Tragisch…

…sind Unfälle mit Todesfolge eigentlich sowieso immer.
…ist es besonders, wenn die Familienangehörigen dabei sind.
…ist es noch mehr, wenn es einen so jungen Menschen erwischt. 

Mitten in der Nacht, Fahrzeug liegt auf Person – ich wollte eigentlich gerade schlafen gehen, aber der Melder schreit mich gnadenlos an.
Klingt nicht angenehm, schnell sein heißt es jetzt. Tja, schnell? Naja, so schnell es halt den Berg hinauf geht, im Dunkeln.

Danke liebe Einweiser, die Taschenlampen waren eine absolut tolle Idee! An jeder stockfinsteren Kreuzung jemanden mit Licht sichtbar hinstellen – in dieser Stress-Situation auf diese Idee kommen – Hut ab meine Lieben, erleben wir tatsächlich nicht oft!

Es ist dunkel, man kann ein paar Maschinen im Feld erkennen, Menschen sind dort auch. Und sie reanimieren. Jemand schreit.
Näher gekommen (autsch – Brennnesseln!) sieht man Gesichter, irgendetwas dunkles ist darin verschmiert. Blut? Motoröl…
Wir übernehmen die Reanimation, das NEF kommt sehr bald nach uns schon an und hilft auch.
Irgendwie weg mit den Angehörigen, sie blockieren uns, sind wirklich sehr verzweifelt. Ok, wenn da ein knapp 30-Jähriger reanimiert wird… Die Feuerwehr übernimmt das, sie kümmern sich wirklich gut um die Familie, halten sie auch von uns weg und bringen sie ein Stück weit weg, so dass sie nicht mehr zusehen können.

Der Monitor zeigt uns durchgehend einen Patienten ohne Herzrhythmus – Asystolie. Die Pupillen reagieren auf Licht gar nicht, sind ganz weit.
Es gibt keine Hoffnung mehr, es geht einfach nicht. Zu schwere Verletzungen – Brustkorb, Schädelbasis, … wir können nicht reinschauen in den Burschen, können im Dunkeln mit Sicherheit nicht alles erkennen. Aber was zu erkennen ist, spricht nicht für ein Überleben…

Es war meine erste Trauma-Reanimation. Damals ging es mir erstaunlich gut danach, ich dachte bei sowas hat man vielleicht etwas mehr zu verarbeiten. Aber ich hatte im ersten Moment kaum Zeit darüber nachzudenken – Fahrzeug putzen, Material nachfüllen, Protokoll schreiben (langes Protokoll!), …
Erst dann hatten mein Fahrer und ich endlich die Zeit, wirklich darüber zu reden. Also nicht über Protokoll-relevante Dinge, sondern wie es uns gegangen ist. Der werte Herr Kollege ist schon etwas erfahrener als ich, hat schon schlimmere Sachen gesehen. Aber er ist der Meinung, dass wir alles absolut richtig gemacht haben. Wir haben getan, was wir konnten, mehr war wirklich nicht möglich. Und auch der Arzt und der NEF-Fahrer waren mit dem Einsatzablauf voll zufrieden.

Schön zu wissen, dass man wirklich alles getan hat, was möglich war. Blöd nur, dass selbst das Beste manchmal nicht gut genug ist….

 

Werbeanzeigen

Kampf dem Herztod #1

So, nun bin auch ich in der Aktionswoche zum Kampf gegen den Herztod angekommen. Der Stress gestern hat mich etwas aufgehalten. (Ja ich weiß: Stress ist schlecht fürs Herz!)

Warum „Kampf dem Herztod“?
Weil es wichtig ist, Bescheid zu wissen. Weil selbst Laien, also nicht-medizinisches Personal, einige Fragen ohne viel nachzudenken beantworten können sollte. Um im Notfall wirklich helfen zu können. Also Leute, lest euch das hier und die Artikel von Alltag im RettungsdienstHermione und Krangewarefahrer durch und beantwortet danach folgende Fragen:
– Erkenne ich Herzprobleme, wenn ich oder jemand anderer sie hat?
– Auf was werde ich achten, um Herzprobleme zu erkennen?
– Was muss ich tun, wenn jemand Herzprobleme hat?
– Welche Nummer muss ich anrufen?
– Wie lange ist mein letzter Erste-Hilfe-(Auffrischungs-)Kurs her? Sollte ich wieder einen machen?
– Kann ich mich vor einem Herzinfarkt schützen?

Es muss nicht immer gleich ein ganz fataler Herzinfarkt mit Todesfolge sein, Herzinfarkte können auch klein sein und man kann durchaus sowohl kleine als auch größere Herzinfarkte überleben. Es muss auch gar kein Herzinfarkt sein, auch andere Erkrankungen dieses Organs können schlimme Folgen haben. Ist das Herz einmal geschädigt, arbeitet es nicht mehr so gut wie vorher und dadurch erhöht sich das Risiko erneuter Probleme.

Nun zu meiner ersten Geschichte, tatsächlich so passiert und wie aus dem Lehrbuch geschnitten:

Edi ist 56 Jahre alt und arbeitet in einem Büro. Er hat noch zwei Jahre, dann kann er in Pension gehen. Er freut sich darauf, auch wenn er eigentlich gerne arbeitet.
Edi ist ein sportlicher Mann. Er läuft seit über 30 Jahren nahezu jeden Tag seine paar Kilometer um fit zu bleiben. Er will das Leben ja immerhin gesund genießen. Außerdem spielt er nebenbei mit ein paar anderen Männern vom Dorf Fußball.
Vor ungefähr zwei Wochen war Edi krank, er ist mit Grippe drei Tage zuhause geblieben, als das Fieber weg war ist er dann aber wieder in die Arbeit gegangen, das bisschen Husten macht ihm ja nichts aus.

