Bewusstlos… oder ein bisschen mehr… oder weniger?

Mit dem Stichworten „Bewusstlos, Atmung vorhanden – Husten und Schwindel“ werden wir zum Einsatz gerufen. Ich bin mit zwei Burschen am RTW, das NEF ist mit alarmiert.

Ich schicke meine beiden Sanis mit dem Rucksack vor, ich werde dann gleich mit dem Rest nach oben kommen. Tja, und oben angekommen sege ich dann meine zwei jungen Männer einen 150kg schweren Menschen auf den Boden legen – sein Gesicht ist ungefähr so blau wie unser Blaulicht, das draußen in der Sonne munter herumblitzt.

Gut, sieht nach Schema A aus – Angehörige runter schicken den Notarzt einweisen, einer checkt Atmung (2x noch hören wir ein schnappen im Abstand von ca. 8 Sekunden, dann ist Stille), einer macht den Oberkörper der Patientin frei und ich bereite Defi, Sauerstoff und sonst noch was vor.
Ich höre Stimmen und Schritte, schreie dem NEF-Team „Reanimation“ entgegen um mal kurz und knapp zu erklären, was hier eigentlich gerade abgeht.

Meine erste Reanimation als „fertiger“ Notfallsani. Wir sind also 2 Rettungssanis, 2 Notfallsanis und 1 Arzt – somit wären die Aufgaben auch schon mal verteilt ohne darüber sprechen zu müssen.

Wie gut, dass wir so viele sind, ich habe genug Zeit um aus dem NEF-Rucksack mal die endotracheale Intubation vorzubereiten, während der NEF-Sani gleich mal wegen einem Zugang schaut und Medikamente aufzieht.
Einer der Burschen pumpt weiter während der andere jetzt ein EKG klebt – toll wenn die RS das übernehmen können, so hat niemand Zeit in der er sich langweilt.

Intubation: check
Zugang: check
Infusion: check
Medikamente: check
EKG: check

Nicht mal 20 Minuten reanimieren wir, es wird kein einziger Schock abgegeben, der Patient hat wieder einen Herzrhythmus und atmet gegen den Tubus.

Alles läuft sowas wie am Schnürchen, das habt ihr noch nicht gesehen! Das ist die Lehrbuchreanimation!
Der Patient kommt mit eigenem Kreislauf und gut reagierenden Pupillen ins Krankenhaus.

Bei der Nachbesprechung ist dieses Mal auch die Feuerwehr dabei – wir wollen alle immer etwas verbessern und besser zusammenarbeiten, also tauschen wir uns auch aus. Aber hier gibt es gar nichts zu verbessern – es war eine wunderbare Zusammenarbeit und es hat tatsächlich jeder einzelne Mitwirkende großes Lob verdient.
Wie gesagt: Lehrbuchreanimation!
Warum Feuerwehr? Schwierige Platzsituation, steiler Abstieg, schwerer Mensch –> Tragehilfe!

Es ist immer wieder schön wenn man Menschen wieder ins Leben zurückholen kann – egal in welcher Position man steht. Das hat uns auch die Feuerwehr bestätigt.
Und ich muss sagen: wenn man das Ganze mal aus einer anderen Situation betrachten kann, wenn man nicht neben dem Brustkorb kniet und drauf drückt sondern das ganze Rundherum aktiv beobachten muss und Medikamente und Intubation vorbereitet und dem Arzt assisstiert und dann auch noch koordiniert, was die restlichen Anwesenden machen sollen – ganz anderes Feeling im Einsatz, danach aber genauso schön wie in jeder anderen Position.

Wieder mal ein Leben gerettet und dabei auch eine neue Erfahrung gemacht. =)

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Wald, steil, Baum, Männer, Motorsäge

**Gastbeitrag**

Wald, steil, Baum, Männer, Motorsäge… was kommt wohl jetzt?

Laut Alarmierung ist einem 45-jährigen Forstarbeiter ein Ast auf den Kopf gefallen, es blutet angeblich stark, aber er ist wach. Tja, schauen wir uns das mal an, heute sind wir NEF und da um zu helfen.

Die Anfahrt ist gar nicht so kompliziert, der Unfallort ist nur 100 Meter von der Zufahrtsstraße entfernt. Allerdings geht es da 100 Meter steil bergauf, und der Boden ist feucht und rutschig. Na mal schauen was uns da oben erwartet. Der RTW ist schon dort, Feuerwehr und Polizei sind ebenfalls vor Ort.
Zum Patienten kommen wir vorerst noch nicht wirklich hin, der Baum liegt noch im Weg – macht aber die Feuerwehr gerade weg. Eigenschutz und so…

Gut, jetzt kommen wir mal zu dem bewusstlosen Patienten. Er lehnt am Baum, jemand fixiert den Kopf manuell, anschauen ist grad nicht drin – er wird doch ein bisschen wach und wehrt sich. Fenta nasal – wirkt Wunder! Gut, Patienten hinlegen und Traumacheck machen geht jetzt. Schaut nicht gut aus – Gesichtsdeformationen, Blut kommt eigentlich von überall aus ihm raus. Schnell ein Zugang, die erste Vene will nicht ganz so, noch ein Versuch – sitzt! Flüssigkeit, Schmerzmittel, Relaxans, Hypnotikum und nebenbei noch die Intubation – jetzt muss es schnell gehen, der steht wirklich an der Kippe. Das blöde jetzt nur: Licht im Wald ist doof, Blut macht die Sache auch nicht leichter, möglicherweise blockiert da irgendwas den Atemweg – Intubation endotracheal nicht möglich, selbst beim zweiten Versuch nicht. Ok, es muss schnell gehen, nächster Versuch im Auto, für den Transport dahin muss es der Larynxtubus tun, der geht Gott sei Dank auch schön rein –> einpacken und in den RTW bringen.

