Bewusstlos… oder ein bisschen mehr… oder weniger?

Mit dem Stichworten „Bewusstlos, Atmung vorhanden – Husten und Schwindel“ werden wir zum Einsatz gerufen. Ich bin mit zwei Burschen am RTW, das NEF ist mit alarmiert.

Ich schicke meine beiden Sanis mit dem Rucksack vor, ich werde dann gleich mit dem Rest nach oben kommen. Tja, und oben angekommen sege ich dann meine zwei jungen Männer einen 150kg schweren Menschen auf den Boden legen – sein Gesicht ist ungefähr so blau wie unser Blaulicht, das draußen in der Sonne munter herumblitzt.

Gut, sieht nach Schema A aus – Angehörige runter schicken den Notarzt einweisen, einer checkt Atmung (2x noch hören wir ein schnappen im Abstand von ca. 8 Sekunden, dann ist Stille), einer macht den Oberkörper der Patientin frei und ich bereite Defi, Sauerstoff und sonst noch was vor.
Ich höre Stimmen und Schritte, schreie dem NEF-Team „Reanimation“ entgegen um mal kurz und knapp zu erklären, was hier eigentlich gerade abgeht.

Meine erste Reanimation als „fertiger“ Notfallsani. Wir sind also 2 Rettungssanis, 2 Notfallsanis und 1 Arzt – somit wären die Aufgaben auch schon mal verteilt ohne darüber sprechen zu müssen.

Wie gut, dass wir so viele sind, ich habe genug Zeit um aus dem NEF-Rucksack mal die endotracheale Intubation vorzubereiten, während der NEF-Sani gleich mal wegen einem Zugang schaut und Medikamente aufzieht.
Einer der Burschen pumpt weiter während der andere jetzt ein EKG klebt – toll wenn die RS das übernehmen können, so hat niemand Zeit in der er sich langweilt.

Intubation: check
Zugang: check
Infusion: check
Medikamente: check
EKG: check

Nicht mal 20 Minuten reanimieren wir, es wird kein einziger Schock abgegeben, der Patient hat wieder einen Herzrhythmus und atmet gegen den Tubus.

Alles läuft sowas wie am Schnürchen, das habt ihr noch nicht gesehen! Das ist die Lehrbuchreanimation!
Der Patient kommt mit eigenem Kreislauf und gut reagierenden Pupillen ins Krankenhaus.

Bei der Nachbesprechung ist dieses Mal auch die Feuerwehr dabei – wir wollen alle immer etwas verbessern und besser zusammenarbeiten, also tauschen wir uns auch aus. Aber hier gibt es gar nichts zu verbessern – es war eine wunderbare Zusammenarbeit und es hat tatsächlich jeder einzelne Mitwirkende großes Lob verdient.
Wie gesagt: Lehrbuchreanimation!
Warum Feuerwehr? Schwierige Platzsituation, steiler Abstieg, schwerer Mensch –> Tragehilfe!

Es ist immer wieder schön wenn man Menschen wieder ins Leben zurückholen kann – egal in welcher Position man steht. Das hat uns auch die Feuerwehr bestätigt.
Und ich muss sagen: wenn man das Ganze mal aus einer anderen Situation betrachten kann, wenn man nicht neben dem Brustkorb kniet und drauf drückt sondern das ganze Rundherum aktiv beobachten muss und Medikamente und Intubation vorbereitet und dem Arzt assisstiert und dann auch noch koordiniert, was die restlichen Anwesenden machen sollen – ganz anderes Feeling im Einsatz, danach aber genauso schön wie in jeder anderen Position.

Wieder mal ein Leben gerettet und dabei auch eine neue Erfahrung gemacht. =)

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Wald, steil, Baum, Männer, Motorsäge

**Gastbeitrag**

Wald, steil, Baum, Männer, Motorsäge… was kommt wohl jetzt?

Laut Alarmierung ist einem 45-jährigen Forstarbeiter ein Ast auf den Kopf gefallen, es blutet angeblich stark, aber er ist wach. Tja, schauen wir uns das mal an, heute sind wir NEF und da um zu helfen.

Die Anfahrt ist gar nicht so kompliziert, der Unfallort ist nur 100 Meter von der Zufahrtsstraße entfernt. Allerdings geht es da 100 Meter steil bergauf, und der Boden ist feucht und rutschig. Na mal schauen was uns da oben erwartet. Der RTW ist schon dort, Feuerwehr und Polizei sind ebenfalls vor Ort.
Zum Patienten kommen wir vorerst noch nicht wirklich hin, der Baum liegt noch im Weg – macht aber die Feuerwehr gerade weg. Eigenschutz und so…

Gut, jetzt kommen wir mal zu dem bewusstlosen Patienten. Er lehnt am Baum, jemand fixiert den Kopf manuell, anschauen ist grad nicht drin – er wird doch ein bisschen wach und wehrt sich. Fenta nasal – wirkt Wunder! Gut, Patienten hinlegen und Traumacheck machen geht jetzt. Schaut nicht gut aus – Gesichtsdeformationen, Blut kommt eigentlich von überall aus ihm raus. Schnell ein Zugang, die erste Vene will nicht ganz so, noch ein Versuch – sitzt! Flüssigkeit, Schmerzmittel, Relaxans, Hypnotikum und nebenbei noch die Intubation – jetzt muss es schnell gehen, der steht wirklich an der Kippe. Das blöde jetzt nur: Licht im Wald ist doof, Blut macht die Sache auch nicht leichter, möglicherweise blockiert da irgendwas den Atemweg – Intubation endotracheal nicht möglich, selbst beim zweiten Versuch nicht. Ok, es muss schnell gehen, nächster Versuch im Auto, für den Transport dahin muss es der Larynxtubus tun, der geht Gott sei Dank auch schön rein –> einpacken und in den RTW bringen.

Schei** – der Hubschrauber kommt nicht durch, zu viel Nebel!

Guuut, wie bringen wir den werten Herren jetzt eigentlich über diese Steile Wiese zum RTW runter? Feuerwehr, RTW, NEF – alles was da ist packt mit an, das muss gehen. Jo, geht auch! Und wie! Braucht acht Leute, aber geht! Aber mittlerweile ist die Golden Hour leider vorbei.

So, endgültige Immobilisation im RTW, Intubation funktioniert jetzt auch endlich richtig – shit, der Kreislauf macht nicht ganz so mit! Die einen bereiten sich auf einen mögliche Rea vor, die anderen spritzen so ungefähr alles was unser Auto so hergibt in den Patienten rein. Und es wirkt – keine Rea! So, jetzt ist der ganz gut dabei, die Narkose steht, der Tubus liegt, Katecholamine über den Perfusor und durchatmen – er lebt, ist stabil, wir fahren, es ist nicht weit… Ab in den Unfall-Schockraum!

So leer war unser NEF vermutlich zuletzt bei der Lieferung – insgesamt sind an die 3 Liter verschiedenste Flüssigkeiten in den Patienten geronnen wenn man alle Medikamente und Infusionen rechnet. Insgesamt haben wir aber auch unser gesamtes Intubationszeug beschmutzt (Wald = dreckig). Und uns selbst natürlich auch – Wald und feuchter Boden und so.

Heimfahren, auffüllen, duschen, durchatmen, besprechen – ESSEN! Haben wir uns verdient! Und dann noch erfahren, dass der Patient jetzt im Not-OP liegt aber durchkommen wird – ja, haben wir uns wirklich verdient. Und die Pause jetzt auch…

Kommentar des Verfassers:
Danke liebes rettungsmädchen! Mal hier selbst zu schreiben statt nur zu lesen ist mal was Neues, was Spannendes. Dem Patienten geht es nun übrigens wieder ziemlich gut, er hat kaum Folgeschäden davon getragen. Man liest sich liebe Leute!

Kommentar vom rettungsmädchen:
Es freut mich euch sagen zu dürfen: es werden ab jetzt immer mal wieder Gastbeiträge hier erscheinen! Momentan ist es bei mir im Rettungsdienst nämlich ein bisschen sehr ruhig, im privaten und beruflichen Umfeld dafür sehr stressig. Ich habe kaum Zeit hier etwas zu schreiben und freue mich daher über jeden Bericht, der mir zugeschickt wird!
Wenn ich eine Story wie diese bekomme, dann wird natürlich wie immer auch hier darauf geachtet, dass durch die Geschichte kein Bezug zu einer realen Person oder einem realen Vorfall entsteht – kann also wie immer sein, dass dieser Einsatz so vor 27 Jahren passiert oder eigentlich ganz anders gelaufen ist 😉
Danke auf jeden Fall an meinen Gastschreiber Michael für den Beitrag! 