Edi wird heute eine Stunde bevor sein Wecker läutet wach. Er hat komische Schmerzen in der Brust, scheint so, als sei die Grippe zurück. Aber jetzt wieder schlafen gehen – zahlt sich auch nicht mehr aus, er muss dann sowieso in die Arbeit.
Aber die Schmerzen werden schlimmer und er legt sich wieder ins Bett, ruft den Notruf an. So starke Schmerzen hat man bei einer Grippe doch nicht oder? Er hat jetzt schon Angst, dass sein Herz irgendetwas haben könnte.

Um halb 6 Uhr morgens läuten unsere Pager. Etwas außerhalb der Stadt hat jemand Schmerzen in der Brust. Vorerst sind wir solo, also nur der RTW ohne Notarztwagen unterwegs, auf ca. halber Strecke erfahren wir, dass der Notarzt doch mitkommt. Nach ca. 12 Minuten haben wir den Einsatzort erreicht und nehmen auch gleich mal den Monitor und Defi und eigentlich alles mit. Beim Stichwort „Schmerzen in der Brust“ hat man besser mal alles gleich von Anfang an mit, besser zu viel als zu wenig.

Edi öffnet die Tür, es tut mittlerweile so schrecklich weh, dass er nur gekrümmt zur Tür gehen kann, und das auch nur sehr langsam.Er greift sich auf die Brust und atmet angestrengt. Solche Schmerzen sind mehr als nur Grippe. Aber jetzt ist ja jemand da, der ihm helfen kann.

Der Mann der uns die Türe öffnet hat offensichtlich schwere Probleme. Er greift sich an die Brust, kann nur schwer mit uns sprechen und verzieht voll Schmerz das Gesicht. Ich bringe ihn sofort ins Bett, so viele Polster und Decken wie möglich unter den Rücken und Sauerstoffmaske aufs Gesicht. Jetzt soll es schnell gehen. Das ist der erste Patient den ich in meiner Laufbahn sehe, dem man den Herzinfarkt wirklich im Gesicht ansieht.

Klassische Schmerzen, von der linken Schulter über das Schlüsselbein zur Brust und in den linken Arm, ungefähr bis zum Ellbogen. Brennende Schmerzen, mit einem Punkt, der wohl der Ursprung allen Übels ist: direkt über dem Herzen fühlt es sich an, als ob ihm jemand einen glühenden Pfahl in die Brust gerammt hätte. Außerdem ist unser Patient blass und schwitzt auch etwas.

Ja, seit circa einer dreiviertel Stunde, immer stärker werdende Schmerzen. Nein, die strahlen schon von Anfang an so weit aus. Hat sich anfangs angefühlt, als hätte Edi sich die Schulter blöd gedreht beim Schlafen, Zerrung oder so. Nein, er nimmt gar keine Medikamente, bloß vor zwei Wochen gegen seine Grippe, aber da auch nur Schmerztabletten und etwas gegen den Husten.Es ist auch nichts bekannt, Edi hat keine Krankheiten, schon gar nicht mit dem Herzen. Irgendwann war da mal was mit erhöhtem Blutdruck, aber mit dem Sport ist das dann wieder besser geworden.

Wir haben mittlerweile ein EKG geklebt, gleich mal das Große, um uns das Herz wirklich genau anschauen zu können. Wird wohl wirklich Zeit, dass der Notarzt daher kommt, der Patient braucht dringend Medikamente! Selbst mein „EKG-Anfänger“, der heute mit ist, sieht, dass hier etwas nicht stimmt. Es scheint tatsächlich ein ausgewachsener Herzinfarkt zu sein.

Edi fragt nach Schmerzmitteln, es tut so schrecklich weh. Da hört er nebenbei auch schon, dass seine Türe nochmal aufgeht. Jetzt kommen hier noch vier Menschen mehr in das kleine Schlafzimmer.

Der Notarzt schaut sich das EKG noch an, die Notfallsanitäter ziehen in der Zwischenzeit die Medikamente auf und meine beiden Begleiter richten das Fahrzeug für den Transport her. Alles geht nach dem Standardprocedere, darauf sind wir trainiert.

Edi darf das Krankenhaus nach 29 Tagen wieder verlassen. Es wurde ein Hinterwandinfarkt diagnostiziert. Es war wohl nicht die beste Idee, mit einer Grippe arbeiten zu gehen. Auf Sport muss er jetzt erst einmal verzichten, auch wenn Sport grundsätzlich gut für das Herz ist, darf er es jetzt noch nicht überanstrengend und muss sich zuerst ganz erholen.

Man muss nicht immer Raucher, Alkoholiker, übergewichtig oder mit Vorerkrankungen belastet sein. Ein Herzinfarkt kann jeden treffen. Es gibt natürlich gewisse Risikofaktoren – Alter, Nikotin, Essgewohnheiten, Bewegung – aber die allein sind nicht ausschlaggebend für einen Herzinfarkt.

Edi hatte Glück, er hat seinen Herzinfarkt überlebt. Trotzdem zählt im Ernstfall jede Sekunde. Egal ob Herzinfarkt oder eine andere Erkrankung des Herzens, es kann immer sehr gefährlich werden. Also besser sofort 144 (in Österreich) oder 112 (in Deutschland) oder was auch immer ihr bei euch für Notrufnummern habt anrufen. Besser einmal zu oft als einmal zu wenig.
Schafft ihr es jetzt eigentlich, die Fragen zu beantworten?
Falls nicht – vielleicht nach Teil 2? (folgt die nächsten Tage)

Verrutscht…?

Endlich habe ich wieder etwas Zeit meine Geschichten aufzuarbeiten. Hier kommt mal wieder eine Geschichte, die (für meine Verhältnisse) schon ziemlich lange her ist. 