Schei** – der Hubschrauber kommt nicht durch, zu viel Nebel!

Guuut, wie bringen wir den werten Herren jetzt eigentlich über diese Steile Wiese zum RTW runter? Feuerwehr, RTW, NEF – alles was da ist packt mit an, das muss gehen. Jo, geht auch! Und wie! Braucht acht Leute, aber geht! Aber mittlerweile ist die Golden Hour leider vorbei.

So, endgültige Immobilisation im RTW, Intubation funktioniert jetzt auch endlich richtig – shit, der Kreislauf macht nicht ganz so mit! Die einen bereiten sich auf einen mögliche Rea vor, die anderen spritzen so ungefähr alles was unser Auto so hergibt in den Patienten rein. Und es wirkt – keine Rea! So, jetzt ist der ganz gut dabei, die Narkose steht, der Tubus liegt, Katecholamine über den Perfusor und durchatmen – er lebt, ist stabil, wir fahren, es ist nicht weit… Ab in den Unfall-Schockraum!

So leer war unser NEF vermutlich zuletzt bei der Lieferung – insgesamt sind an die 3 Liter verschiedenste Flüssigkeiten in den Patienten geronnen wenn man alle Medikamente und Infusionen rechnet. Insgesamt haben wir aber auch unser gesamtes Intubationszeug beschmutzt (Wald = dreckig). Und uns selbst natürlich auch – Wald und feuchter Boden und so.

Heimfahren, auffüllen, duschen, durchatmen, besprechen – ESSEN! Haben wir uns verdient! Und dann noch erfahren, dass der Patient jetzt im Not-OP liegt aber durchkommen wird – ja, haben wir uns wirklich verdient. Und die Pause jetzt auch…

Kommentar des Verfassers:
Danke liebes rettungsmädchen! Mal hier selbst zu schreiben statt nur zu lesen ist mal was Neues, was Spannendes. Dem Patienten geht es nun übrigens wieder ziemlich gut, er hat kaum Folgeschäden davon getragen. Man liest sich liebe Leute!

Kommentar vom rettungsmädchen:
Es freut mich euch sagen zu dürfen: es werden ab jetzt immer mal wieder Gastbeiträge hier erscheinen! Momentan ist es bei mir im Rettungsdienst nämlich ein bisschen sehr ruhig, im privaten und beruflichen Umfeld dafür sehr stressig. Ich habe kaum Zeit hier etwas zu schreiben und freue mich daher über jeden Bericht, der mir zugeschickt wird!
Wenn ich eine Story wie diese bekomme, dann wird natürlich wie immer auch hier darauf geachtet, dass durch die Geschichte kein Bezug zu einer realen Person oder einem realen Vorfall entsteht – kann also wie immer sein, dass dieser Einsatz so vor 27 Jahren passiert oder eigentlich ganz anders gelaufen ist 😉
Danke auf jeden Fall an meinen Gastschreiber Michael für den Beitrag! 

Warum immer so?

Warum sind eigentlich alle Alarmierungen mit dem Stichwort „Krampfanfall“ bei mir im Endeffekt immer Hirnblutungen? Ich hab bis jetzt noch immer keinen entzugsbedingten Krampf oder einen Epileptiker gesehen – dafür aber schon viiiiele Hirnblutungskrämpfe. Komischerweise passiert das auch immer nur wenn ein gewisser Arzt bei uns am NEF Dienst hat…
Sollte mir das zu denken geben?

2 Uhr nachts…

…geht plötzlich der Alarm los.
Es ist einer meiner Ausbildungsdienste am NEF – es ist der letzte Einsatz, der mir für das Ausbildungsheft noch fehlt. Dann hätte ich zumindest das mal geschafft, brauche ich nur noch die Stunden fertig bekommen.
Wir fahren reanimieren. Der Alarmierungstext verrät uns, dass ein 49-jähriger Herr im Nachbarort umgekippt ist, anscheinend ist er „blau im Gesicht“.

Ich kenne die Siedlung, ich wohne im gleichen Ort. Der Name des Herrn ist bei uns relativ häufig, ich kenne zwar etliche Menschen mit dem Nachnamen, aber ich wage es nicht zu raten, zu wem wir fahren.
Der RTW ist schon vor Ort, wir werden von einem Jugendlichen durch das Haus in das Schlafzimmer gelotst. Als ich als Erste von unserem Team ins Haus gehe muss ich kurz mal nach Luft schnappen – da sitzt weinend eine Bekannte von mir auf der Treppe, sie war mit mir in der Schule. Wir reanimieren also wie es aussieht einen Verwandten von ihr.
Sie erkennt mich, freut sich direkt mich zu sehen und bettelt mich an ihrem Papa zu helfen. Mehr als ihr zu versprechen alles zu tun was uns möglich ist kann ich jetzt aber leider gerade nicht für sie tun.