2 Uhr nachts…

…geht plötzlich der Alarm los.
Es ist einer meiner Ausbildungsdienste am NEF – es ist der letzte Einsatz, der mir für das Ausbildungsheft noch fehlt. Dann hätte ich zumindest das mal geschafft, brauche ich nur noch die Stunden fertig bekommen.
Wir fahren reanimieren. Der Alarmierungstext verrät uns, dass ein 49-jähriger Herr im Nachbarort umgekippt ist, anscheinend ist er „blau im Gesicht“.

Ich kenne die Siedlung, ich wohne im gleichen Ort. Der Name des Herrn ist bei uns relativ häufig, ich kenne zwar etliche Menschen mit dem Nachnamen, aber ich wage es nicht zu raten, zu wem wir fahren.
Der RTW ist schon vor Ort, wir werden von einem Jugendlichen durch das Haus in das Schlafzimmer gelotst. Als ich als Erste von unserem Team ins Haus gehe muss ich kurz mal nach Luft schnappen – da sitzt weinend eine Bekannte von mir auf der Treppe, sie war mit mir in der Schule. Wir reanimieren also wie es aussieht einen Verwandten von ihr.
Sie erkennt mich, freut sich direkt mich zu sehen und bettelt mich an ihrem Papa zu helfen. Mehr als ihr zu versprechen alles zu tun was uns möglich ist kann ich jetzt aber leider gerade nicht für sie tun.

Es ist im Prinzip eine Reanimation wie jede andere auch. Wir haben zwar sehr wenig Platz und müssen vom Schlafzimmer ins Bad arbeiten mit dem Material, sitzen fast in der Dusche um den Herrn zu reanimieren und der Doc kommt von seinem Platz am Kopf auch nicht mehr wirklich gut weg, aber es ist trotzdem das selbe Schema wie bei den Übungen und Trainings und den anderen Reanimationen. Für mich gibt es als einzige einen Unterschied: ich kenne den Mann, für den ich gerade die Intubation vorbereite…

Wir reanimieren lange, sehr lange. Wir geben Metalyse – ein Medikament zur Thrombolyse, Wirkstoff Tenecteplase. Kapnometrie ist in Ordnung, anfangs haben wir noch einen schockbaren Rhythmus, der wird aber leider recht bald zur Asystolie.
Zwischendurch, als alles läuft, die Medikamente alle aufgezogen sind, die Intubation geglückt ist, werde ich nach draußen geschickt, Patientengeschichte erheben. Ich werde geschickt, weil die anderen mitbekommen haben, dass die Tochter mich kennt, sie vermuten, dass ich mir leichter tue beim Reden bzw. dass es der Familie leichter fällt mit mir zu reden. Wir müssen aufhören – der Patient hat zu lange keinen eigenen Kreislauf, wir haben zu lange schon keinen schockbaren Rhythmus. Das Übliche: ein bisschen zusammenräumen während der Arzt die Todesnachricht überbringt.

Ich kann nicht mehr, ich bin fertig – die erste Reanimation bei der ich den Patienten kannte. Und dann auch noch so kurz vor seinem 50. Geburtstag, sie waren gerade beim planen seiner Geburtstagsfeier.
Ich bin ehrlich gesagt froh, dass ich von der Familie niemanden sehe als ich raus zum NEF gehe. Ich könnte meiner ehemaligen Schulkollegin glaube ich gerade nicht in die Augen schauen.

Es war eine tolle Zusammenarbeit mit NEF und RTW, da sind wir uns bei der Nachbesprechung sicher. Der RTW verlässt uns auf seine Wache, wir reden bei der Heimfahrt und – obwohl mitten in der Nacht – redet mein NFS auch auf der Wache noch mit mir. Bis ins kleinste Detail gehen wir die Reanimation nochmal durch. Großes Lob an alle Beteiligten, er versteht aber auch, dass es mir besch…eiden geht gerade.
Am nächsten Tag geht es mir besser, nach ein paar Tagen kann ich ihr schreiben und mein Beileid ausdrücken. Sie bedankt sich oft bei mir, obwohl ich es auch verstehen würde, wenn momentan nicht mit mir reden möchte.

Einem Kollegen einer anderen Rettungsdienst-Organisation erzähle ich davon, obwohl wir noch nicht lange befreundet sind und es bei uns eher eine sehr lockere Freundschaft ist, will ich unbedingt ihm davon erzählen und nicht den Kollegen meiner Wache. Vielleicht um den nötigen Abstand zu wahren. Keine Ahnung. Aber es ist toll, in der Situation in der ich ihm das erzähle ist es plötzlich, als wären wir schon sehr lange befreundet. Ich fühle mich geborgen und der Moment zeigt mir, dass wir wirklich keine Konkurrenten sind, dass auch die verschiedenen Organisationen zusammenhalten und füreinander da sind, auch wenn es nur Kleinigkeiten betrifft. 

So leid es mir auch tut das sagen zu müssen: Der Einsatz, diese Reanimation hat mich so viele Dinge gelehrt. Nicht unbedingt fachlich, Reanimation nach Standardschema eben, aber persönlich habe ich viel daraus gelernt – und bin daran gewachsen…

Tragisch…

…sind Unfälle mit Todesfolge eigentlich sowieso immer.
…ist es besonders, wenn die Familienangehörigen dabei sind.
…ist es noch mehr, wenn es einen so jungen Menschen erwischt. 

Mitten in der Nacht, Fahrzeug liegt auf Person – ich wollte eigentlich gerade schlafen gehen, aber der Melder schreit mich gnadenlos an.
Klingt nicht angenehm, schnell sein heißt es jetzt. Tja, schnell? Naja, so schnell es halt den Berg hinauf geht, im Dunkeln.

Danke liebe Einweiser, die Taschenlampen waren eine absolut tolle Idee! An jeder stockfinsteren Kreuzung jemanden mit Licht sichtbar hinstellen – in dieser Stress-Situation auf diese Idee kommen – Hut ab meine Lieben, erleben wir tatsächlich nicht oft!

Es ist dunkel, man kann ein paar Maschinen im Feld erkennen, Menschen sind dort auch. Und sie reanimieren. Jemand schreit.
Näher gekommen (autsch – Brennnesseln!) sieht man Gesichter, irgendetwas dunkles ist darin verschmiert. Blut? Motoröl…
Wir übernehmen die Reanimation, das NEF kommt sehr bald nach uns schon an und hilft auch.
Irgendwie weg mit den Angehörigen, sie blockieren uns, sind wirklich sehr verzweifelt. Ok, wenn da ein knapp 30-Jähriger reanimiert wird… Die Feuerwehr übernimmt das, sie kümmern sich wirklich gut um die Familie, halten sie auch von uns weg und bringen sie ein Stück weit weg, so dass sie nicht mehr zusehen können.

Der Monitor zeigt uns durchgehend einen Patienten ohne Herzrhythmus – Asystolie. Die Pupillen reagieren auf Licht gar nicht, sind ganz weit.
Es gibt keine Hoffnung mehr, es geht einfach nicht. Zu schwere Verletzungen – Brustkorb, Schädelbasis, … wir können nicht reinschauen in den Burschen, können im Dunkeln mit Sicherheit nicht alles erkennen. Aber was zu erkennen ist, spricht nicht für ein Überleben…

Es war meine erste Trauma-Reanimation. Damals ging es mir erstaunlich gut danach, ich dachte bei sowas hat man vielleicht etwas mehr zu verarbeiten. Aber ich hatte im ersten Moment kaum Zeit darüber nachzudenken – Fahrzeug putzen, Material nachfüllen, Protokoll schreiben (langes Protokoll!), …
Erst dann hatten mein Fahrer und ich endlich die Zeit, wirklich darüber zu reden. Also nicht über Protokoll-relevante Dinge, sondern wie es uns gegangen ist. Der werte Herr Kollege ist schon etwas erfahrener als ich, hat schon schlimmere Sachen gesehen. Aber er ist der Meinung, dass wir alles absolut richtig gemacht haben. Wir haben getan, was wir konnten, mehr war wirklich nicht möglich. Und auch der Arzt und der NEF-Fahrer waren mit dem Einsatzablauf voll zufrieden.