Sturz, viel Blut
– oder so ähnlich steht in der Alarmierung, ich weiß es nicht mehr so genau. Wir fahren aber solo, ohne NAW.

Es ist Dienstagnacht, kurz nach Mitternacht. Ich und der Kollege sind vorm Fernseher eingeschlafen als uns der Pager mit dieser Meldung aus unseren Träumen reißt.

Die Anfahrt ist kurz, aber wir müssen zuerst mal den richtigen Eingang im Hof suchen, es wurde uns kein Licht aufgedreht und keine Tür aufgemacht. Hinter der richtigen Tür ist dann aber auch schon Schluss, weiter komme ich nicht. Ein „Raum“, gerade mal 1m² groß, links geht gleich die Treppe weg und die anderen beiden Wände sind zugestellt mit Kleiderhaken und Schirmständer. Außerdem steht in diesem Raum auch noch der Ehemann. Und da auf der Treppe sitzt unsere Patientin.

Erstmal sehe ich wirklich nur Blut und denke mir so „Ach du….“ – sie musste die Treppe heruntergefallen sein, die kleinen Teppiche in der Biegung oben sind verrutscht und an der Wand gegenüber der Stufen klebt Blut. Nachdem hier absolut kein Platz zum Arbeiten ist, müssen wir tricksen. Ich stabilisiere den Kopf der Patientin mit meinen Händen erstmal frontal – also indem ich den Kopf von vorne mit meinen Händen fixiere – sie will sich weiter bewegen. Bei so einem Sturz könnte das aber üble Folgen haben. Ich rufe meinen Kollegen, der noch vor der Tür steht weil drinnen wie gesagt kein Platz ist. Ok, tricksen. Der Kollege übernimmt den Kopf während ich mich hinter die Patientin setze, ich nehme den Kopf wieder damit er Platz hat ihr die Halskrause anzulegen. Jetzt schicke ich ihn das Verbandsmaterial vom Rucksack draußen holen, ich nehme der Dame mal das Taschentuch aus der Hand, das sie an ihre Stirn drückt.

Und dann erschrecke ich ein zweites Mal. „Bitte Notarzt rufen, große Kopfverletzung nach Sturz über die Treppen“ rufe ich dem Kollegen zu. Der reagiert sofort – er braucht nicht nochmal drauf schauen, er vertraut mir – und gibt das über den Funk an die Leitstelle weiter. Die Dame hat eine „Platzwunde“ am Kopf, die ca. 9-10 cm lang ist, vom Haaransatz bis zur Mitte des Schädels nach hinten verlaufend. Und sie ist tief – so tief, dass wir ihren Schädelknochen sehen können. Durch die große Wunde und die Macht der Schwerkraft ist ihr im wahrsten Sinne des Wortes „das Gesicht verrutscht“ – die Wunde klafft auseinander und dadurch rutscht die gesamte Haut zur Seite und macht ein paar Zentimeter darunter Falten, nein, richtige Wellen.

Vom Platz her ist Arbeiten in dieser Umgebung der Wahnsinn. Platzmanagement wird normalerweise groß geschrieben im Rettungsdienst – um ordentliche Versorgungen hinzubekommen, ist eine gute Struktur beim Auflegen des Materials wichtig. In diesem Fall hatten wir einfach nicht den Platz, um uns ordentlich zu strukturieren. Deshalb mussten wir beim Kopf fixieren tricksen.

Mehr als eine Wundauflage drauflegen und sie weiter untersuchen können wir momentan nicht machen, der Notarzt ist aber schnell da. Die Erstuntersuchung ergibt keine direkten Hinweise auf eine Hirnblutung oder Ähnliches – erstmal gleich große Pupillen, kein Kraftverlust in einem der Arme, kein Lähmungsgefühl. Sprachschwierigkeiten hat sie, wir wissen aber nicht, ob es ihr bloß durch das herausgefallenen dritte Gebiss schwer fällt, normal zu reden. Es ist zu früh für die klassischen Anzeichen, vermuten wir zumindest, immerhin sind wir wirklich schnell hier gewesen.
Mit Hilfe der NAW-Besatzung schaffen wir es, die Dame behutsam auf die Trage zu schaffen, danach bekommt sie vom Arzt das volle Programm und wird ins Krankenhaus gebracht. Auf der Fahrt dorthin prägen sich anscheinend dann auch die typischen Anzeichen für eine Hirnblutung aus.

Eineinhalb Jahre später erfahre ich durch Zufall, dass unsere Patientin durch den Sturz eine Hirnblutung hatte und nun ein Pflegefall ist. Die Verletzungen durch den Sturz waren einfach zu groß, um ohne spätere Folgen davon zu kommen – weder wir noch das Krankenhaus hätten hier etwas daran ändern können. 

Ääähm… #2

Ausschlag – keine Notfallleitsymptome erkennbar

So sieht die Meldung am Pager aus, die wir um halb 4 Uhr früh bekommen – und das in einer Horrornacht.
Horrornacht? Ja klar, wir waren heute schon bei verstauchten Knöcheln und betrunkenen 15-Jährigen und Heimtransporten. Wir haben bis jetzt nur 5 Minuten Schlaf bekommen. Und dann das… >.<

Jetzt kann es alles sein – eine Allergie, eine Krankheit – oder auch nichts. Wir erwarten mal alles und fahren einsatzmäßig zur Patientin.