Es ist im Prinzip eine Reanimation wie jede andere auch. Wir haben zwar sehr wenig Platz und müssen vom Schlafzimmer ins Bad arbeiten mit dem Material, sitzen fast in der Dusche um den Herrn zu reanimieren und der Doc kommt von seinem Platz am Kopf auch nicht mehr wirklich gut weg, aber es ist trotzdem das selbe Schema wie bei den Übungen und Trainings und den anderen Reanimationen. Für mich gibt es als einzige einen Unterschied: ich kenne den Mann, für den ich gerade die Intubation vorbereite…

Wir reanimieren lange, sehr lange. Wir geben Metalyse – ein Medikament zur Thrombolyse, Wirkstoff Tenecteplase. Kapnometrie ist in Ordnung, anfangs haben wir noch einen schockbaren Rhythmus, der wird aber leider recht bald zur Asystolie.
Zwischendurch, als alles läuft, die Medikamente alle aufgezogen sind, die Intubation geglückt ist, werde ich nach draußen geschickt, Patientengeschichte erheben. Ich werde geschickt, weil die anderen mitbekommen haben, dass die Tochter mich kennt, sie vermuten, dass ich mir leichter tue beim Reden bzw. dass es der Familie leichter fällt mit mir zu reden. Wir müssen aufhören – der Patient hat zu lange keinen eigenen Kreislauf, wir haben zu lange schon keinen schockbaren Rhythmus. Das Übliche: ein bisschen zusammenräumen während der Arzt die Todesnachricht überbringt.

Ich kann nicht mehr, ich bin fertig – die erste Reanimation bei der ich den Patienten kannte. Und dann auch noch so kurz vor seinem 50. Geburtstag, sie waren gerade beim planen seiner Geburtstagsfeier.
Ich bin ehrlich gesagt froh, dass ich von der Familie niemanden sehe als ich raus zum NEF gehe. Ich könnte meiner ehemaligen Schulkollegin glaube ich gerade nicht in die Augen schauen.

Es war eine tolle Zusammenarbeit mit NEF und RTW, da sind wir uns bei der Nachbesprechung sicher. Der RTW verlässt uns auf seine Wache, wir reden bei der Heimfahrt und – obwohl mitten in der Nacht – redet mein NFS auch auf der Wache noch mit mir. Bis ins kleinste Detail gehen wir die Reanimation nochmal durch. Großes Lob an alle Beteiligten, er versteht aber auch, dass es mir besch…eiden geht gerade.
Am nächsten Tag geht es mir besser, nach ein paar Tagen kann ich ihr schreiben und mein Beileid ausdrücken. Sie bedankt sich oft bei mir, obwohl ich es auch verstehen würde, wenn momentan nicht mit mir reden möchte.

Einem Kollegen einer anderen Rettungsdienst-Organisation erzähle ich davon, obwohl wir noch nicht lange befreundet sind und es bei uns eher eine sehr lockere Freundschaft ist, will ich unbedingt ihm davon erzählen und nicht den Kollegen meiner Wache. Vielleicht um den nötigen Abstand zu wahren. Keine Ahnung. Aber es ist toll, in der Situation in der ich ihm das erzähle ist es plötzlich, als wären wir schon sehr lange befreundet. Ich fühle mich geborgen und der Moment zeigt mir, dass wir wirklich keine Konkurrenten sind, dass auch die verschiedenen Organisationen zusammenhalten und füreinander da sind, auch wenn es nur Kleinigkeiten betrifft. 

So leid es mir auch tut das sagen zu müssen: Der Einsatz, diese Reanimation hat mich so viele Dinge gelehrt. Nicht unbedingt fachlich, Reanimation nach Standardschema eben, aber persönlich habe ich viel daraus gelernt – und bin daran gewachsen…

Tragisch…

…sind Unfälle mit Todesfolge eigentlich sowieso immer.
…ist es besonders, wenn die Familienangehörigen dabei sind.
…ist es noch mehr, wenn es einen so jungen Menschen erwischt. 

Mitten in der Nacht, Fahrzeug liegt auf Person – ich wollte eigentlich gerade schlafen gehen, aber der Melder schreit mich gnadenlos an.
Klingt nicht angenehm, schnell sein heißt es jetzt. Tja, schnell? Naja, so schnell es halt den Berg hinauf geht, im Dunkeln.

Danke liebe Einweiser, die Taschenlampen waren eine absolut tolle Idee! An jeder stockfinsteren Kreuzung jemanden mit Licht sichtbar hinstellen – in dieser Stress-Situation auf diese Idee kommen – Hut ab meine Lieben, erleben wir tatsächlich nicht oft!

Es ist dunkel, man kann ein paar Maschinen im Feld erkennen, Menschen sind dort auch. Und sie reanimieren. Jemand schreit.
Näher gekommen (autsch – Brennnesseln!) sieht man Gesichter, irgendetwas dunkles ist darin verschmiert. Blut? Motoröl…
Wir übernehmen die Reanimation, das NEF kommt sehr bald nach uns schon an und hilft auch.
Irgendwie weg mit den Angehörigen, sie blockieren uns, sind wirklich sehr verzweifelt. Ok, wenn da ein knapp 30-Jähriger reanimiert wird… Die Feuerwehr übernimmt das, sie kümmern sich wirklich gut um die Familie, halten sie auch von uns weg und bringen sie ein Stück weit weg, so dass sie nicht mehr zusehen können.

Der Monitor zeigt uns durchgehend einen Patienten ohne Herzrhythmus – Asystolie. Die Pupillen reagieren auf Licht gar nicht, sind ganz weit.
Es gibt keine Hoffnung mehr, es geht einfach nicht. Zu schwere Verletzungen – Brustkorb, Schädelbasis, … wir können nicht reinschauen in den Burschen, können im Dunkeln mit Sicherheit nicht alles erkennen. Aber was zu erkennen ist, spricht nicht für ein Überleben…

Es war meine erste Trauma-Reanimation. Damals ging es mir erstaunlich gut danach, ich dachte bei sowas hat man vielleicht etwas mehr zu verarbeiten. Aber ich hatte im ersten Moment kaum Zeit darüber nachzudenken – Fahrzeug putzen, Material nachfüllen, Protokoll schreiben (langes Protokoll!), …
Erst dann hatten mein Fahrer und ich endlich die Zeit, wirklich darüber zu reden. Also nicht über Protokoll-relevante Dinge, sondern wie es uns gegangen ist. Der werte Herr Kollege ist schon etwas erfahrener als ich, hat schon schlimmere Sachen gesehen. Aber er ist der Meinung, dass wir alles absolut richtig gemacht haben. Wir haben getan, was wir konnten, mehr war wirklich nicht möglich. Und auch der Arzt und der NEF-Fahrer waren mit dem Einsatzablauf voll zufrieden.

