durchatmen, einen Schrei in die Menge, Besprechung und Einteilung. Puh!
Ok, es ist meine Erste Übung in der Form, ich mache natürlich Fehler, aber besser hier als im Realeinsatz. Und genau dafür ist dieser Tag ja auch da.
Zwischendurch immer wieder Stressphasen, ich bin teilweise kurz vorm Verzweifeln, wieder kurz durchatmen und weiter. Ich funktioniere einfach. Muss hier auch…
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Die Zusammenfassung meinerseits: 
– Funkverbindungen können bescheuert sein, hol dir also als Einsatzleiter einen Helfer, der für dich laufen und so Informationen weitertragen kann, es kann mitunter wirklich nötig werden.
– Behalte alle deine Zettel, die du als Einsatzleiter brauchst, immer bei dir, ansonsten verlierst du sie oder bekommst sie nicht mehr wieder wenn jemand sie ausborgt.
– Schreibe jede Information die du bekommst mit bzw. lass deinen Helfer mitschreiben, die Presse wird sehr schnell die ersten Infos haben wollen, und die müssen dann auch an unseren Pressesprecher weitergegeben werden.
– Mach Besprechungen, spätestens alle halben Stunden!
– Frag zwischendurch über Funk die einzelnen Leiterfunktionen nach Informationen, um bei den Besprechungen nicht alles auf einmal präsentiert zu bekommen.
– Achte auf deine Ressourcen und teile sie klug ein.
– Schau auf die Uhr!!!!
– geh danach schlafen.

Feedback des Übungsleiters: 
– Ich muss auf diese verdammte Uhr schauen!!!
– Ich muss erhaltene Informationen auch weitergeben
– Ich muss öfter mal nach Informationen fragen.
– Ich muss mir von Anfang an einen Helfer organisieren, der für mich schreibt und läuft.
– Im Grunde habe ich dafür, dass das die erste Übung in der Form war, alles ganz gut gemacht. Es gibt Verbesserungsmöglichkeiten (bei wem nicht, so oft haben wir keine Großunfälle, dass das perfekt sitzen würde) aber ich könnte es meistern, ohne unterzugehen.
– Nach eineinhalb Stunden merkte man mir an, dass die Erschöpfung naht. Plötzlich saß ich anscheinend ziemlich eingefallen, mit hängenden Schultern, am Tisch und wurde immer leiser beim Sprechen über Funk. Ich brauchte länger um zu antworten, wenn auch nur Sekundenbruchteile, aber es waren merkbare Sekundenbruchteile. Als er mir im Nachhinein sagte, wann dieser Zeitpunkt war, musste ich mal nachfragen, ob er mich gerade verarscht – ich dachte echt nicht, dass zu diesem Zeitpunkt bereits eineinhalb Stunden vergangen waren. Ich musste ihm aber zustimmen, ich war ab diesem Zeitpunkt der Erschöpfung tatsächlich sehr nahe. Eineinhalb Stunden bis zu diesem Durchhänger sind aber völlig in Ordnung meint der Übungsleiter. Er hätte sogar weniger erwartet.
– Er ist stolz auf mich, dass ich den Rest der Übung auch noch „durchgebissen“ und voll weiter gearbeitet habe.
– Natürlich ist er auch stolz auf alle anderen, denen ich Leiterfunktionen zugeteilt habe. Auch die sind sehr wichtig um die Ordnung zu erhalten im Großeinsatz.
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Es war einmal wirklich etwas anderes und eine riesen Herausforderung für mich. Ich weiß jetzt definitiv, was ich im Ernstfall besser machen kann, um die Struktur aufrecht zu erhalten, wenn das Chaos wieder anfängt gegen mich zu kämpfen.
Ich möchte trotzdem niemals zu einem solchen Einsatz gerufen werden, egal ob als erstes oder letztes Fahrzeug. Die psychische Belastung im Normaleinsatz ist teilweise schon sehr hoch, auch der Körper wird manchmal ganz schön gefordert. Aber wenn man 50 Patienten abarbeiten muss, so viel Leid auf einmal sieht – das stelle ich mir wirklich ganz ganz schrecklich vor.

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Alarmierung und Einsatz

Wie geht denn das mit der Alarmierung und den Abläufen in Zusammenhang mit der Leitstelle eigentlich bei uns?

Von Anfang an:

– Du hast einen medizinischen Notfall und brauchst „die Rettung“.

– Du wählst 144 und kommst zu Notruf144Niederösterreich, „Wollen Sie einen Notruf melden?“ – „JA!“

– Der CCA (Calltaker) fragt dich die üblichen Fragen:
Was? Wer? Wie? Wieviele? Wo? Wann?
Und noch ein paar Detailfragen.