Schön zu wissen, dass man wirklich alles getan hat, was möglich war. Blöd nur, dass selbst das Beste manchmal nicht gut genug ist….

 

Notfallsanitäter

So, jetzt ist es so weit… Vorerst ist es mal vorbei mit Lernen und Üben, ich darf mich jetzt endlich Notfallsanitäter nennen und darf ein bisschen mehr als vorher 😉

In Österreich ist der Notfallsanitäter ja ganz anders als in Deutschland. Bei uns geht es in der Ausbildung, die man als Freiwilliger gut noch neben dem Job absolvieren kann, ja hauptsächlich darum, mehr Wissen zu erlangen, um dem Notarzt schnell und gut assistieren zu können. Dafür ist vor allem die Pharmakologie, also die Arzneimittellehre wichtig. Wenn ein Arzt sagt, er will dieses oder jenes Medikament, muss ich wissen, was das ist, wie man es ordentlich vorbereitet und wie man es verabreicht (Verdünnung, wieviel zieh ich in die Spritze auf, wenn mir Wirkstoffnamen gesagt werden muss ich den Handelsnamen in unserem Ampullarium kennen und so weiter). Außerdem wird in Anatomie und Krankheitslehre vertiefend unterrichtet, man kann als NFS also eher Differentialdiagnosen stellen und mit Arztbriefen besser umgehen als als RS. Dadurch ist die Versorgung natürlich oft idealer bzw. die Übergabe im Krankenhaus detaillierter und es  kann somit dort in weiterer Folge Zeit gespart werden bei der weiteren Anamnese und Behandlung. Generell ist mit dem Wissen oft der Zugang zu manchen Einsätzen gleich ein ganz anderer, man bereitet sich schon auf der Anfahrt gedanklich ganz anders vor, Algorithmen, die vorher nicht da waren, geistern einem dann im Kopf herum und die Antwortmöglichkeiten zur Frage „Was erwartet mich dort wirklich?“ sind gleich mal etwas andere als vorher. 

Ich würde nicht sagen, dass ich vor der Ausbildung ein guter oder schlechter Rettungssanitäter war, ich sage jetzt auch nicht, dass ich ein guter oder schlechter Notfallsanitäter bin, aber durch das zusätzliche Wissen fällt doch einiges leichter.

Ich darf also jetzt den Notarzt als NEF-Fahrer begleiten und wenn ich mal ohne den am RTW unterwegs bin auch selbst ein paar Medikamente geben. Jetzt genieße ich erstmal die lernfreie Zeit, nächstes Jahr geht’s dann wahrscheinlich eine Stufe höher in der Führungskräfte-Ausbildung.
(Ja, ich weiß, ich bin das Rettungsmädchen und habe hier nicht einmal gegendert. Ich finde es nämlich schrecklich, dauernd lesen zu müssen „die Notfallsanitäterin/der Notfallsanitäter hat in diesem Fall dieses und jenes zu tun“ oder „die Ärztinnen und Ärzte kämpften um das Leben des…“ Hier wird nicht gegendert und das ist gut so!)

Kindernotfall…Unfall…

Ich will ja nicht sagen, dass man sich mit der Zeit an schlimme Einsätze gewöhnt, aber man lernt damit umzugehen. 
Man lernt, psychisch anstrengende Einsätze nicht an sich heranzulassen. 
Man lernt, psychisch anstrengende Einsätze zwar im Gedächtnis zu behalten, aber ohne negative Gefühle. 
Man lernt aus solchen Einsätzen auch, wie man es beim nächsten Mal besser machen kann.
Aber einige Einsätze werden immer wieder, auch nach Jahren, mit Emotionen verbunden werden… 

In meinem Fall geht es um ein Kind, dass von einem Fahrzeug überrollt wurde. Der Vater wollte gerade ausparken, seinen 5-jähriges Kind dürfte er übersehen haben – der befand sich nämlich gerade hinter dem PKW, genau dort wo der Vater eigentlich damit hinwollte.
Ein Rumpeln, Stille, dann Schreie, Hektik, Verzweiflung… ungefähr so muss es gelaufen sein.

Was wir bei der Anfahrt schon wissen: 

– Ein 5-jähriger Junge wurde von einem PKW überrollt.
– Die Polizei ist mit alarmiert.

Was wir bei der Ankunft sehen: 

– Der Junge liegt am Bauch auf einer Couch – weil draußen die Straße einige Zentimeter hoch mit Eis bedeckt ist haben ihn die Eltern rein getragen.
– Er schreit und ist ansprechbar, versteht auch was gerade rund um ihn herum passiert.

Was zu allererst passiert: 

– Wir lassen in vorerst in der vorgefundenen Lage, er bekommt offensichtlich genug Luft (Wer schreit bekommt gut Luft).
– Der Notarzt spricht mit dem Jungen und kann ihn recht schnell beruhigen.

Nachdem der Arzt ein bisschen mit dem kleinen Patienten geredet hat, schneiden wir ihm die dicke Daunenjacke und die Jeanshose auf (ja, wir haben jetzt ein bisschen Feder-Chaos um uns herum).
Der kleine Mann spürt alle Extremitäten, kann uns gut Antworten geben und hat Bauchschmerzen. Es ist keine offensichtliche Fraktur zu erkennen, keine Fehlstellung, der Rücken ist zu ca. 40% mit Schürfwunden bedeckt, Puls ist gut tastbar, Blutdruck in Ordnung und der Kopf hat offensichtlich nichts abbekommen.
Wir entscheiden uns deshalb, das Ganze etwas langsamer angehen zu lassen, um den Jungen nicht noch mehr Stress auszusetzen.

Der Notarzt erreicht den Arm des Kleinen sehr gut, die Venen sehen super aus, Zugang i.v. wird also gleich in Bauchlage in den Arm gestochen. Da die Schmerzen momentan nicht allzu groß sind, entscheidet sich der Arzt vorerst für eine Infusion ohne Schmerzmittel, das Ampullarium bleibt allerdings immer griffbereit in der Nähe.

Ich pendel immer wieder hin und her zwischen dem Eingang um meinem Kollegen zu sagen, was wir aus dem RTW noch brauchen und dem Patienten, um die anderen bei diversen Kleinigkeiten zu unterstützen. Dabei komme ich natürlich immer wieder an der ganzen Familie vorbei, der Vater steht stocksteif herum, die Hände vors Gesicht geschlagen. Ich versuche immer wieder sie alle zu beruhigen, aber das bringt beim Vater natürlich momentan gar nichts.

Den kleinen Patienten packen wir dann gut in die Vakuummatratze ein. Das Abdomen ist nur ganz leicht hart, kein Druckschmerz. Aufgrund der fehlenden zusätzlichen Anzeichen auf Blutungen in das Abdomen gehen wir aber davon aus, dass hier die Muskeln verhärtet sind und/oder dass er zu viel Luft durch das Schreien geschluckt hat.
Der Junge hat sich in der Zwischenzeit wirklich gut beruhigt, er bleibt ganz brav ganz still liegen, schreit nicht mehr und spricht immer noch mit uns. Wir legen unsere Verdachtsdiagnose mit „Akutes Abdomen nach stumpfem Bauchtrauma“ fest.

Ganz langsam fahre ich dann aus den Gassen hinaus. Sind rumpelige Straßen und man will nur ja so sanft wie möglich fahren. Auf der Bundesstraße dann so schnell es geht mit Blaulicht und Folgetonhorn – es könnte ja auch langsam in irgendeine Körperhohle einbluten, das will man so schnell wie möglich geklärt haben. Wir sind im Schockraum angemeldet und ab halber Strecke lässt uns der Arzt auch noch Polizeibegleitung und Ampelschaltung organisieren – verständlich, ist Sonntag Abend doch meist ziemlich viel los auf unseren Straßen. Hat dann mit denen auch wunderbar funktioniert, freie Fahrt und vor allem freigeräumte Kreuzungen sind in diesem Fall der Himmel für mich gewesen – ein Stressfaktor wird dadurch nämlich um einiges reduziert!