Meinen Kollegen schicke ich gleich wieder zur Tür raus, der Patientin geht es auf den ersten Blick schon mal nicht allzu schlecht, aber sie sitzt komplett nackt vor mir und der Ausschlag zieht sich über den Schambereich. Es ist eine stille Abmachung: immer wenn eine Frau am RTW mitfährt und einer nackten PatientIN geht es so gut, dass sie jetzt nicht akut die Hilfe von uns beiden braucht, dann darf die Frau das mal übernehmen. Hier geht es einfach um das Schamgefühl der Patientin. Im akuten Notfall, wenn beide Sanitäter unbedingt sofort gebraucht werden, na dann gehen ja auch beide zu ihr hin.

Also in dem Fall mal ich zur Patientin und der Kollege raus vor die Tür. Die Patientin ist stabil, sie hat keine Allergien, wurde von keinem Tier gestochen, die Salbe die sie aufträgt hat sie schon jahrelang. Aber der Ausschlag zieht sich doch von den Füßen bis zum Nabel hoch, knallrot, ohne Hitze ohne Schwellung. Die Patientin gibt mir gegenüber auch an, dass sie keine Schmerzen hat und es nicht juckt, der Ausschlag ist aber schon seit 4 Tagen da und hat sich immer weiter ausgebreitet.
Alle Werte der Patientin sind in Ordnung, ich lasse der Dame untenrum etwas anziehen und gehe zu meinem Kollegen vor die Tür.

Nochmal von vorne:
– Die Patientin hat seit 4 Tagen nicht juckenden/nicht brennenden/nicht schmerzenden Ausschlag.
– Seit 4 Tagen breitet sich der Ausschlag aus, von den Füßen beginnend bis jetzt aktuell zum Bauchnabel.
– Alle Werte der Patientin sind vollkommen im Normbereich.
– Sie hat keine Beschwerden!
– ES IST HALB 4 UHR NACHTS!!!
—>>> Ääähm… Nr. 1 dieser Nacht

Da ich aktuell kein Problem bei der Patientin erkennen kann, rate ich ihr, doch am Vormittag gleich den Ärztenotdienst anzurufen (Sonntag, kein Hausarzt regulär erreichbar, einer davon hat aber immer Notdienst am Wochenende), ich suche ihr sogar aus dem Internet heraus, welcher Arzt das denn jetzt wäre.
Nein. Sie will mitfahren. Sie will das sofort klären. Im Krankenhaus.
Ich erkläre ihr nochmals, dass sie akut jetzt nicht gefährdet ist und sie vom Krankenhaus wahrscheinlich mit einem Rezept für eine Salbe gleich wieder heim geschickt werden wird. Nein. Sie will mitfahren.

Nun gut. In dem Fall können wir nichts machen. Eingepackt und ab geht’s.
Nachdem dies kein akuter Notfall ist, fahren wir nicht in die Klinik mit Maximalversorgung, die hätte nämlich auch eine Dermatologie, die aber nachts und an Wochenenden sowieso nur Notambulanz für richtige Notfälle ist. Wir fahren also bei uns ins nähere Krankenhaus und lassen den Ausschlag in der Aufnahme kurz anschauen.
Dort ist bei der Krankenschwester noch alles ok, es tut ihr nichts weh als der Ausschlag abgetastet wird. Dann kommt der Arzt und das Theater geht los: Berührung am Bein –> Geschrei. Es geht ein paar Minuten so weiter, die Krankenschwester und wir müssen uns ehrlich gesagt das Lachen verkneifen.
—>>> Ääähm… Nr. 2 dieser Nacht

Nach kurzer Besprechung von Arzt und Schwester kommt sie dann auf uns zu und teilt uns mit, dass der Arzt das gerne noch auf der Dermatologie begutachten lassen würde, und zwar sofort. Bedeutet für uns eine Überstellung ins nächste größere Krankenhaus. Die Schwester kann es selbst nicht ganz fassen, hat sie doch selbst gesehen und dem Arzt erzählt, dass vorher keine Schmerzen da waren. Sie hat dem Arzt auch zu „heimschicken und Hausarzt abwarten“ geraten.
—>>> Ääähm… Nr. 3 dieser Nacht

Im anderen Klinikum angekommen, werden wir müde belächelt vom Personal der Dermatologie, der Arzt schaut uns grimmig an. Die Aufnahmeschwester sagt uns, wir brauchen nicht auf die Patientin warten, das hier wird dauern, die Dame wird vermutlich den ganzen Tag im Krankenhaus bleiben müssen.
YEAH! Ab nach Hause und ENDLICH ins Bett!
Gut, ab nach Hause, Bett überziehen ist scheiße, Couch tut’s auch. Ich bin grad so schön eingeschlafen, da läutet der Pager wieder! Und was ist es? Jaaaaa! Wir müssen die Dame von eben von der Derma nach Hause bringen! >.<
(Mal eben beim Dispo nachfragen, ob in der Gegend nicht irgendein KTW frei wäre. Ja, wäre, kann aber nicht umgebucht werden weil das ein KTW einer anderen Organisation und blablabla….)
Am Klinikum angekommen frage ich nochmal nach, es hat doch geheißen die Dame muss wahrscheinlich den ganzen Tag da bleiben… Nein, ist doch nichts schlimmes, sie darf heim, hier sind außerdem keine Betten frei…
—>>> Ääähm… Nr. 3 dieser Nacht

Sowas brauch ich echt nicht mehr.
Hier gab es echt so viele unnötige Kilometer, unnötige Meldungen, unnötige und schlechte Schauspielereien der Patientin bei diesem „Einsatz“, für mich war das einfach bloß eine wirklich unnötige Blockade eines Einsatzmittels. Aber ja, man kann es sich manchmal echt nicht aussuchen………

Faschingszeit – Schicht 3, Dienstag Nacht

(Fortsetzung zu Faschingszeit – Schicht 1, Samstag Tag und Faschingszeit – Schicht 2, Samstag Nacht.)

Und schon wieder ein Faschingsdienst. Gott sei Dank ist die Zeit jetzt bald vorbei.