– Das Programm mit dem der CCA arbeitet, leitet den CCA jeweils zur nächsten Frage, sie werden also wirklich gezielt zu diesem Notfall gestellt.
Sollte hierbei schon zu Beginn der Abfrage feststehen, dass es sich um einen Atem-Kreislauf-Stillstand handelt, geht – sobald der Notfallort bekannt ist – ein Pre-Alert an die zuständigen Rettungsmittel. Im Verlauf der weiteren Abfrage folgt eine weitere Alarmierung mit Details.
Die Leitstelle bleibt bei dir am Telefon und fragt dich, ob du dir eine Reanimation zutraust. Antwortest du mit JA, wirst du angeleitet, wie du was machen musst. Der CCA bleibt in diesem Fall bis zum Eintreffen des ersten Rettungsmittels bei dir am Telefon!

– Du beantwortest also alle Fragen des Calltakers, der Computer generiert daraus den Einsatzcode und schickt es an den EMD (Emergency Medical Dispatcher = Leitstellen-Disponent) weiter.

– Der Disponent erhält nun also den Einsatzcode. Anhand der Buchstaben und Zahlen darin kann er ohne den Text zu lesen in etwa erkennen, um was es sich handelt und ob ein Notarzt benötigt wird oder nicht. Das Programm schlägt ihm auch gleich die nächstgelegenen geeigneten und freien Rettungsmittel vor.

– Findet der „Dispo“ den Vorschlag in Ordnung, schickt er die Alarmierung raus und wir bekommen eine SMS, einen Alarm über eine App, einen „Alarmcall“ (Telefonstimme liest dir die relevanten Details vor) und den Alarm am Pager. Zeitgleich wird das betroffene Fahrzeug vom Status „Frei auf Wache“ auf „Alarmiert“ gestellt. (siehe Ende des Artikels – eine Erklärung unserer Statusmeldungen)

– Wir nehmen den Einsatz an. Möglichkeit #1: Status „Quittiert“, Möglichkeit #2: Status „zum Berufungsort“

– Wir stehen weiterhin in Kontakt mit dem EMD, sollten wir zum Beispiel als RTW einen Notarzt brauchen, können wir diesen beim Dispo über Funk oder telefonisch nachfordern. Umgekehrt können wir ihn auch so stornieren. Generell kann alles, was wir den Dispo fragen wollen, so kommuniziert werden.

– Wir kommen am Einsatzort an (Status „am Berufungsort“), sollte der CCA noch bei dir am Telefon sein, wird er das mitbekommen, aber dich trotzdem fragen, ob der Rettungsdienst jetzt da ist und dich bitten, von nun an mit uns zu kommunizieren.

– Wir übernehmen den Einsatz, arbeiten, fordern eventuell einen Notarzt nach oder stornieren diesen, geben eventuell auch eine Lagemeldung, machen den Patienten transportfertig und fahren ins Krankenhaus (Status „zum Zielort“). Hier muss nochmals kurz der Dispo informiert werden, in welches KH und auf welche Station wir fahren -> damit ist die Arbeit der Leitstellenmitarbeiter für diesen Einsatz getan.

– Wir fahren nun also die ausgemachte Station an (Status „am Zielort“), übergeben dort den Patienten, bringen das Fahrzeug wieder auf Vordermann und fahren Richtung heim. Während der Leerfahrt ist der Status „Frei über Funk“ aktiv, zu Hause wieder „Frei auf Wache“.

Das ist eben so die Grundstruktur eines Einsatzes, von der Alarmierung bis zu Einsatzende.
Wie läuft das bei euch so ab? Welche Vorgänge laufen da so im Hintergrund und wie funktioniert das bei euch mit der Leitstelle?

Und hier noch schnell die versprochene Auflistung der Statusmeldungen im Einsatz:

Frei auf Wache Wir sitzen „zu Hause“ und warten auf den nächsten Einsatz.
Zum Berufungsort Wir sitzen im Auto und sind am Weg zum Einsatz.
Am Berufungsort Wir sind beim Patienten.
Zum Zielort Wir fahren in ein geeignetes Krankenhaus.
Am Zielort Wir sind im Krankenhaus und übergeben den Patienten.
Frei über Funk Wir sind einsatzbereit am Weg nach Hause.

Sonderstatus:
Bereitschaft Wir sind gerade nicht sofort einsatzbereit, wir können zwar Einsätze annehmen, die Ausrückzeit verlängert sich aber (zB bei Auto putzen nach schmutzigeren Einsätzen)
Dienstfahrt Wir müssen vielleicht gerade kurz in die Werkstatt und sind deswegen nicht einsatzbereit. Auch wenn wir Fahrzeuge für die Fahrt zu Schulungen etc. bekommen, wird das mit Dienstfahrt gemeldet.