Im Krankenhaus übergeben wir einen immer noch wachen und für die Situation doch ruhigen Patienten, das ganze Team steht schon angespannt in den Startlöchern. Auch wir dürften nicht gerade locker gewirkt haben.
Übergabe, Auto auffüllen, Zigarette, Besprechung. Hat alles toll funktioniert, da sind wir uns einig. Und unser Verdacht, dass der kleine Herr zu viel Luft geschluckt hat und deshalb ein verhärtetes Abdomen hat wird uns noch vor Ort bestätigt.

Wir machen uns also auf den Heimweg, bekommen dann noch einen Anruf: Dem Kleinen geht es soweit gut, er ist stabil, hat keine inneren Blutungen, einzig die Milz hat einen leichten Haarriss, allerdings so schwach, dass (vorerst) nicht operiert werden muss. Und mehr als Luft war da dann im Bauchraum auch wirklich nicht drin. Kein Knochen gebrochen oder angebrochen.
Mir fällt ein Stein vom Herzen, wirklich.

1000 Schutzengel und keinen weniger hatte der Kleine. Und ich hoffe sie bleiben ihm erhalten und beschützen ihn weiter so gut wie dieses eine Mal.

Aber gut, ich wollte doch eigentlich über Emotionen bei tragischen Einsätzen reden.
Dieser Einsatz wird mir wohl noch sehr sehr lange in Erinnerung bleiben und ich bin mir auch sicher, dass die Emotionen dazu auch nicht so schnell verschwinden werden. Kindereinsätze sind nun mal emotional. Allerdings muss ich hier auch sagen, dass die Freude über den positiven Ausgang dieses Einsatzes bei weitem überwiegt. Wenn ich heute Kinder bei parkenden Autos spielen sehe habe ich fast schon den Zwang zu ihnen hinzugehen und sie zu bitte, doch bitte wo anders weiter zu spielen. Ich möchte um der gesamten Familie wegen nicht nochmal zu so einem Einsatz fahren müssen…
Trotz dem guten Ausgang läuft es mir immer noch manchmal kalt über den Rücken runter wenn wir wieder mal darauf zu sprechen kommen. Es hätte ja sonst was passieren können. Aber daran versuche ich nicht zu denken.

 

Kampf dem Herztod #1

So, nun bin auch ich in der Aktionswoche zum Kampf gegen den Herztod angekommen. Der Stress gestern hat mich etwas aufgehalten. (Ja ich weiß: Stress ist schlecht fürs Herz!)

Warum „Kampf dem Herztod“?
Weil es wichtig ist, Bescheid zu wissen. Weil selbst Laien, also nicht-medizinisches Personal, einige Fragen ohne viel nachzudenken beantworten können sollte. Um im Notfall wirklich helfen zu können. Also Leute, lest euch das hier und die Artikel von Alltag im RettungsdienstHermione und Krangewarefahrer durch und beantwortet danach folgende Fragen:
– Erkenne ich Herzprobleme, wenn ich oder jemand anderer sie hat?
– Auf was werde ich achten, um Herzprobleme zu erkennen?
– Was muss ich tun, wenn jemand Herzprobleme hat?
– Welche Nummer muss ich anrufen?
– Wie lange ist mein letzter Erste-Hilfe-(Auffrischungs-)Kurs her? Sollte ich wieder einen machen?
– Kann ich mich vor einem Herzinfarkt schützen?

Es muss nicht immer gleich ein ganz fataler Herzinfarkt mit Todesfolge sein, Herzinfarkte können auch klein sein und man kann durchaus sowohl kleine als auch größere Herzinfarkte überleben. Es muss auch gar kein Herzinfarkt sein, auch andere Erkrankungen dieses Organs können schlimme Folgen haben. Ist das Herz einmal geschädigt, arbeitet es nicht mehr so gut wie vorher und dadurch erhöht sich das Risiko erneuter Probleme.

Nun zu meiner ersten Geschichte, tatsächlich so passiert und wie aus dem Lehrbuch geschnitten:

Edi ist 56 Jahre alt und arbeitet in einem Büro. Er hat noch zwei Jahre, dann kann er in Pension gehen. Er freut sich darauf, auch wenn er eigentlich gerne arbeitet.
Edi ist ein sportlicher Mann. Er läuft seit über 30 Jahren nahezu jeden Tag seine paar Kilometer um fit zu bleiben. Er will das Leben ja immerhin gesund genießen. Außerdem spielt er nebenbei mit ein paar anderen Männern vom Dorf Fußball.
Vor ungefähr zwei Wochen war Edi krank, er ist mit Grippe drei Tage zuhause geblieben, als das Fieber weg war ist er dann aber wieder in die Arbeit gegangen, das bisschen Husten macht ihm ja nichts aus.

Edi wird heute eine Stunde bevor sein Wecker läutet wach. Er hat komische Schmerzen in der Brust, scheint so, als sei die Grippe zurück. Aber jetzt wieder schlafen gehen – zahlt sich auch nicht mehr aus, er muss dann sowieso in die Arbeit.
Aber die Schmerzen werden schlimmer und er legt sich wieder ins Bett, ruft den Notruf an. So starke Schmerzen hat man bei einer Grippe doch nicht oder? Er hat jetzt schon Angst, dass sein Herz irgendetwas haben könnte.

Um halb 6 Uhr morgens läuten unsere Pager. Etwas außerhalb der Stadt hat jemand Schmerzen in der Brust. Vorerst sind wir solo, also nur der RTW ohne Notarztwagen unterwegs, auf ca. halber Strecke erfahren wir, dass der Notarzt doch mitkommt. Nach ca. 12 Minuten haben wir den Einsatzort erreicht und nehmen auch gleich mal den Monitor und Defi und eigentlich alles mit. Beim Stichwort „Schmerzen in der Brust“ hat man besser mal alles gleich von Anfang an mit, besser zu viel als zu wenig.

Edi öffnet die Tür, es tut mittlerweile so schrecklich weh, dass er nur gekrümmt zur Tür gehen kann, und das auch nur sehr langsam.Er greift sich auf die Brust und atmet angestrengt. Solche Schmerzen sind mehr als nur Grippe. Aber jetzt ist ja jemand da, der ihm helfen kann.

Der Mann der uns die Türe öffnet hat offensichtlich schwere Probleme. Er greift sich an die Brust, kann nur schwer mit uns sprechen und verzieht voll Schmerz das Gesicht. Ich bringe ihn sofort ins Bett, so viele Polster und Decken wie möglich unter den Rücken und Sauerstoffmaske aufs Gesicht. Jetzt soll es schnell gehen. Das ist der erste Patient den ich in meiner Laufbahn sehe, dem man den Herzinfarkt wirklich im Gesicht ansieht.

Klassische Schmerzen, von der linken Schulter über das Schlüsselbein zur Brust und in den linken Arm, ungefähr bis zum Ellbogen. Brennende Schmerzen, mit einem Punkt, der wohl der Ursprung allen Übels ist: direkt über dem Herzen fühlt es sich an, als ob ihm jemand einen glühenden Pfahl in die Brust gerammt hätte. Außerdem ist unser Patient blass und schwitzt auch etwas.

Ja, seit circa einer dreiviertel Stunde, immer stärker werdende Schmerzen. Nein, die strahlen schon von Anfang an so weit aus. Hat sich anfangs angefühlt, als hätte Edi sich die Schulter blöd gedreht beim Schlafen, Zerrung oder so. Nein, er nimmt gar keine Medikamente, bloß vor zwei Wochen gegen seine Grippe, aber da auch nur Schmerztabletten und etwas gegen den Husten.Es ist auch nichts bekannt, Edi hat keine Krankheiten, schon gar nicht mit dem Herzen. Irgendwann war da mal was mit erhöhtem Blutdruck, aber mit dem Sport ist das dann wieder besser geworden.

Wir haben mittlerweile ein EKG geklebt, gleich mal das Große, um uns das Herz wirklich genau anschauen zu können. Wird wohl wirklich Zeit, dass der Notarzt daher kommt, der Patient braucht dringend Medikamente! Selbst mein „EKG-Anfänger“, der heute mit ist, sieht, dass hier etwas nicht stimmt. Es scheint tatsächlich ein ausgewachsener Herzinfarkt zu sein.