Schön zu wissen, dass man wirklich alles getan hat, was möglich war. Blöd nur, dass selbst das Beste manchmal nicht gut genug ist….

 

Notfallsanitäter

So, jetzt ist es so weit… Vorerst ist es mal vorbei mit Lernen und Üben, ich darf mich jetzt endlich Notfallsanitäter nennen und darf ein bisschen mehr als vorher 😉

In Österreich ist der Notfallsanitäter ja ganz anders als in Deutschland. Bei uns geht es in der Ausbildung, die man als Freiwilliger gut noch neben dem Job absolvieren kann, ja hauptsächlich darum, mehr Wissen zu erlangen, um dem Notarzt schnell und gut assistieren zu können. Dafür ist vor allem die Pharmakologie, also die Arzneimittellehre wichtig. Wenn ein Arzt sagt, er will dieses oder jenes Medikament, muss ich wissen, was das ist, wie man es ordentlich vorbereitet und wie man es verabreicht (Verdünnung, wieviel zieh ich in die Spritze auf, wenn mir Wirkstoffnamen gesagt werden muss ich den Handelsnamen in unserem Ampullarium kennen und so weiter). Außerdem wird in Anatomie und Krankheitslehre vertiefend unterrichtet, man kann als NFS also eher Differentialdiagnosen stellen und mit Arztbriefen besser umgehen als als RS. Dadurch ist die Versorgung natürlich oft idealer bzw. die Übergabe im Krankenhaus detaillierter und es  kann somit dort in weiterer Folge Zeit gespart werden bei der weiteren Anamnese und Behandlung. Generell ist mit dem Wissen oft der Zugang zu manchen Einsätzen gleich ein ganz anderer, man bereitet sich schon auf der Anfahrt gedanklich ganz anders vor, Algorithmen, die vorher nicht da waren, geistern einem dann im Kopf herum und die Antwortmöglichkeiten zur Frage „Was erwartet mich dort wirklich?“ sind gleich mal etwas andere als vorher. 

Ich würde nicht sagen, dass ich vor der Ausbildung ein guter oder schlechter Rettungssanitäter war, ich sage jetzt auch nicht, dass ich ein guter oder schlechter Notfallsanitäter bin, aber durch das zusätzliche Wissen fällt doch einiges leichter.

Ich darf also jetzt den Notarzt als NEF-Fahrer begleiten und wenn ich mal ohne den am RTW unterwegs bin auch selbst ein paar Medikamente geben. Jetzt genieße ich erstmal die lernfreie Zeit, nächstes Jahr geht’s dann wahrscheinlich eine Stufe höher in der Führungskräfte-Ausbildung.
(Ja, ich weiß, ich bin das Rettungsmädchen und habe hier nicht einmal gegendert. Ich finde es nämlich schrecklich, dauernd lesen zu müssen „die Notfallsanitäterin/der Notfallsanitäter hat in diesem Fall dieses und jenes zu tun“ oder „die Ärztinnen und Ärzte kämpften um das Leben des…“ Hier wird nicht gegendert und das ist gut so!)

Wenn Helfer Hilfe brauchen

Immer wieder kommt es vor. Auch wir Helfer können eben nicht alles einfach so wegstecken…

*)
Ein Verkehrsunfall auf der Autobahn. Der Kleinbus ist voll besetzt, 130 km/h sind hier erlaubt. Es ist nicht viel los auf der Straße, schwacher Morgenverkehr an einem Samstag. Die Fahrzeuge nach dem Kleinbus sehen nur noch, wie er fliegt – ein Knall, dann Ruhe. So schnell kann man gar nicht reagieren, schon gar nicht mit 130 km/h auf der Autobahn. Der Kopf sagt „Scheiße! Stopp!“, bis das aber beim richtigen Bein angekommen ist und dieses mit Hilfe des Bremspedals das Fahrzeug gestoppt hat (unter Rücksichtnahme auf die hinteren Fahrzeuge, man braucht jetzt nicht noch einen Auffahrunfall) dauert es ein bisschen – ein bisschen zu lange, man ist am Unfallort schon vorbei gefahren, steht ein paar Meter dahinter jetzt am Straßenrand. NOTRUF! Irgendjemand wählt, es kommen Feuerwehr, Polizei, Autobahnmeisterei, allerlei Rettungsorganisationen und sogar die Hubschrauber. Wenn’s auf der Autobahn knallt, dann ist mehr meistens besser. Tja, später kommen auch noch Bestatter dazu – gleich mehrere. Hier ist wirklich was passiert.
Sowas hat man noch nicht gesehen, nicht in dieser Gegend. Weder die Feuerwehr, noch die Polizei und auch die Rettung nicht. Zu heftig war dieser Unfall, zu viele Todesopfer, zu viele schwere Verletzungen hat man gesehen. Auch Kinder waren dabei.
Alles abarbeiten, mehr oder weniger direkt geht es danach zum psychologischen Dienst…