Ich hatte ja am Samstag schon 24h Dienst und jetzt nochmal 12h am Faschingsdienstag – warum ich mir gerade diese Dienste eingetragen hab weiß ich selber nicht.

Heute bin ich mal wieder auf meiner Gastdienststelle in der Stadt. Ich rechne wie schon am Samstag mit Alk-Intox und Schlägerei und Sturz. Mal schauen, was uns heute wirklich alles erwartet.

Los geht es schon relativ spät mit einem Busfahrer, der starke Halsschmerzen und dadurch auch Schmerzen in den Ohren und im Kopf hat. Es wäre laut seiner eigenen Aussage nicht schlimm genug fürs Krankenhaus, aber es ist mitten in der Nacht und er muss morgen früh wieder mit einem vollbesetzten Reisebus nach Hause fahren – und das ist eine sehr weite Strecke.

Wir verstehen das und bringen ihn deswegen ins Krankenhaus, damit er sich dort schnell eine Diagnose und Medikamente für die Fahrt holen kann, falls es wirklich „nichts“ ist. Eine andere Möglichkeit hätte er eh nicht – zu Fuß wäre es zu weit und mit dem Reisebus ins Krankenhaus? Dann lieber der RTW.

Gleich vom Krankenhaus weg dann ein Heimtransport, weil‘s sowieso am Weg liegt und wir halt zufällig auch grad neben der Patientin im Warteraum stehen.

Ab „nach Hause“ auf die Dienststelle. Bis jetzt haben weder wir noch der andere RTW einen der erwarteten Einsätze gehabt.

Es wird Zeit schlafen zu gehen, ich überzieh wieder mal mein Bettchen, schau noch ein bisschen übers Smartphone bei meiner Lieblingsserie weiter – da geht der Pager schon wieder. Eine Kleinigkeit, innerhalb einer halben Stunde sind wir wieder zurück und freuen uns aufs Bett. In der Garage fehlt aber der andere RTW, wir sind ein bisschen demotiviert, sind wir doch schon wieder die nächsten die dran sind. Wird also vermutlich nichts mit lange schlafen jetzt.

Nachdem wir den Einsatzbericht fertig geschrieben haben legen wir uns wieder ins Bett, mitten unterm Tratschen schlaf ich ein. Aber wie gesagt – wir werden wohl nicht lange schlafen können. Stimmt auch so. Es soll mit NAW zu einem vermutlichen Schlaganfall gehen, bei einer 37jährigen. Der Text ist schon mal ein bisschen wirr, es deutet nicht alles auf einen Schlaganfall hin, bei einer so jungen Dame ist das auch eher unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Als wir bei der Wohnung ankommen, liegt die Frau in der Küche am Boden und schreit und heult, um sie herum laufen ständig zwei Männer und machen sie noch panischer, als sie sowieso schon ist. Alles ist in dem Moment Chaos pur in unseren Augen.

Sie habe so starke Schmerzen und könne ihre rechte Seite nicht mehr bewegen. Volles Programm: Sauerstoff, Temperatur, EKG, Blutdruck, Pupillen, alles wird angeschaut. Parallel dazu wird die Patientin genau untersucht – was tut weh, wo und wie stark, strahlt es aus, ist die rechte Körperhälfte auch unempfindlich oder nur eingeschränkt in der Bewegung…

Herausgefunden haben wir gemeinsam mit dem Notarzt dann nicht wirklich etwas, das für uns Sinn ergeben würde: Sie ist nicht gestürzt, es hat einfach so angefangen am früheren Abend. Vor allem die starken Schmerzen, dann kam die Bewegungsunfähigkeit dazu. Wir finden keinen neurologischen Grund (ok, präklinisch etwas schwierig Genaueres herauszufinden, aber was wir finden könnten finden wir nicht) und auch keine offensichtlichen Verletzungen oder ähnliches, das die Schmerzen rechtfertigen könnte. Wir wissen nur, dass sie Schmerzen hat, wo diese sind und dass sie etwas aufgeregt ist und sich dadurch die Atemstörungen ergeben – sie ist teilweise kurz vor der Hyperventialtion. Wenn man die Dame zu ruhigem Atmen anregt, mit ihr atmet und sie auch psychisch betreut, werden sowohl Atmung als auch Schmerzen besser. Tja, immer noch keine genauere Diagnose möglich, wir bleiben also bei „Verdacht auf nicht traumatische Rückenschmerzen“ und fahren so ins Krankenhaus.

Am Rückweg läutet das Fahrzeugtelefon. Dran ist aber (Gott sei Dank) nicht der Dispo, sondern unsere CallTakerin der Leitstelle. Wir kennen uns persönlich und sie will wissen, was denn da jetzt los war bei dem Einsatz. Sie hat den Anruf entgegengenommen und schon da war alles sehr wirr und hysterisch, sie dachte sogar daran, die Polizei dazuzubestellen, weil absolut nicht klar war, was da denn jetzt los ist in der Wohnung, dauernd macht irgendjemand Panik und es war in dem Chaos nicht auszuschließen, dass jemand vielleicht sogar zugeschlagen hat. Ja, den Eindruck kann ich ihr bestätigen. War zwar kein Fall für die Polizei, aber wirr war es allemal. Auch wegen den Angehörigen.

Wir wünschen uns noch eine ruhige und angenehme Nacht – sie muss ja wach bleiben, wir dürfen uns jetzt aber wieder ins Bettchen legen. Und dieses Mal bleibt der Pager ruhig, ich kann durchschlafen bis 8:30 Uhr. So schön….

Im Endeffekt war auch in diesem Faschingsdienst wieder nichts „typisches“ dabei, so wie Samstag auch schon. Keine Schlägereien, keine Unfälle, keine Alkoholvergiftungen. Freut uns alle, sowas brauchen wir – auch wenn Fasching ist – sowieso nicht unbedingt.