Edi fragt nach Schmerzmitteln, es tut so schrecklich weh. Da hört er nebenbei auch schon, dass seine Türe nochmal aufgeht. Jetzt kommen hier noch vier Menschen mehr in das kleine Schlafzimmer.

Der Notarzt schaut sich das EKG noch an, die Notfallsanitäter ziehen in der Zwischenzeit die Medikamente auf und meine beiden Begleiter richten das Fahrzeug für den Transport her. Alles geht nach dem Standardprocedere, darauf sind wir trainiert.

Edi darf das Krankenhaus nach 29 Tagen wieder verlassen. Es wurde ein Hinterwandinfarkt diagnostiziert. Es war wohl nicht die beste Idee, mit einer Grippe arbeiten zu gehen. Auf Sport muss er jetzt erst einmal verzichten, auch wenn Sport grundsätzlich gut für das Herz ist, darf er es jetzt noch nicht überanstrengend und muss sich zuerst ganz erholen.

Man muss nicht immer Raucher, Alkoholiker, übergewichtig oder mit Vorerkrankungen belastet sein. Ein Herzinfarkt kann jeden treffen. Es gibt natürlich gewisse Risikofaktoren – Alter, Nikotin, Essgewohnheiten, Bewegung – aber die allein sind nicht ausschlaggebend für einen Herzinfarkt.

Edi hatte Glück, er hat seinen Herzinfarkt überlebt. Trotzdem zählt im Ernstfall jede Sekunde. Egal ob Herzinfarkt oder eine andere Erkrankung des Herzens, es kann immer sehr gefährlich werden. Also besser sofort 144 (in Österreich) oder 112 (in Deutschland) oder was auch immer ihr bei euch für Notrufnummern habt anrufen. Besser einmal zu oft als einmal zu wenig.
Schafft ihr es jetzt eigentlich, die Fragen zu beantworten?
Falls nicht – vielleicht nach Teil 2? (folgt die nächsten Tage)

Verrutscht…?

Endlich habe ich wieder etwas Zeit meine Geschichten aufzuarbeiten. Hier kommt mal wieder eine Geschichte, die (für meine Verhältnisse) schon ziemlich lange her ist. 

Sturz, viel Blut
– oder so ähnlich steht in der Alarmierung, ich weiß es nicht mehr so genau. Wir fahren aber solo, ohne NAW.

Es ist Dienstagnacht, kurz nach Mitternacht. Ich und der Kollege sind vorm Fernseher eingeschlafen als uns der Pager mit dieser Meldung aus unseren Träumen reißt.

Die Anfahrt ist kurz, aber wir müssen zuerst mal den richtigen Eingang im Hof suchen, es wurde uns kein Licht aufgedreht und keine Tür aufgemacht. Hinter der richtigen Tür ist dann aber auch schon Schluss, weiter komme ich nicht. Ein „Raum“, gerade mal 1m² groß, links geht gleich die Treppe weg und die anderen beiden Wände sind zugestellt mit Kleiderhaken und Schirmständer. Außerdem steht in diesem Raum auch noch der Ehemann. Und da auf der Treppe sitzt unsere Patientin.

Erstmal sehe ich wirklich nur Blut und denke mir so „Ach du….“ – sie musste die Treppe heruntergefallen sein, die kleinen Teppiche in der Biegung oben sind verrutscht und an der Wand gegenüber der Stufen klebt Blut. Nachdem hier absolut kein Platz zum Arbeiten ist, müssen wir tricksen. Ich stabilisiere den Kopf der Patientin mit meinen Händen erstmal frontal – also indem ich den Kopf von vorne mit meinen Händen fixiere – sie will sich weiter bewegen. Bei so einem Sturz könnte das aber üble Folgen haben. Ich rufe meinen Kollegen, der noch vor der Tür steht weil drinnen wie gesagt kein Platz ist. Ok, tricksen. Der Kollege übernimmt den Kopf während ich mich hinter die Patientin setze, ich nehme den Kopf wieder damit er Platz hat ihr die Halskrause anzulegen. Jetzt schicke ich ihn das Verbandsmaterial vom Rucksack draußen holen, ich nehme der Dame mal das Taschentuch aus der Hand, das sie an ihre Stirn drückt.

Und dann erschrecke ich ein zweites Mal. „Bitte Notarzt rufen, große Kopfverletzung nach Sturz über die Treppen“ rufe ich dem Kollegen zu. Der reagiert sofort – er braucht nicht nochmal drauf schauen, er vertraut mir – und gibt das über den Funk an die Leitstelle weiter. Die Dame hat eine „Platzwunde“ am Kopf, die ca. 9-10 cm lang ist, vom Haaransatz bis zur Mitte des Schädels nach hinten verlaufend. Und sie ist tief – so tief, dass wir ihren Schädelknochen sehen können. Durch die große Wunde und die Macht der Schwerkraft ist ihr im wahrsten Sinne des Wortes „das Gesicht verrutscht“ – die Wunde klafft auseinander und dadurch rutscht die gesamte Haut zur Seite und macht ein paar Zentimeter darunter Falten, nein, richtige Wellen.

Vom Platz her ist Arbeiten in dieser Umgebung der Wahnsinn. Platzmanagement wird normalerweise groß geschrieben im Rettungsdienst – um ordentliche Versorgungen hinzubekommen, ist eine gute Struktur beim Auflegen des Materials wichtig. In diesem Fall hatten wir einfach nicht den Platz, um uns ordentlich zu strukturieren. Deshalb mussten wir beim Kopf fixieren tricksen.

Mehr als eine Wundauflage drauflegen und sie weiter untersuchen können wir momentan nicht machen, der Notarzt ist aber schnell da. Die Erstuntersuchung ergibt keine direkten Hinweise auf eine Hirnblutung oder Ähnliches – erstmal gleich große Pupillen, kein Kraftverlust in einem der Arme, kein Lähmungsgefühl. Sprachschwierigkeiten hat sie, wir wissen aber nicht, ob es ihr bloß durch das herausgefallenen dritte Gebiss schwer fällt, normal zu reden. Es ist zu früh für die klassischen Anzeichen, vermuten wir zumindest, immerhin sind wir wirklich schnell hier gewesen.
Mit Hilfe der NAW-Besatzung schaffen wir es, die Dame behutsam auf die Trage zu schaffen, danach bekommt sie vom Arzt das volle Programm und wird ins Krankenhaus gebracht. Auf der Fahrt dorthin prägen sich anscheinend dann auch die typischen Anzeichen für eine Hirnblutung aus.

Eineinhalb Jahre später erfahre ich durch Zufall, dass unsere Patientin durch den Sturz eine Hirnblutung hatte und nun ein Pflegefall ist. Die Verletzungen durch den Sturz waren einfach zu groß, um ohne spätere Folgen davon zu kommen – weder wir noch das Krankenhaus hätten hier etwas daran ändern können. 