*)
Eine kleine Stadt, hier kennt einfach irgendwie jeder jeden in der Nachbarschaft. Heute ist Gartentag, Papa mäht den Rasen, Mama pflanzt neue Blumen in die Beete und der kleine Sebastian spielt auf seiner Decke – Mama hat ihn gut im Blick, er kann ja jetzt schon krabbeln, da muss man aufpassen. Mama geht nur kurz den Wasserkrug neu auffüllen, Papa ist mit dem Rasenmäher gerade vor dem Haus – die dreißig Sekunden kann der Sebastian ja nicht weit kommen. Drinnen läutet gerade das Telefon, Mama geht ran. Zweihundertvierundsiebzig Sekunden später hören die Nachbarn den Krug auf dem Boden zerschellen, ein Schrei, dann lautes Weinen. Die Nachbarin sieht über den Zaun, sie erkennt was hier los ist und ruft sofort die Rettung. Daniel ist Sanitäter und kennt die Wohngegend, er hat selbst mal dort gewohnt und glaubt auch die Adresse zu kennen. „Kind ertrunken – möglicherweise Atem-Kreislauf-Stillstand“ Scheiße!
Man gibt sich ja immer Mühe einen Menschen zu retten, aber bei Kindern gibt man statt 110% dann eben 150%. Alles menschenmögliche wird versucht, noch mehr sogar. Aber es ist zu spät. Sebastian war zu lange unter Wasser – drei Minuten und genug Wasser können also wirklich tödlich sein.
Daniel hat mal genau über Mama und Papa gewohnt, er hat Mama auch mit Wehen ins Krankenhaus gebracht. Auf der Wache wartet schon ein guter Freund, der auch psychologischen Dienst macht, er hat durch Zufall alles mitbekommen und möchte mal mit Daniel reden.

*)
Zwei Feuerwehren sind zur Einsatzstelle alarmiert. Ein PKW ist von der Straße abgekommen und gegen einen Baum geknallt. Der Rettungsdienst aus dem Nebenort ist schon da, die Polizei ebenfalls. Ein Polizist kommt dem Einsatzleiter der Feuerwehr entgegen, sie dürfen nicht zum Unfallfahrzeug, sie sollen mal die Verkehrsregelung übernehmen. 
Ohne Feuerwehr geht so ein Verkehrsunfall aber leider nicht, es muss früher oder später jemand hin. Als der Einsatzleiter sich das Fahrzeug anschauen darf, stehen die Sanitäter direkt hinter ihm. Ein Körper ist mit einer Decke verhüllt, der Feuerwehrmann erkennt aber den Wagen – es ist sein Sohn, der schon vor ihm von der Feuerwehrübung nach Hause gefahren ist. Die Polizei hat bereits einen Psychologen ins Feuerwehrhaus bestellt.

*)
Unfall mit einem Rettungsfahrzeug. Fast täglich liest man in irgendeiner Zeitung davon. Wir sind alle immer betroffen, auch wenn man diese Wache nicht gekannt hat, es sind doch irgendwie die Kollegen. Heute sind wir sogar geschockt – der Unfall war so tragisch, dass der Fahrer des RTW noch am Unfallort verstorben ist. Ausgerechnet im eigenen Einsatzgebiet. Seine Kollegen, mit denen er noch vor eineinhalb Stunden beim Frühstück gesessen ist, stehen jetzt neben ihm, neben dem Körper unter dem weißen Tuch. Der Chef der Wache ruft gerade beim Psychosozialen Dienst an.

So oder so ähnlich kann es ablaufen. So oder so ähnlich läuft es tagtäglich ab. Egal ob Rettung, Feuerwehr, Polizei – in den Einsatzorganisationen kann man in der Stadt und am Land gleichermaßen mit den schrecklichsten Szenarien in Berührung kommen. Der Papa hat sich erhängt, direkt neben dem Kinderzimmer. Eine Schlägerei, die zur Schießerei wird und bei der eine unbeteiligte junge Frau sterben muss. Eine Amokfahrt. Einfach ein tragischer Unfall…

Auch ich wurde vor Kurzem gefragt, ob ich nach diesem einen Wochenenddienst eine Betreuung haben möchte. Es war tatsächlich mein bisher schlimmster Einsatz (Arbeitsunfall mit Todesfolge, aufgelöste Familie, schwieriges Rundherum), die restlichen Einsätze waren zwar eher so die „Standard-Arbeiten“ die wir zu machen haben, aber es war doch viel zu tun. Das Unfallopfer war jung, im Dunkeln waren aber keine allzu tragischen Verletzungen zu erkennen. Ich habe lange mit den Kollegen gesprochen, die mit bei diesem Einsatz waren, alles Profis mit denen ich ungeniert und offen reden kann und alle schon länger dabei als ich. Professionelle Hilfe hab ich daher ruhigen Gewissens ablehnen können. Aber wenn es ein generell sehr junges Team ist… Oder die Kommunikation nicht passt… Oder auch die „alten Hasen“ mit der Situation  nicht ganz so gut klar kommen… Oder einfach ein Tag, an dem man emotional einfach mal mehr Dinge an sich heranlässt als an einem „normalen“ Tag…

Ich verstehe wirklich jeden Sanitäter, Feuerwehrmann, Polizisten, etc. der nach solchen Einsätzen wie oben beschrieben den PSD aufsucht. Ich habe größten Respekt vor denen, die in diesem Dienst arbeiten. Stell ich mir auch nicht einfach vor, so oft so schreckliche Schicksale erzählt zu bekommen. Hut ab meine Damen und Herren, ihr seid wirklich eine wahnsinnig wichtige Stütze in diesem System!
Jetzt stellt euch doch mal vor es würde so schnelle und kompetente Hilfe nicht geben…? Viele von uns würden bald mal wieder aufgeben – sei es weil jetzt schon was passiert ist und man sich auf die PTBS freuen kann oder weil man einfach Angst davor hat, dass etwas passiert und weiß, dass einem niemand so wirklich helfen kann danach und aus diesem Grund schon mal vorsichtshalber den Dienst aufgibt bevor es so weit ist…
Also: Psychosoziale Dienste, die Akutteams, die Interventionsteams, die Psychologenteams – alle verdammt wichtig!

