Adventmärkte

…ausgegebenem Anlass – weil jetzt wieder die Zeit der Märkte und Ausstellungen begonnen hat…
Die Lichter auf den Ständen funkeln, die Leute um die Feuerkörbe herum lachen, die Kinder spielen. Es ist die Zeit des gemeinsamen Wartens, und wo macht man das lieber als am Christkindlmarkt?
Der Glühwein schmeckt und ist schön warm.
Hauptsache man kann sich wieder hübsche Dinge kaufen, mit denen man die Wohnung für die Weihnachtszeit aufhübschen kann oder auch Geschenke und Kekse.
Und Hauptsache der Glühwein schmeckt und wärmt bis zu den Zehen.
Es hat noch nicht geschneit, es sind fast schon angenehme Temperaturen draußen. Den Wintermantel braucht hier noch niemand, es reicht die Jacke, man steht ja eh beim Feuerkorb.

Es ist Sonntag vormittag, der erste Advent, und der Christkindlmarkt der kleinen Stadt findet wie jedes Jahr an diesem Wochenende bei der Kirche statt.
Im Hof stehen die Stände und verkaufen Glühwein, in den großen Räumen der Kirche findet man die Handwerks- und Kunstausstellung. Es ist halb 11 Uhr vormittags, die Kirche ist gerade vorbei und man trifft sich noch auf einen Punsch und ein paar Kekse, bis zum Mittagessen ist ja noch etwas Zeit.
Das Gedränge startet nach der Kirche, es ist ein kleiner Markt in einer winzig kleinen Stadt. Aber er ist wunderschön, angenehm ruhig und jeder kennt jeden.

 

Gemütlich sitzen wir beim zweiten Kaffee diesen Sonntag und reden über die schon erlebten Einsätze heute. Es ist ein ungewöhnlicher Tag, seit 7 Uhr morgens hatten wir schon vier Einsätze, in unserer Gegend um diese Zeit schon recht viel.
Es wird gemeinsam gelacht und schön langsam überlegen wir auch, was wir denn heute mittags zu Essen holen wollen.
Da läutet plötzlich mein Telefon, auch der Pager schlägt kurz darauf an und scheucht uns zum RTW.
Bewusstlosigkeit, Effektive Atmung, im Zusatztext steht geschrieben: 65j/m, nahezu umgekippt, schweißig. Wir fahren gemeinsam mit dem NEF hin – Einsatzort ist die Kirche. Dass heute Adventmarkt ist habe ich total vergessen…

 

Beim vorderen Tor zum Kirchenplatz erwartet uns niemand, wir entscheiden uns daher die hintere Zufahrt zu nehmen. Und wirklich, eine Dame wartet schon auf uns, wir parken uns ein und entdecken den Adventmarkt. Hilfe, damit haben wir nicht gerechnet!
Ich nehme den Notfallrucksack, mein Kollege kommt mit dem restlichen Equipment nach und gemeinsam folgen wir der Ehefrau des Patienten durch das Gedränge.
Ganz gemütlich gehen die Damen und Herren Kirchen- und Marktbesucher umher, gemütlich durchkommen mit dem großen Rucksack geht hier nicht, ich muss immer wieder die Stimme heben und mir Platz verschaffen, um nicht mit den vielen Menschen zusammenzustoßen.
Wir werden in die Ausstellung gelotst, als erstes fällt mir die schlechte Luft auf und als zweites die Menschenmassen. Erst dann entdecke ich ein Grüppchen, dass rund um einen Mann steht, der auf einem Stuhl sitzt. Ich gehe hin, mache mir auch hier ein bisschen Platz und sehe mir den Mann einmal an.

Der Patient schwitzt starkt, ist blass im Gesicht. Er kann frei sprechen, sein Puls ist etwas erhöht bei ca. 100/min und nicht allzu gut tastbar. Die Ersthelfer haben ihn auf einen Stuhl gesetzt und ein kaltes Tuch in den Nacken gelegt. So der Ersteindruck. Im Schema:
A – keine Beschwerden
B – keine Beschwerden
C – blass, schweißig, schlecht tastbarer Puls
D – orientiert, keine Schmerzen, genauere Untersuchung später
E – Blutdruck manuell bei dem Lärm nicht mit Stethoskop messbar, systolischer Wert durch palpatorische Messung aufgrund schlecht tastbarem Puls nicht erhebbar, wir warten auf die automatische Blutdruckmessung des EKG-Geräts. Temperatur bei Ohrmessung 36,6°C.
Jetzt trifft auch gerade der Notarzt ein, ich mache eine ganz kurze Übergabe – viele Daten haben wir ja noch nicht. Die Blutdruckmessung ergibt 105/75, recht wenig für einen großen, stämmigen Mann.
Die Anamnese ergibt, dass der Herr normalerweise zu hohen Blutdruck hat und deshalb auch Tabletten nimmt.