Notfallsanitäter-Kurs – das Ende, Teil 2

Fortsetzung zu Notfallsanitäter-Kurs – das Ende, Teil 1

Station 5: „Bus Stop“
Linienbus im Freigelände
Das es was mit einem Bus zu tun hat, wissen wir ja schon. Trauma? Massenanfall an Verletzten? Internistisch?
Szenario:
Der Trainer fragt uns, ob wir bereit wären, für ein Experiment. Dafür, dass er uns die Station extra schwer gestaltet, dürfen wir gleich als Fünfer-Team durchstarten. Es ist ein Experiment, somit also nicht ganz soooo streng bewertet…
Die Alarmierung lautet „Fußverletzung“ im Bus nach Notbremsung. Der „Busfahrer“ (= Trainer) erzählt uns, dass eine Dame während der Fahrt gestanden sei. Er musste eine Notbremsung machen, daraufhin sei die Dame nach vorn gefallen und zwischen den Reihen zu liegen gekommen. Sie schreit und kommt selbst  nicht mehr auf. Die anderen Fahrgäste hat der Busfahrer bereits aus dem Bus aussteigen lassen, alle beiden Eingänge sind offen und frei für uns.
Das Arbeiten:
Wir machen uns aus, dass meine Kollegin hier gerne wieder Teamleaderin wäre. Sie geht als erstes durch den hinteren Eingang in den Bus und lokalisiert die Patientin. Sie liegt im Mittelgang zwischen den Reihen, mit den Füßen zu uns, offensichtlich hat sie große Schmerzen. Meine Kollegin geht sofort zu ihr, quält sich über die Sitze so hin, dass sie das Szenario gut im Blick hat und zeitgleich die Patientin untersuchen kann. Ich bin die zweite hinter ihr, schicke einen Kollegen von vorne zur Patientin um den Kopf zu fixieren, selbst sehe ich mir das Bein genauer an, dass zwischen den Sitzen eingeklemmt und verdreht ist – daher also auch die Schmerzen.
So, wie bekommen wie die Patientin mit möglicher Wirbelsäulenverletzung und offensichtlicher Unterschenkel-Verletzung nun möglichst schonend aus dem 45°C heißen Bus? Jaaaa, wir bereuen zu diesem Zeitpunkt, „Extra Schwer“ bestellt zu haben…
Die Station ist eine Spineboard-Improvisations-Übung, hier sollen alle Teams einfach lernen, unter erschwerten Bedingungen mit dem Brett zu üben.
Idee 1: Wir drehen die auf der Seite liegende Patientin auf den Rücken, um ihr die Halskrause anlegen zu können. Dann drehen wir sie wieder auf die Seite, um sie auf das Spineboard ziehen zu können. Meine Gedanken dazu: Bullshit – wäre einmal extra drehen! Patientenschonung??
Idee 2: Patientin liegt perfekt da, um sie aufs Spineboard zu bekommen. Warum nicht den Kopf weiter manuell fixieren – immerhin sind wir fünf Leute, da kann ich einen gut dafür verwenden – und am Spineboard dann die Halskrause anlegen? Einmal weniger drehen = Patientinschonung!!
Jetzt wird wohl erstmal diskutiert. Teamleader muss entscheiden, was gemacht wird. Nach ewigem diskutieren entscheidet die Teamleaderin mithilfe des Trainers, dass wir doch Idee 2 nehmen – Gott sei Dank! Mit viel hin und her und „wie geht das am Besten?“ bekommen wir die Patientin dann doch raus…
Verbesserungen:
Nachdem wir die Experiment-Gruppe waren, gibt es nur zu sagen, dass wir an unserem Tempo arbeiten müssen. Die Kommunikation hat funktioniert, wir müssen allerdings sicherer werden und dürfen auch nicht mehr so lange diskutieren. Sch… auf Stifneck (HWS-Schiene) wenn du jemanden hast, der manuell fixieren kann! Dadurch wird der Kopf sogar besser stabilisiert!
Fazit:
Naja, nicht die Meisterleistung, aber auch nicht schlecht. Ich bin stolz, dass ich auf die Idee mit dem Spineboard sofort drunter schieben gekommen bin, aber nicht darauf, dass wir dann so lange gebraucht haben. Die Station an sich war aber absolut geil! Wer darf schon mal in einem Bus sowas üben?

So, jetzt hab ich ein Problem: mein Kreislauf sackt zusammen. Ich quäle mich schnellstmöglich zur nächsten Station, die in der Halle stattfindet. Wasser in den Nacken, hinlegen, Beine hoch. Hilft nur mäßig…
Die nächsten Stationen muss ich aussetzen, ich hätte es nicht geschafft. Deshalb hier nur ganz kurze Erklärungen dazu:

Station 6: „Under Pressure“
Ich habe die Station zwar verfolgt, aber nur am Rande. Ich war ja immer noch damit beschäftigt nicht in bewusstlos zu werden. 
Hierbei ist die Patientin eine KFZ-Mechanikerin. Das Auto steht auf einem Wagenheber, der allerdings kaputt wurde, während sie noch mit den Beinen unter dem Fahrzeug war. Das schwere Auto ist nach unten gefallen und durch die Wucht hat es ihr das Bein zertrümmert. Außerdem hat sie eine starke Spritzblutung aus der Oberschenkelarterie.
Ziel der Station: richtigen Punkt zum Abdrücken in der Leistenbeuge finden und einen schnellstmöglichen Transport organisieren.

Station 7: „Breathelss“
Ich wäre soweit eigentlich wieder fit. Die Trainer lassen mich allerdings nicht in den Bus, wo diese Station stattfindet. Es ist dort einfach zu heiß. Ich muss im Schatten warten.
Ich bekomme von der Station also auch nicht wirklich was mit. Was mir erzählt wird: Fahrgast im Bus erleidet Herzinfarkt, kontinuierliche Zustandsverschlechterung während Anamnese bis hin zum Atem-Kreislauf-Stillstand.
Ziel der Station: Platzmanagement bei Reanimation

Station 8: „Burnin‘ Alive“
Auch hier hätte ich gerne mitgemacht, da es aber auf der Terrasse war, meinten die Trainer wieder, dass ich mich in den Schatten setzen soll. Hier war auch das Zusehen spannend, mit so einem Szenario hätte niemand gerechnet.
Klar, es hat was mit Verbrennung zu tun. Vater wirft den Grill an und meint mit Brennspiritus geht das alles schneller. Blöd nur, dass es dadurch eine kleine Explosion gibt. Vater verletzt, Sohn (5 Jahre) ebenso. Vater legt Kind noch in das Planschbecken, um ihn zu kühlen.
Der Vater ist recht schnell versorgt – Erwachsene verkraften Verbrennungen besser als Kinder. Beim Kind geht es allerdings bis zum Atem-Kreislauf-Stillstand. Es wurde also noch schnell eine Kinder-Reanimation eingebaut in dem Szenario.
Man merkt mittlerweile allen an, dass es für heute reicht. Niemand ist mehr zu irgendwas fähig, es ist einfach zu heiß. In dem Szenario funktioniert hauptsächlich das Platzmanagement nicht, obwohl wir das alle mittlerweile schon mit links machen könnten.

Station 9: „Killing Me Softly“
Hier war ich wieder dabei und wollte auch Teamleader sein. Wurde mir erlaubt, meinem Kreislauf ging es nach drei Pausen wieder angemessen gut.
Szenario:
Wir werden vom Ex-Freund gerufen, weil die Patientin sich in der Wohnung eingesperrt hat und nicht antwortet. Er befürchtet, dass sie wegen ihren psychischen Problemen Mist gebaut hat.
Nach der „Türöffnung“ durch Feuerwehr und Polizei betreten wir eine leere Wohnung, finden allerdings Zigaretten, Alkohol und Tabletten. Das Fenster ist offen. Ich ahne schlimmes, sehe nach draußen und mein Verdacht bestätigt sich.
Das Arbeiten:
Den Kollegen schicke ich mit der Trage und dem schweren Material runter, die Kollegin und ich laufen mit dem nötigsten (Notfallrucksack, Sauerstoff, Halskrause, Defi) nach unten. Die Patientin liegt auf dem Bauch, sie ist eingetrübt aber ansprechbar. Schwierig ist auch, dass der Ex-Freund (= Trainer) hier Tamtam macht und den Einsatz stört. Allgemein schaffen wir es aber im Team, die Dame recht schnell zu versorgen (offene Unterschenkelfraktur).
Verbesserungen:
Hier wird dann schon milder bewertet, es war ein langer Tag und neun Stationen sind nicht ohne bei 35°C im Schatten. Auch unsere immer wieder auftauchenden, teilweise wirklich blöden Meldungen während dieser Station wurden geduldet, genauso wie die Pause, weil wir alle einen Lachanfall bekommen hatten. Wir haben alles fast zur Zufriedenheit des Trainers gemacht – hier gehört aber noch ein bisschen ABCDE-Training gemacht. Die Versorgung hat hier tadellos geklappt.
Fazit:
Total geile Station. Ich bin so froh, dass ich hier die Teamleitung übernommen habe! Es war nicht einfach, weil ich einen Traumapatienten vor mir liegen hatte, der zeitgleich alkoholisiert und psychisch etwas angeknackst war. Zusätzlich war natürlich noch der Ex-Freund da, der einfach nur nervig war.