Faschingszeit – Schicht 2, Samstag Nacht

(Forsetzung zu Faschingszeit – Schicht 1, Samstag Tag)

Schon bei unserem Einsatz am Vormittag hatten wir diverse Grillereien und vor allem Saufereien gesehen, wir erwarten also für die Nacht eher Alk-Intox (Alkoholvergiftung), Stürze und Schlägereien.

Was wirklich geschieht:

Kurz vor 18 Uhr werden wir alarmiert in die Ordination eines uns bekannten Arztes – ein 3-Jähriger sollte mit Atembeschwerden und Verdacht auf Bronchitis auf die Kinderabteilung gebracht werden. Also: auf zum Berufungsort und danach 50km zum nächsten Krankenhaus mit Kinderabteilung düsen. Der Kleine ist recht unruhig, will nicht auf unserer Trage liegen und wirft sogar unseren Tröster-Teddy durch den ganzen RTW. Ein Wunder, dass mein Kollege jetzt nicht taub ist – trotz Atembeschwerden kann der kleine Herr noch ganz schön laut schreien. Ist also doch nicht so schlimm, wer schreit bekommt genug Luft.

Auf der Kinderstation geht die Anmeldung und Übergabe ganz rasch, wir können uns schnell auf ein Zigarettchen nach draußen stellen bevor wir den Heimweg antreten.

In der Zwischenzeit schauen wir, was denn die anderen so treiben.

Am Funk haben wir nämlich mitbekommen, dass sich der Supervisor in den Abend eingeklinkt hat und den Disponenten unterstützt. Unser NAW war ohne Unterbrechung auf drei aufeinanderfolgenden Einsätzen. Aber nicht nur bei uns, auch im Nachbarbezirk und auch ein bisschen weiter weg, aber im selben Leitstellengebiet, war die Hölle los.

Als wir jetzt schauen, was sich noch alles tut „daheim“, ist eigentlich wieder alles komplett ruhig. NAW steht zu Hause. Zweiter RTW hat mit ziemlicher Verspätung die Mannschaft gewechselt und ist auch wieder einsatzbereit. Mein Kollege ist heute Chef der Nacht und sollte so auch immer den Überblick haben, wer wo was macht gerade. Er seufzt einmal tief und zündet sich noch eine Zigarette an, nach diesem ganzen Chaos heute ist er jetzt erstmal erleichtet und schaut zufrieden aus.

Wir drehen wieder um, es ist mittlerweile 20 Uhr, und treten also den Heimweg an. Nach schon nur 5 km bekommt mein Kollege aber die „Vorwarnung“ der Leitstelle: Das ist eine Info, dass gerade etwas im Gange ist. In dem Fall war ein großer Feuerwehr-Einsatz – wir müssen uns also bereithalten, das wird eventuell eine Beistellung(*). Ich war mal bei der Feuerwehr, der Herr Kollege ist es immer noch, also wissen wir was da gerade abgeht. Er ruft also die Leitstelle an und holt sich Infos, ich schaue mal nach, wie viele Feuerwehren dort sind. Bei der Leitstelle ist gerade nochmal Stoßzeit, aber wir bekommen die Info, dass Atemschutzträger reingehen werden aber keine Bewohner verletzt sind. Bei so vielen Feuerwehren ist es dann üblich, dass ein RTW dabeisteht falls denen etwas passiert. Also Blaulicht wieder an und Vollgas zurück aufs Land – es fahren deshalb wir, die den weiteren Anfahrtsweg haben, weil wir beide bei der Feuerwehr sind/waren und dies außerdem eine Aufgabe für den Chef des Dienstes ist. Nach einigen Minuten Fahrt, als wir uns sicher sind, dass die Feuerwehr vor Ort ist und schon einen Überblick hat, funkt mein Kollege dann die Feuerwehr an und verlangt eine Lagemeldung, nach kurzer Zeit mein der FF-Einsatzleiter dann auch, dass wir nicht gebraucht werden, keine Atemschutzträger im Einsatz – Storno für uns. Also heim und endlich ausruhen.

Aber leider nur kurz – eine weitere Überstellung in ein Krankenhaus mit HNO-Abteilung wird gefordert. Aber schnell, mit Blaulicht. Schön langsam wird es anstrengend.

Wir erwarten allerdings immer noch die Alk-Intox und Verletzungen durch Stürze und Schläge. Es passiert aber Gott sei Dank nichts mehr diese Nacht. Gar nichts. Also war’s wohl wirklich nur ein zweistündiger Ausnahmezustand am frühen Abend.

Mal sehen, wie dann der Dienst am Faschingdienstag wird… 😉
(Faschingszeit – Schicht 3, Dienstag Nacht)

(*) Beistellung: Wir bei größeren Einsätzen der Feuerwehr benötigt. Dabei steht (je nach Einsatzart und Größe) ein oder mehrere Rettungsmittel bereit, falls den Einsatzkräften der Feuerwehr etwas passieren sollte.
Beispiel: Gebäudebrand einer Wohnhausanlage -> keine Verletzten Bewohner, Haus steht in Vollbrand. Hier müssen mehrere Feuerwehrtrupps mit Atemschutz reingehen. Das kann mitunter ganz schön gefährlich werden, ganz klar in einem brennenden Gebäude. Außerdem ist es wahnsinnig anstrengend für die Atemschutztrupps, sie müssen schwere Ausrüstung tragen, vielleicht Personen aus den Trümmern retten, unter minimalster Sicht bei größtmöglicher Hitze. Das kann auch zu Erschöpfung führen und dann ist es immer gut, den RTW gleich daneben stehen zu haben. 