Liebe Rettungsdienstler, Feuerwehrmenschen, Polizeibeamte und wer auch immer noch betroffen sein könnte: Schämt euch nicht, wenn ihr um Hilfe bittet! Es ist wichtig, sich auch eingestehen zu können, dass gewisse Bilder mit Hilfe anderer Menschen verarbeitet werden müssen. Es ist wirklich keine Schande um Hilfe zu bitte und Hilfe anzunehmen. Und niemand, aber auch wirklich niemand kann euch dafür verurteilen und wer es doch tut dem wünsche ich zum besseren Verständnis eine ähnliche Situation.

Kindernotfall…Unfall…

Ich will ja nicht sagen, dass man sich mit der Zeit an schlimme Einsätze gewöhnt, aber man lernt damit umzugehen. 
Man lernt, psychisch anstrengende Einsätze nicht an sich heranzulassen. 
Man lernt, psychisch anstrengende Einsätze zwar im Gedächtnis zu behalten, aber ohne negative Gefühle. 
Man lernt aus solchen Einsätzen auch, wie man es beim nächsten Mal besser machen kann.
Aber einige Einsätze werden immer wieder, auch nach Jahren, mit Emotionen verbunden werden… 

In meinem Fall geht es um ein Kind, dass von einem Fahrzeug überrollt wurde. Der Vater wollte gerade ausparken, seinen 5-jähriges Kind dürfte er übersehen haben – der befand sich nämlich gerade hinter dem PKW, genau dort wo der Vater eigentlich damit hinwollte.
Ein Rumpeln, Stille, dann Schreie, Hektik, Verzweiflung… ungefähr so muss es gelaufen sein.

Was wir bei der Anfahrt schon wissen: 

– Ein 5-jähriger Junge wurde von einem PKW überrollt.
– Die Polizei ist mit alarmiert.

Was wir bei der Ankunft sehen: 

– Der Junge liegt am Bauch auf einer Couch – weil draußen die Straße einige Zentimeter hoch mit Eis bedeckt ist haben ihn die Eltern rein getragen.
– Er schreit und ist ansprechbar, versteht auch was gerade rund um ihn herum passiert.

Was zu allererst passiert: 

– Wir lassen in vorerst in der vorgefundenen Lage, er bekommt offensichtlich genug Luft (Wer schreit bekommt gut Luft).
– Der Notarzt spricht mit dem Jungen und kann ihn recht schnell beruhigen.

Nachdem der Arzt ein bisschen mit dem kleinen Patienten geredet hat, schneiden wir ihm die dicke Daunenjacke und die Jeanshose auf (ja, wir haben jetzt ein bisschen Feder-Chaos um uns herum).
Der kleine Mann spürt alle Extremitäten, kann uns gut Antworten geben und hat Bauchschmerzen. Es ist keine offensichtliche Fraktur zu erkennen, keine Fehlstellung, der Rücken ist zu ca. 40% mit Schürfwunden bedeckt, Puls ist gut tastbar, Blutdruck in Ordnung und der Kopf hat offensichtlich nichts abbekommen.
Wir entscheiden uns deshalb, das Ganze etwas langsamer angehen zu lassen, um den Jungen nicht noch mehr Stress auszusetzen.

Der Notarzt erreicht den Arm des Kleinen sehr gut, die Venen sehen super aus, Zugang i.v. wird also gleich in Bauchlage in den Arm gestochen. Da die Schmerzen momentan nicht allzu groß sind, entscheidet sich der Arzt vorerst für eine Infusion ohne Schmerzmittel, das Ampullarium bleibt allerdings immer griffbereit in der Nähe.

Ich pendel immer wieder hin und her zwischen dem Eingang um meinem Kollegen zu sagen, was wir aus dem RTW noch brauchen und dem Patienten, um die anderen bei diversen Kleinigkeiten zu unterstützen. Dabei komme ich natürlich immer wieder an der ganzen Familie vorbei, der Vater steht stocksteif herum, die Hände vors Gesicht geschlagen. Ich versuche immer wieder sie alle zu beruhigen, aber das bringt beim Vater natürlich momentan gar nichts.

Den kleinen Patienten packen wir dann gut in die Vakuummatratze ein. Das Abdomen ist nur ganz leicht hart, kein Druckschmerz. Aufgrund der fehlenden zusätzlichen Anzeichen auf Blutungen in das Abdomen gehen wir aber davon aus, dass hier die Muskeln verhärtet sind und/oder dass er zu viel Luft durch das Schreien geschluckt hat.
Der Junge hat sich in der Zwischenzeit wirklich gut beruhigt, er bleibt ganz brav ganz still liegen, schreit nicht mehr und spricht immer noch mit uns. Wir legen unsere Verdachtsdiagnose mit „Akutes Abdomen nach stumpfem Bauchtrauma“ fest.

Ganz langsam fahre ich dann aus den Gassen hinaus. Sind rumpelige Straßen und man will nur ja so sanft wie möglich fahren. Auf der Bundesstraße dann so schnell es geht mit Blaulicht und Folgetonhorn – es könnte ja auch langsam in irgendeine Körperhohle einbluten, das will man so schnell wie möglich geklärt haben. Wir sind im Schockraum angemeldet und ab halber Strecke lässt uns der Arzt auch noch Polizeibegleitung und Ampelschaltung organisieren – verständlich, ist Sonntag Abend doch meist ziemlich viel los auf unseren Straßen. Hat dann mit denen auch wunderbar funktioniert, freie Fahrt und vor allem freigeräumte Kreuzungen sind in diesem Fall der Himmel für mich gewesen – ein Stressfaktor wird dadurch nämlich um einiges reduziert!