FAZIT DES TAGES:
Hoch lebe der Grillmeister!
Hoch lebe der Erfinder der Duschen!!
Hoch lebe mein Bett!!!
Nach der Übung gingen wir uns alle duschen, unsere Kleidung konnte man mittlerweile auswringen. Dann wartete schon die Abschlussgrillfeier auf uns. Es war traumhaft! So soll ein Kurs enden. Zumindest ein so anstrengender, fordernder Tag.
Ein bisschen Wehmut ist beim Verabschieden dabei – immerhin bin ich in dem Kurs die einzige Auswärtige, ich werde die anderen nicht mehr bzw. fast nicht mehr sehen. Und einige davon sind mir wirklich sehr ans Herz gewachsen. Es war eine tolle Truppe!

Notfallsanitäter-Kurs – das Ende, Teil 1

Sooo, nach einer anstrengenden Kurswoche und danach einer Woche Urlaub melde ich mich hier wieder mit dem Abschluss meines Kurses.
Es ist vorbei, einfach aus und vorbei. Die drei Monate sind eigentlich wie im Flug vergangen, auch wenn wir alle immer wieder gejammert haben. Nein, es kommt mir wirklich nicht so vor, als ob das drei Monate gewesen wären.

Aber was war denn jetzt in der letzten Woche noch alles?
Dienstag wieder mal 4 Stunden abends. Hier nochmal ein bisschen was zur Einsatztaktik und berufsspezifischen rechtlichen Grundlagen. Die beiden Themen hatten wir eigentlich schon gemacht, Stoff fürs Lernen zu Hause hatten wir auch, in diesen jeweils zwei Stunden wurden aber noch allfällige Fragen unsererseits geklärt. Hier kamen auch gleich wieder ganz spannende Themen auf, die wir auch noch eeeeewig diskutieren hätten können.

Donnerstag dann nochmal 4 Stunden, dieses Mal aber schon praktische Übungen. War jetzt nicht sooo spannend, eher die Vorbereitung auf den Samstag. Da ging’s dann so richtig zur Sache! So einen heftigen Übungstag hatte ich auch noch nie!
Aber von Anfang an:
Eintreffen beim Kurs, Austeilen der Zeit- und Locationpläne und Zuteilung in die jeweiligen Übungsgruppen ist schnell erledigt. In unseren zugelosten 5er-Gruppen machen wir uns dann auch auf den Weg zur ersten Station.

Wer Inspirationen sucht für ebensolche Übungstage oder einfach lesen will, wie ich an diesem Tag gelitten habe, kann hier gerne weiterlesen. Es werden aber insgesamt 9 Stationen mehr oder weniger detailliert beschrieben. Wer bloß die Zusammenfassung lesen will – Pech gehabt, ihr versäumt was. Könnt es aber trotzdem ganz unten noch lesen 😉

Station 1: „Hit The Wall“
PKW im Freigelände
In unserer Gruppe sind wir 3 Burschen und 2 Mädels. Da bei dieser Station (vorläufig) nur 3 Personen – ein RTW-Team – arbeiten werden, machen wir beiden Mädels es uns nebenbei mal mehr oder weniger bequem. Eher weniger, wenn man bedenkt, dass es um 9:15 Uhr schon knapp 30°C hat und wir hier am Parkplatz keinen Schatten finden können und wir außerdem die doch schön wärmende Uniform anhaben.
Szenario:
verunfalltes Fahrzeug, offensichtlich gegen eine Mauer gefahren – eine Person angeschnallt am Fahrersitz im PKW, Lenkradairbag offen – zu erkennen eine Kopfplatzwunde – kurz nach Eintreffen des RTWs beginnt es aus der Motorhaube weiß zu rauchen/dampfen.
Das Arbeiten: 
Ein Teammitglied spricht den Patienten an, ein zweites fixiert von der Rückbank aus den Kopf des Verletzten. Der dritte Sanitäter erkennt, dass es aus der Motorhaube raucht, nach kurzem Rundumblick und Einschätzung der Situation entscheidet sich der Teamleader für eine Crashbergung um schnell von dem Fahrzeug weg zu kommen. Der Verletzte wird aus der Gefahrenzone mittels Rautekgriff herausbefördert, auf ein Spineboard gelegt, Halskrause drauf und festschnallen. Weitere Anamnese im RTW. Der Patient gibt Brustschmerzen an, die anscheinend auch zu dem Unfall geführt haben – er konnte sich nicht mehr auf das Fahren konzentrieren. Ähnliche Schmerzen sind dem Fahrer schon bekannt, er leidet unter der KHK. Außer einer Kopfplatzwunde auf der Stirn können keine weiteren Verletzungen gefunden werden. Das RTW-Team entscheidet sich, dem Verdacht „Herzinfarkt/ACS bei bestehender KHK“ nachzugehen und den Patienten auf eine Ambulanz der Inneren Medizin zu bringen.
Verbesserungen:
Feuerlöscher! Hat jeder RTW dabei, die Zeit muss im Einsatz einfach sein, dass ich den schnell hole und bereitstelle. Außerdem ist weißer Dampf aus der Motorhaube meist nur Kühlwasser, das auf den heißen Motor tropft und verdampft – solange keine eindeutigen Brandzeichen wahrzunehmen sind, sollte der Patient zumindest noch mit einer Halskrause versorgt und mit Spineboard oder Rettungsboa schonend aus dem Fahrzeug geholt werden.
Die Entscheidung „Innere Medizin“ ist primär nicht schlecht, allerdings gehören vorher auch eventuelle Wirbelsäulentraumata ausgeschlossen, die bei diesem Unfallhergang sehrwohl möglich sein können. Somit wäre es am geschicktesten, den Patienten für den Schockraum anzumelden, und dort direkt den Radiologen, Unfallchirurgen UND einen Internisten hinzubeordern. Somit haben wir bei der Übergabe gleich alle nötigen Ärzte anwesend.
Fazit: 
Angenehme Station zum „aufwärmen“ und definitv mal etwas anderes. Eine solche Kombination aus Trauma und Herzerkrankung sieht man nicht oft in Übungen.

Station 2: „Wild Horses“
Reithalle (= Lehrsaal)
Hier arbeiten meine Kollegin und ich, zusammen mit einem der Burschen.
Szenario: 
Sturz vom Pferd in der Reithalle – das Pferd wurde bereits in die Box zurück gebracht. Zu sehen ist eine Sprunghürde, bei der ein Balken heruntergefallen ist, beim Balken eine reglose Person am Boden. Keine offensichtlichen Verletzungen.
Das Arbeiten: 
HALT DIE NUSS! Ich spreche die Patientin an, und fixiere gleich manuell den Kopf, meine Kollegin macht eine Atemkontrolle und stellt fest, dass die Verletzte bewusstlos ist. Da wir von einem Trauma ausgehen müssen, entscheiden wir uns vorläufig für freihalten der Atemwege durch Esmarch-Handgriff unter weiterer manueller HWS-Fixierung. Im Laufe des Trauma-Checks kommt die Reiterin wieder zu sich, wir legen eine HWS-Schiene an und die Patientin kann jetzt auch befragt werden. Außer einem stumpfen Bauchtrauma durch Huftritt sind keine weiteren Verletzungen zu erheben, das ABC hat keine Probleme aufgezeigt, bloß neurologisch auffällig war die junge Dame. Da natürlich auch von einer Gehirnerschütterung ausgegangen werden muss, eventuell sogar ein für uns (noch) nicht sichtbares SHT, denken wir, dass die Auffälligkeit davon kommt und wollen schnellstmöglich ins Kranknehaus. Wir machen die Patientin transportfertig und heben sie mit der Schaufeltrage auf die Vakuummatratze. Wir sind damit recht schnell fertig, und erklären dem Stationsbeobachter nur noch, was im RTW auf der Fahrt alles noch gemacht werden würde.
Verbesserungen: 
Auslöser für den Sturz vom Pferd war eigentlich eine Hypoglykämie – Unterzucker. Wir sind nicht drauf gekommen, da die Patientin von selbst wieder zu sich gekommen ist und sie auch beim SAMPLER mit keinem Wort ihr bestehendes Diabetes erwähnt hat. Wir haben dann am Unfallort nicht Blutzucker gemessen, hätten es erst im Fahrzeug gemacht (im Fahrzeug werden immer die restlichen Werte erhoben, wenn am Unfallort entschieden wird, dass wir schnell in den RTW kommen und transportieren wollen). Somit haben wir den Auslöser übersehen und sie wäre uns mit Sicherheit bald wieder bewusstlos geworden, da der Zuckerspiegel ja weiter sinkt.
Fazit:
VERGISS DEN BLUTZUCKER NIE MEHR WIEDER!!! Immer wieder und wieder kommen Übungen, die ein Trauma sind, aber deren Auslöser eine Hypoglykämie sind. Und immer wieder kann so etwas auch im Realeinsatz vorkommen. Ansonsten war die Traumaversorgung, die in diesem Fall trotzdem Vorrang hatte,  nicht schlecht und recht rasch, auch das mit dem Esmarch-Handgriff wurde positiv bewertet. Trotzdem wäre allerspätestens bei der Übergabe im Krankenhaus die Meldung unsererseits nötig geworden, dass die Dame Diabetikerin ist. Und hätten wir im RTW vergessen auch das zu messen, hätten wir diese Info nicht einmal gehabt.