Mit Blau durch die Nacht #1

Heute wieder Nachtdienst. Es ist 01:55 Uhr und wir sind jetzt zum fünften Mal unterwegs. Obwohl ja bei uns normalerweise die Nachtdienste ruhig sind…
Die Kollegen vom zweiten RTW haben es aber auch nicht besser erwischt – die waren bei unserem 2-Minuten-Besuch auf der Wache vorhin auch unterwegs.

Wird wohl eine Nacht mit wenig Schlaf, ich seh mich morgen schon mit 1 Liter Red Bull im Büro sitzen.

Allen diensthabenden wünsche ich „einen Ruhigen“ und allen anderen eine gute Nacht!

 

Update: Wir waren danach noch einmal unterwegs. Ich hab dann natürlich verschlafen, die 2,5h Schlaf waren dann doch zu wenig.
Macht nix weil: Hoch lebe die Gleitzeit!

Vom Sani zum Installateur zum Psychologen in einer Nacht – Teil 2

#2: verwirrte Person

Ich will gerade schlafen gehen. Das Bett ist gemacht, ich liege schon schön unter der waren Decke und stelle mir den Wecker. Am nächsten Tag soll ich ja um 8 in der Arbeit sein…
Ich lege gerade das Handy weg und mache die Augen zu, als das Ding anfängt meinen Alarmton zu spielen – im nächsten Moment höre ich auch schon den Pager piepen

Einsatz um 23.36 Uhr, ein A-Code, nichts Tragisches und gleich um die Ecke. Darf ohne Blaulicht gefahren werden. Der Text verrät uns, dass wir zu einer 91-jährigen Dame fahren, die angeblich sehr verwirrt ist. Na kann ja schon mal vorkommen in dem Alter, aber wir schauen uns das an.
Die Leitstelle ruft am Fahrzeughandy an, mein Sani meldet sich und bekommt die Info, dass wir bitte beim Nachbarn läuten sollen. Gesagt, getan und schon stehen wir in der Wohnung der alten Dame und ein recht verschlafener Herr Nachbar erklärt uns die Situation: „Die Frau Doktor ist normalerweise blitzgscheid, aber die letzten Tage schon sehr verwirrt. Außerdem is sie die letzten Tage schon a paar Mal hingefallen.“ Ob es denn Angehörige in der Nähe gäbe oder einen Pflegedienst, der sich um die Frau kümmert, möchte unser Fahrer wissen. „Die hat überall Fotos, aber von den Leuten da drauf hab ich noch nie jemanden gesehen. Aber der Pflegedienst kommt oft vorbei“, so die Antwort. Dann verabschiedet sich der Herr Nachbar wieder, er geht schlafen und wenn wir unbedingt noch was von ihm brauchen, sollen wir anläuten.

Während diesem Gespräch zwischen dem Nachbarn und Fahrer sind Sani und ich schon bei der Patientin. Die steht im Raum, Sani geht auf sie zu und spricht mit ihr.
Die Dame will von Anfang an nicht von uns untersucht werden, aber sie will wissen wie ihr Ofen funktioniert weil ihr kalt ist und sie das einstellen will – der Ofen ist heiß, steht auf höchster Stufe, es liegt Papier und Stoff auf der brennheißen Keramikplatte obendrauf. Sani erklärt ihr in aller Ruhe das Rädchen, an dem man die Heizstufen einstellen kann. Einmal, zweimal,…fünfmal. Nebenher lege ich mir die Diagnostikmittel zurecht und warte, bis der Sani mir sagt was er haben will. Temperatur, Zucker, Blutdruck, Sauerstoffmessung.

Wir sind jetzt ca. 10 Minuten bei der Dame, als wir beschließen, dass alle Werte normal sind. Die Werte, ja die schon, aber was sie die ganze Zeit geredet hat kommt uns schon spanisch vor. Der Fahrer sucht in der Zwischenzeit Pflegemappen und Arztbriefe, findet auch einiges aus der Notfallambulanz und vom Internisten. Jetzt geht er auf die Patientin zu. „Frau XY, Sie müssen bitte mit uns ins Krankenhaus kommen, Ihnen geht es nicht gut!“ „Warum Krankenhaus, mir geht es gut, ich will nur wissen, wie das mit der Heizung funktioniert.“ „Frau XY, das hat der Kollege Ihnen jetzt fünf Mal erklärt und gezeigt, Sie fragen immer wieder nach weil Sie es sich nicht merken können.“
So geht das Spiel weiter, weil wir jetzt auch beschlossen haben, dass Frau XY aufgrund Ihrer Befunde dringend ins Krankenhaus gehört, aber wegen ihrer Verwirrtheit nicht Reversfähig ist (wir finden also, dass ihr Geisteszustand nicht normal ist und sie deshalb nicht selbst bestimmen kann, ob sie mit uns mitkommt oder nicht). Die Nieren, das Herz, das Hirn – überall hat sie ein bisschen was, die plötzliche Verwirrtheit könnte ein Anzeichen für akute Verschlechterung sein.

Wir dürfen sie aber auch nicht zwingen mitzukommen –> Zwickmühle!!! Also was tun?
Die Patientin ist nicht Notarztpflichtig, deswegen jetzt die Kollegen aufwecken und den einzigen NAW weit und breit blockieren – neeee.
Die Polizei wär für diese Dame wohl auch zu viel. Und auch die Polizei zwingt so eine alte Dame nicht gern zu etwas.
Also rufen wir um ca. 00:30 Uhr einen Praktiker an, vielleicht kann der ja die alte Frau überreden mitzukommen. Unser Fahrer telefoniert kurz mit der Leitstelle, fordert den Arzt an. Nach kurzem Warten kommt die Rückmeldung: der Herr Doktor ist in ca. 10 Minuten da.