Noch während wir mit ihm reden, hört der Mann auf zu schwitzen und auch die Hautfarbe wird wieder ein bisschen rosiger. Beim Sprechen merkt man ihm an, dass er jetzt auch wieder mehr Kraft hat. Er möchte nur noch heim, möchte nicht mit ins Krankenhaus. Mit Einverständnis der Notärztin begleiten wir ihn noch zum RTW, warten dort bis seine Frau das Auto geholt hat und lassen ihm einen Revers unterschreiben.
Warum schreibe ich hier jetzt eigentlich einen Blogartikel zu einem stinknormalen Standardeinsatz? – Wegen der Problematik mit Menschenmassen.
Ja, ich bin der Meinung es kann so schnell zu Problemen kommen.
Schon beim Durchschlängeln bis zum Patienten hatten wir es nicht unbedingt leicht. Ich ging mit ausgetreckten Händen voran und versuchte die Menschen sanft zur Seite zu schubsen, damit wir wenigstens halbwegs ohne Zusammenstöße und hoffentlich doch zügig in Richtung Patient weitergehen konnten. Beim Patienten angekommen erwarteten uns gleich etliche Adventmarktbesucher, die den Herrn alle kannten und sich verständlicherweise Sorgen machten. Alles schön und gut, aber manchmal ist es eben nur gut gemeint und in Wirklichkeit störend. Dauernd haben die Freunde unseres Patienten ihn gefragt wie es ihm denn gehe und ob es schon besser gehe und was denn überhaupt passiert wäre – der Patient konnte sich in dem ganzen Geplapper nicht mal wirklich auf mich konzentrieren, es wurde immerhin aus allen Richtungen auf ihn eingeredet. Außerdem rückten die Menschen immer näher heran, auch nachdem ich mal gesagt habe, sie sollen uns doch bitte ein bisschen Platz machen. Mit jeder Minute wieder ein Stückchen näher – ich hatte schon Angst, dass jemand bald in unseren Rucksack tritt.

Eine Aussage hat mich wirklich maßlos aufgeregt. Wir sind gerade am Zusammenpacken, wollen den Patienten noch nach oben zu seinem Auto begleiten, da kommt plötzlich eine Dame her, die schon einige Zeit hinter mir gestanden ist. Sie spricht den Patienten an, kennt ihn anscheinend, und fragt, ob es ihm gut gehe, sie habe erst jetzt gerade registriert, dass das hier ein echter Einsatz und keine Schauübung ist!
Warum mich das so aufgeregt hat? Weil es die Probleme beim durchkommen durch die Menschenmassen erklärt und ich das aber einfach nicht verstehen kann.
Aus meiner Sicht: Ich mache Platz, wenn ich privat unterwegs bin und Blaulicht und/oder hastende Uniformierte sehe, ich weiß, hier ist etwas passiert und die brauchen jetzt mal Platz zum durchgehen und arbeiten.
Ich denke aber, dass viele Menschen uns schon als so selbstverständlich ansehen, dass sie uns sogar schon übersehen. Es half mir nichts mit bloßer Stimme Platz zu machen („Entschuldigung ich müsste hier bitte schnell durch“), ich erntete nur verständnislose Blicke. Es half auch nichts den gaffenden Menschen zu sagen sie sollen uns bitte Platz machen, sie rückten trotzdem weiter heran als ob ich nichts gesagt hätte. Und dass ein Einsatz, bei dem fünf in auffälliger Uniform angezogene Menschen zu einem offensichtlich nicht ganz gesunden Menschen hasten, mit einer Schauübung, die nicht in dem Tagesplan des Adventmarktes aufscheint und mitten unter hunderten Menschen anstatt in einem abgesperrtem Bereich stattfindet, dass so ein Einsatz unter diesen Bedingungen mit einer Schauübung verwechselt wird – das finde ich wirklich traurig. Denn selbst bei einer Schauübung gehe ich nicht so nahe ran!

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Ääähm… #3

Nachforderung unseres KTWs zu einer Überstellung liegend

Meine dritte Ääähm…-Geschichte bezieht sich nun auf Ärzte, eine Patientin und einen RTW einer anderen Organisation.

Ich habe Urlaub und sitze als Freiwillige am Stützpunkt – ausnahmsweise mach ich mal Tagdienst unter der Woche. Die KTWs sind alle unterwegs, ganz normal an so einem Tag. Ich bin am „Großen“, bin RTW-Fahrerin mit einem Sani und einem Azubi dabei. Plötzlich bekommen wir eine Meldung zu einem dringenden Transport von unserem Krankenhaus ins nächstgelegene große.