Station 3: „I Just Wanna Live“
Badezimmer
Hier werden als erstes drei Leute eingesetzt, ein RTW-Team. Als nächstes wird während dem Szenario gewechselt, zum Schluss kommt noch ein „Arzt“ (= Stationsbeobachter) + Notfallsanitäter dazu, es sind dann alle fünf im Einsatz.
Szenario: 
An der Wohnungstür erwartet uns eine aufgebrachte Frau, ihrem Mann gehe es nicht gut und jetzt wäre er im Badezimmer. Sie führt uns hin, die drei Sanitäter betreten den Raum. Der Patient liegt auf dem Badezimmerboden, die Füße in der Dusche, keine Reaktion auf Ansprechen.
Das Arbeiten: 
Die Teamleaderin macht den Notfallcheck und stellt fest, dass der Patient nicht atmet. Schnell wird entschieden, dass ein Notarztmittel nachgefordert werden so. Außerdem wird der Patient nach draußen auf den Gang gebracht – im Badezimmer wäre später nicht genug Platz für eine Reanimation, vier Sanitäter und einen Arzt. Das Team startet im ganz normalen BLS (Basic Life Support), Herzdruckmassage, Intubation mit Larynxtubus, Defi (AED über die EKG-Einheit). Während hier gearbeitet wird, wird nach jedem 2-Minuten-Zyklus (in jeder Analysephase) gewechselt, so werden auch die beiden Zuschauenden Teilnehmer nach und nach ausgewechselt mit dem arbeitenden Team, damit jeder einmal HDM machen kann. Dann kommt der Arzt dazu, jetzt sind wir alle fünf Gruppenmitglieder und der Trainer im Einsatz. Hier wird umgeschwenkt zu ALS (Advanced Life Support). Es werden Zugänge gelegt, Infusion angehängt, die Medikamente werden aufgezogen und verabreicht. Die Dosierungen müssen wir wissen, das fragt uns der Trainer auch noch. Zusammen schaffen wir die richtigen Medikamentennamen und -dosierungen: L-Adrenalin pur war sowieso klar, Sedacoron werden 300mg gebraucht, da mussten wir mal ausdiskutieren welche Größe die Ampulle hat und wieviele mg da drin sind. Mit 50mg/ml, also 150mg in der 3ml Ampulle, haben wir dann auch die richtige Antwort gefunden. Nebenbei wird natürlich die Reanimation weitergeführt.
Der Patient hat plötzlich wieder einen eigenen Kreislauf, er beginnt gegen den Tubus zu atmen und jetzt müssen wir die Medikamente und Dosierungen zur Relaxierung wissen. Ich weiß sie leider nicht, ich bin auf einer anderen Dienststelle und wir verwenden andere Medikamente dafür. Die kenne ich natürlich, aber die, die dort am Kursort verwendet werden natürlich nicht.
Verbesserungen: 
Wir haben in dem ganzen Trubel und den Wechseln der Mannschaft ganz vergessen, dass wir die EKG-Einheit vom AED-Modus in den Manuellen Schockmodus schalten, als der Arzt angekommen ist. Ist normalerweise Standard, wir hatten auch alle schon mal so eine Situation im Realeinsatz, haben es alle gemeistert, aber hier eben vergessen. Wurde uns nachgesehen, da durch die ständigen Wechsel wirklich etwas unnötige Verwirrung dabei war. Einzig die Medikamente müssen noch besser gelernt werden, da darf kein Zweifel bestehen, wenn jemand fragt, was Name, Wirkstoff und Dosierung ist.
Fazit: 
Angenehme Station, war schön zu arbeiten, allerdings waren die Wechsel wirklich nicht unbedingt förderlich für den nötigen flow in der ganzen Sache. Aber um das ging es eigentlich ja gar nicht, das Augenmerk lag ja auf der Qualität der Herzdruckmassage und dem Kennen der Medikamente. Also insofern hat’s gepasst.

Station 4: „Born To Be Alive“
Übungs-RTW
Ratet mal, was uns hier erwartet? 😉
Szenario: 
Wir gehen davon aus, dass wir eine Dame ohne Wehen aber mit erfolgtem Blasensprung von zu Hause abholen. Wir sind schon am Weg ins Krankenhaus, ich bin Fahrer, sitze also vorne. Meine beiden Kollegen kümmern sich um die Patientin. Die Trage wurde umgedreht, so dass die Patientin in Fahrtrichtung blickt – so wie es bei Schwangeren gemacht werden muss. Ich sitze am Fahrersitz, plötzlich meldet mein Kollege, ich solle bitte stehen bleiben, den Notarzt anfordern und nach hinten kommen – plötzlich einsetzende Presswehen.
Das Arbeiten:
Hier steigen wir also in das Szenario ein. Schnellstmöglich richten wir uns alle nötigen Materialien für eine Geburt zusammen. Meine beiden Kollegen ziehen die sterilen Handschuhe an und widmen sich der Mutter, ich reiche Ihnen das benötigte Material und bereite auch noch für eine eventuelle Neugeborenen-Rea vor. Den Platz auf dem „Arbeitstisch“ mache ich auch noch frei.
Das Baby ist recht flott geboren, von dem her geht alles problemlos. Aber es zeigt keine Reaktion, also wird es wirklich eine Rea. Platzwechsel – die beiden kommen nach vor um von der Mutter etwas abseits zu stehen wenn sie ihr Baby reanimieren, ich gehe zu ihr und kümmere mich um sie. Die Geburt der Plazenta kommt mir schon mal etwas zu schenll vor und dann weiß ich plötzlich auch warum:  Sie wird jetzt zunehmend blasser und ruhiger. Ich lege sie auf der Trage wieder flach hin, versuche ihre Beine etwas in die Höhe zu bekommen – ich befürchte eine Blutung in der Gebärmutter und einen dadurch entstandenen Volumenmangelschock. Und recht habe ich! Der Trainer sagt mir plötzlich, dass ich jetzt Blut sehe, es tritt schwallartig aus. Also wie gelernt den Handgriff nach Fritsch machen. Jetzt muss der Notarzt schnell sein. Das Neugeborene hat inzwischen schon einen eigenen Kreislauf, ist soweit ersichtlich putzmunter. Und damit wird die Übung abgebrochen.
Verbesserungen:
Der Trainer hatte an uns nichts wirklich auszusetzen! Wir haben eigentlich alles richtig gemacht, vom Gerätemanagement über die Abwicklung der Geburt bis hin zur Rea und dem Handgriff nach Fritsch! Einzig hätten wir ein bisschen flotter arbeiten sollen – das Abnabeln kam etwas zu spät, genauso wie ich zwar wusste, wie der Handgriff nach Fritsch heißt, ihn aber nicht gleich 100%ig korrekt ausführen konnte und mich erst korrigieren musste – auch da geht ein bisschen Zeit verloren.
Fazit: 
Hier hat der Titel schon erahnen lassen, was auf uns zukommt. Dass wir uns allerdings um die Mutter auch noch kümmern müssen, damit hat niemand von uns gerechnet. Trotzdem und auch trotz des Platzmangels im RTW hat für uns alles gut funktioniert und wir waren auch selbst mit uns zufrieden. Bis jetzt die für uns beste Station.

Und jetzt ab zur Mittagspause beziehungsweise zu Teil 2. Der folgt die nächsten Tage, ich will euch hier nicht überanstrengen mit allen 9 Stationen 😉
Fortsetzung: Notfallsanitäter-Kurs – das Ende, Teil 2