Stimmt auch so, er findet uns recht schnell und schon stehen wir also zu viert in der Wohnung und der Herr Doktor schaut sich auch nochmal die Befunde an.
Mein Sani hat immer noch eine Engelsgeduld mit der Patientin, er erklärt ihr nun zum 15. Mal die Heizung und hat dabei die Ruhe weg. Zwischendurch, in den Momenten in denen die Dame mal etwas ruhiger ist, versuche ich immer und immer wieder ihr zu erklären, dass sie krank ist und Hilfe braucht. Aber sie meint immer wieder sie brauche nichts außer jemand, der ihr die Heizung erklärt.
Der Fahrer hat mit dem Herrn Doktor nun alles besprochen, sie haben uns beim diskutieren kurz zugehört und nun redet der junge Arzt mit der Frau.
Auch der hat erstmal keinen Erfolg, die Dame springt wieder auf und will wieder ins andere Zimmer. Sie zögert aber und zum ersten Mal heute hört sie zu, als der Doktor ihr erklärt wie ernst die Lage wirklich sein könnte. Jetzt schaffen mein Sani und ich es auch, den Tragstuhl hinter sie zu stellen und sie setzt sich auch wirklich darauf.

Wir haben die Dame auf unserem Tragstuhl sitzen, der Herr Doktor redet nochmal mit ihr und siehe da – plötzlich will sie auch mitkommen! Verwundert schauen wir uns an, unser Fahrer verdreht die Augen und ich schieb den Sessel zur Tür hinaus.
Beim Anblick der Treppen wird mir nochmal kurz übel – altes Haus, alte Steintreppen mit schmalen Stufen – aber wir sind geübt und auch auf solche Treppenhäuser „geschult“. In null kommagarnichts sind wir bei unserem Auto und machen uns auch schon auf den weg in Richtung Notaufnahme.
Während der Fahrt meint die Dame immer wieder sie müsse nochmal kurz aussteigen, sie hätte etwas in der Wohnung oben vergessen. Dass wir schon gute fünf Minuten fahren hat sie wohl noch nicht mitbekommen.

In der Notfallambulanz melden wir sie an, warten vor der Triage (Erstuntersuchung) noch kurz mit ihr und machen eine flotte Übergabe. Jetzt haben wir uns wirklich eine Zigarette verdient, wir haben nämlich mehr als zwei Stunden bei der Patientin verbracht.

Um 2 Uhr nachts – nach zweieinhalb Stunden – liegen wir ENDLICH wieder in unseren Bettchen. Bevor ich einschlafe, frage ich mich noch, wieso eigentlich immer ich auf der Gastdienststelle die komischen Einsätze abkriege.
Der Pager bleibt aber dann ruhig und wir können die verbliebenen Stunden schlafen.

Vom Sani zum Installateur zum Psychologen in einer Nacht – Teil 1

#1: Tabletten genommen, sieht nichts mehr

Alarmierung zu Überdosis – Tablette und Alkohol genommen, sieht nichts mehr

Nachtdienst in der Gastdienststelle, ich fahre mit zwei ganz lieben Kollegen, ich bin als Dritte am Auto dabei. Seit 19 Uhr sind wir im Dienst, wir hatten noch nichts zu tun und warten eigentlich nur auf den obligatorischen Einsatz, der immer vorm Schlafen gehen kommt.
Es dauert und dauert, ich bin eigentlich eh schon ziemlich müde und überlege gerade, ob ich das Bett schon mal überziehen soll, da melden sich gerade mein Handy und der Pager.
Soso, zur Polizei am Bahnhofsplatz also, einen Alki der Tabletten genommen hat holen.
Wir gehen ja prinzipiell ohne Vorurteile in den Einsatz, aber bei solchen Alarmierungen denken wir immer wieder an unsere „Stammgäste“.

Es sollte aber keiner von diesen sein, ein uns Unbekannter wird uns von der Polizei übergeben. Wir sind noch nicht mal aus dem RTW draußen, da bringen sie ihn uns schon her.
Ja, getrunken hat er, man riecht es.
Die Freunde in der blauen Uniform erklären uns kurz, dass der Patient am Bahnhofsplatz herumgeirrt und immer wieder gegen Laternen und Mistkübel gelaufen sei, besagter Patient mischt sich ein und meint das wäre doch nur, weil er nichts sieht, kommt auf keinen Fall vom Alkohol.

Gut, ohne Blaulicht und ohne Polizei in die Notfallambulanz, einsteigen kann der Herr auch allein. Immerhin sieht er offensichtlich genug, er ist nur ein bisschen wackelig auf den Beinen. Auf der fünfminütigen Fahrt erfahren mein Sani und ich so ungefähr die ganze Lebensgeschichte des Herrn – vor kurzem war er auf Alkoholentzug, muss aber aufgrund seiner Depressionen und der Selbstmordgefahr starke Medikamente nehmen und sagt, dass er die ohne Alkohol nicht mehr runterbekommt.

Die Patienten sind mir ja die allerliebsten, vor allem wenn sie sich dann noch über Frauen beschweren und ihre Aussagen so verallgemeinern wie unser lieber Herr das so gern und lautstark gemacht hat. Hallo? Du beschwerst dich bei mir, offensichtlich eine Frau, über die ach so bösen Frauen auf dieser Welt?
Ganz angenehm wird es, wenn sie dann den Abstand zu dir nicht mehr abschätzen können und immer näher und näher kommen – den Geruch bekomme ich sicher heute nicht mehr aus der Nase denke ich mir so.

Unendlich lang müssen wir warten bis wir mit ihm endlich in die Notaufnahme rein dürfen – und danach erst mal die wohlverdiente Zigarette – vielleicht bekomm ich ja so den ekligen Geruch aus der Nase…