Im Krankenhaus übergeben wir einen immer noch wachen und für die Situation doch ruhigen Patienten, das ganze Team steht schon angespannt in den Startlöchern. Auch wir dürften nicht gerade locker gewirkt haben.
Übergabe, Auto auffüllen, Zigarette, Besprechung. Hat alles toll funktioniert, da sind wir uns einig. Und unser Verdacht, dass der kleine Herr zu viel Luft geschluckt hat und deshalb ein verhärtetes Abdomen hat wird uns noch vor Ort bestätigt.

Wir machen uns also auf den Heimweg, bekommen dann noch einen Anruf: Dem Kleinen geht es soweit gut, er ist stabil, hat keine inneren Blutungen, einzig die Milz hat einen leichten Haarriss, allerdings so schwach, dass (vorerst) nicht operiert werden muss. Und mehr als Luft war da dann im Bauchraum auch wirklich nicht drin. Kein Knochen gebrochen oder angebrochen.
Mir fällt ein Stein vom Herzen, wirklich.

1000 Schutzengel und keinen weniger hatte der Kleine. Und ich hoffe sie bleiben ihm erhalten und beschützen ihn weiter so gut wie dieses eine Mal.

Aber gut, ich wollte doch eigentlich über Emotionen bei tragischen Einsätzen reden.
Dieser Einsatz wird mir wohl noch sehr sehr lange in Erinnerung bleiben und ich bin mir auch sicher, dass die Emotionen dazu auch nicht so schnell verschwinden werden. Kindereinsätze sind nun mal emotional. Allerdings muss ich hier auch sagen, dass die Freude über den positiven Ausgang dieses Einsatzes bei weitem überwiegt. Wenn ich heute Kinder bei parkenden Autos spielen sehe habe ich fast schon den Zwang zu ihnen hinzugehen und sie zu bitte, doch bitte wo anders weiter zu spielen. Ich möchte um der gesamten Familie wegen nicht nochmal zu so einem Einsatz fahren müssen…
Trotz dem guten Ausgang läuft es mir immer noch manchmal kalt über den Rücken runter wenn wir wieder mal darauf zu sprechen kommen. Es hätte ja sonst was passieren können. Aber daran versuche ich nicht zu denken.

 

Wisst ihr eigentlich…

Wisst ihr eigentlich wie komisch das klingt, wenn ich im Einsatz zum Azubi „Mama“ sag“ 

Also ich finds ja saukomisch, unser NA hat uns beim letzten Einsatz auf jeden Fall mal kurz doof angeschaut. 

Bei Krankentransporten ist es auf jeden Fall ganz witzig wenn die Patienten nachfragen und wir ihnen erklären, dass ich jetzt mal meine Mama ein bisschen „erziehen“ darf. Ob es die Patienten bei den Einsätzen auch mitbekommeb haben weiß ich nicht, hat aber niemand gefragt. 

Wie würdet ihr das als Patient finden, wenn eure Sanitäterin zur Azubiene sowas wie „Mama mess mal bitte Blutdruck“ und „Mama mach mal die Sauerstoffmaske drauf“ sagt? 

Kampf dem Herztod #1

So, nun bin auch ich in der Aktionswoche zum Kampf gegen den Herztod angekommen. Der Stress gestern hat mich etwas aufgehalten. (Ja ich weiß: Stress ist schlecht fürs Herz!)

Warum „Kampf dem Herztod“?
Weil es wichtig ist, Bescheid zu wissen. Weil selbst Laien, also nicht-medizinisches Personal, einige Fragen ohne viel nachzudenken beantworten können sollte. Um im Notfall wirklich helfen zu können. Also Leute, lest euch das hier und die Artikel von Alltag im RettungsdienstHermione und Krangewarefahrer durch und beantwortet danach folgende Fragen:
– Erkenne ich Herzprobleme, wenn ich oder jemand anderer sie hat?
– Auf was werde ich achten, um Herzprobleme zu erkennen?
– Was muss ich tun, wenn jemand Herzprobleme hat?
– Welche Nummer muss ich anrufen?
– Wie lange ist mein letzter Erste-Hilfe-(Auffrischungs-)Kurs her? Sollte ich wieder einen machen?
– Kann ich mich vor einem Herzinfarkt schützen?

Es muss nicht immer gleich ein ganz fataler Herzinfarkt mit Todesfolge sein, Herzinfarkte können auch klein sein und man kann durchaus sowohl kleine als auch größere Herzinfarkte überleben. Es muss auch gar kein Herzinfarkt sein, auch andere Erkrankungen dieses Organs können schlimme Folgen haben. Ist das Herz einmal geschädigt, arbeitet es nicht mehr so gut wie vorher und dadurch erhöht sich das Risiko erneuter Probleme.

Nun zu meiner ersten Geschichte, tatsächlich so passiert und wie aus dem Lehrbuch geschnitten:

Edi ist 56 Jahre alt und arbeitet in einem Büro. Er hat noch zwei Jahre, dann kann er in Pension gehen. Er freut sich darauf, auch wenn er eigentlich gerne arbeitet.
Edi ist ein sportlicher Mann. Er läuft seit über 30 Jahren nahezu jeden Tag seine paar Kilometer um fit zu bleiben. Er will das Leben ja immerhin gesund genießen. Außerdem spielt er nebenbei mit ein paar anderen Männern vom Dorf Fußball.
Vor ungefähr zwei Wochen war Edi krank, er ist mit Grippe drei Tage zuhause geblieben, als das Fieber weg war ist er dann aber wieder in die Arbeit gegangen, das bisschen Husten macht ihm ja nichts aus.

Edi wird heute eine Stunde bevor sein Wecker läutet wach. Er hat komische Schmerzen in der Brust, scheint so, als sei die Grippe zurück. Aber jetzt wieder schlafen gehen – zahlt sich auch nicht mehr aus, er muss dann sowieso in die Arbeit.
Aber die Schmerzen werden schlimmer und er legt sich wieder ins Bett, ruft den Notruf an. So starke Schmerzen hat man bei einer Grippe doch nicht oder? Er hat jetzt schon Angst, dass sein Herz irgendetwas haben könnte.

Um halb 6 Uhr morgens läuten unsere Pager. Etwas außerhalb der Stadt hat jemand Schmerzen in der Brust. Vorerst sind wir solo, also nur der RTW ohne Notarztwagen unterwegs, auf ca. halber Strecke erfahren wir, dass der Notarzt doch mitkommt. Nach ca. 12 Minuten haben wir den Einsatzort erreicht und nehmen auch gleich mal den Monitor und Defi und eigentlich alles mit. Beim Stichwort „Schmerzen in der Brust“ hat man besser mal alles gleich von Anfang an mit, besser zu viel als zu wenig.

Edi öffnet die Tür, es tut mittlerweile so schrecklich weh, dass er nur gekrümmt zur Tür gehen kann, und das auch nur sehr langsam.Er greift sich auf die Brust und atmet angestrengt. Solche Schmerzen sind mehr als nur Grippe. Aber jetzt ist ja jemand da, der ihm helfen kann.

Der Mann der uns die Türe öffnet hat offensichtlich schwere Probleme. Er greift sich an die Brust, kann nur schwer mit uns sprechen und verzieht voll Schmerz das Gesicht. Ich bringe ihn sofort ins Bett, so viele Polster und Decken wie möglich unter den Rücken und Sauerstoffmaske aufs Gesicht. Jetzt soll es schnell gehen. Das ist der erste Patient den ich in meiner Laufbahn sehe, dem man den Herzinfarkt wirklich im Gesicht ansieht.

Klassische Schmerzen, von der linken Schulter über das Schlüsselbein zur Brust und in den linken Arm, ungefähr bis zum Ellbogen. Brennende Schmerzen, mit einem Punkt, der wohl der Ursprung allen Übels ist: direkt über dem Herzen fühlt es sich an, als ob ihm jemand einen glühenden Pfahl in die Brust gerammt hätte. Außerdem ist unser Patient blass und schwitzt auch etwas.

Ja, seit circa einer dreiviertel Stunde, immer stärker werdende Schmerzen. Nein, die strahlen schon von Anfang an so weit aus. Hat sich anfangs angefühlt, als hätte Edi sich die Schulter blöd gedreht beim Schlafen, Zerrung oder so. Nein, er nimmt gar keine Medikamente, bloß vor zwei Wochen gegen seine Grippe, aber da auch nur Schmerztabletten und etwas gegen den Husten.Es ist auch nichts bekannt, Edi hat keine Krankheiten, schon gar nicht mit dem Herzen. Irgendwann war da mal was mit erhöhtem Blutdruck, aber mit dem Sport ist das dann wieder besser geworden.

Wir haben mittlerweile ein EKG geklebt, gleich mal das Große, um uns das Herz wirklich genau anschauen zu können. Wird wohl wirklich Zeit, dass der Notarzt daher kommt, der Patient braucht dringend Medikamente! Selbst mein „EKG-Anfänger“, der heute mit ist, sieht, dass hier etwas nicht stimmt. Es scheint tatsächlich ein ausgewachsener Herzinfarkt zu sein.

Edi fragt nach Schmerzmitteln, es tut so schrecklich weh. Da hört er nebenbei auch schon, dass seine Türe nochmal aufgeht. Jetzt kommen hier noch vier Menschen mehr in das kleine Schlafzimmer.

Der Notarzt schaut sich das EKG noch an, die Notfallsanitäter ziehen in der Zwischenzeit die Medikamente auf und meine beiden Begleiter richten das Fahrzeug für den Transport her. Alles geht nach dem Standardprocedere, darauf sind wir trainiert.

Edi darf das Krankenhaus nach 29 Tagen wieder verlassen. Es wurde ein Hinterwandinfarkt diagnostiziert. Es war wohl nicht die beste Idee, mit einer Grippe arbeiten zu gehen. Auf Sport muss er jetzt erst einmal verzichten, auch wenn Sport grundsätzlich gut für das Herz ist, darf er es jetzt noch nicht überanstrengend und muss sich zuerst ganz erholen.

Man muss nicht immer Raucher, Alkoholiker, übergewichtig oder mit Vorerkrankungen belastet sein. Ein Herzinfarkt kann jeden treffen. Es gibt natürlich gewisse Risikofaktoren – Alter, Nikotin, Essgewohnheiten, Bewegung – aber die allein sind nicht ausschlaggebend für einen Herzinfarkt.

Edi hatte Glück, er hat seinen Herzinfarkt überlebt. Trotzdem zählt im Ernstfall jede Sekunde. Egal ob Herzinfarkt oder eine andere Erkrankung des Herzens, es kann immer sehr gefährlich werden. Also besser sofort 144 (in Österreich) oder 112 (in Deutschland) oder was auch immer ihr bei euch für Notrufnummern habt anrufen. Besser einmal zu oft als einmal zu wenig.
Schafft ihr es jetzt eigentlich, die Fragen zu beantworten?
Falls nicht – vielleicht nach Teil 2? (folgt die nächsten Tage)