Dort erwarten uns die Kollegen vom KTW im Eingangsbereich mit einer Patientin auf ihrer Trage, die wir übernehmen. Als wir die Patientin sehen, wird uns auch klar warum:
In den KTWs steht die Trage recht weit an der linken Wand, im großen RTW mittig. Die Dame würde ganz einfach nicht in den KTW passen, weil sie so voluminös ist, dass sie links und rechts der Trage noch etwas mehr Platz braucht als bei seitlich stehender Trage verfügbar ist. Also: Fahrzeug mit mittig stehender Trage geordert.
Unsere Tragen sind auf 228kg  Patientengewicht zugelassen, ich frage also mal die Kollegen, wieviel die Dame wiegt. Ich bekomme den Transportauftrag vom Krankenhaus und damit die Info: „ACHTUNG: Pat. ca. 150kg, bitte mit RTW von Organisation Y aus Z transportieren“
Tja, wir sind nicht Organisation Y und auch nicht aus Z. Das wäre nämlich ein Schwerlast-RTW mit extrabreiter Trage.
Wir laden die Dame halt mal in unser Auto – auf der Trage des KTW können wir sie eh lassen, die sind ja alle die selben – , sie schreit und jammert nämlich ganz schön und so wollen wir nicht im Eingangsbereich stehen bleiben.

Ich bin zwar heute Fahrerin, erkundige mich aber trotzdem erstmal bei der Patientin, warum wir denn jetzt ins andere Krankenhaus müssen. Viel bekomme ich aus ihr aber nicht heraus, sie ist beschäftigt mit jammern und schreien anstatt zuhören. Deswegen schicke ich den Kollegen auf die Station, um zu fragen, was denn hier los sei. Ich will wissen, was die Dame hat, ob wir mit Blaulicht düsen sollen weil sie vielleicht Schmerzen hat und warum nicht RTW Y angefordert wurde.

Als er zurückkommt, werden mir zumindest die ersten beiden Fragen beantwortet. Gut, ich kann ja die Leitstelle fragen ob wir nicht den Schwerlast-RTW bekommen. „Heute nicht besetzt“ bekomme ich als Antwort. Na toll, also doch wir. Wir fahren also mit Sondersignal los, die Fahrt wird ca. eine halbe Stunde dauern.

Auf halber Strecke muss ich aber stehen bleiben, hinten gibt es Probleme weil unsere Trage anscheinend nicht gut genug für die Liebe Dame ist. Ich sage ihr noch, wenn sie solche Schmerzen hat beim Fahren, könnten wir nur noch den Notarzt holen damit er ihr Medikamente gibt, aber das will sie nicht. Also so halbwegs angenehm machen und weiter.
Immer wieder höre ich sie schreien, immer wieder erklärt der Kollege ihr, dass wir jetzt den Notarzt holen müssen, immer wieder bekommt er als Antwort, dass sie das nicht will und ich gefälligst mehr aufs Gas steigen soll. Ich rufe zurück, dass das die Fahrt erstens noch unangenehmer machen würde und ich weder schneller fahren darf noch kann bei dem Verkehr hier.

Nach endlos langer Zeit kommen wir ENDLICH im Zielkrankenhaus an. Nun will die Dame aber auf einen Sessel (die fahrbaren Stühle im Krankenhaus sind extrabreit), also erfüllen wir ihr diesen Wunsch auf eigene Verantwortung. Während der Kollege Sessel sucht bleibe ich wieder bei der Patientin, die zickt jetzt herum und heult und schreit und möchte unsere Dienstnummern haben. Ich versuche ruhig zu bleiben und frage warum. Die Patientin wird aber wieder laut und schreit herum, dass es nicht ok ist, das wir nicht der Schwerlast-RTW sind und sie sich über den schrecklichen Transport beschweren will. Wieder und wieder erkläre ich ihr, dass wir ihr alles angeboten haben, was uns möglich ist aber sie nichts davon haben wollte, und dass der ganz große RTW heute nicht im Dienst ist. Die Dienstnummern bekommt sie natürlich, inklusive Name und Ort unserer Organisation und sogar der Funknummer des Wagens.

Die Station ist schnell gefunden und wir können unsere Patientin endlich (immer noch heulend und schreiend) abliefern. Wir werden auch vom Pfleger noch kurz angeschnauzt, warum wir die Patientin denn so abliefern, was wir denn getan hätten will er wissen. In aller Ruhe erkläre ich ihm die Situation und er verzieht das Gesicht. Ich höre im weggehen gerade noch ein gemurmeltes „Ach du heilige…“

Erstmal eine Zigarette, dann nach Hause und dem Transportbericht ein Gedächtnisprotokoll beilegen. Immerhin hat die Patientin ja gemeint, sie wird uns verklagen. Das Protokoll wird nicht gerade kurz, aber man muss ja alles genau beschreiben. Alle unterschreiben, ich scanne es noch schnell ein und schicke es den zuständigen Leuten auf der Dienststelle und danach ist endlich Ruhe.

Wir haben unseren Chefs Bescheid gegeben, damit die gewappnet sind für eine eventuelle Beschwerde oder Anzeige. Sie haben sich aber nicht wieder bezüglich dieser Sache gemeldet und meinten sowieso von Anfang an, dass so eine Anzeige nicht möglich sei bzw. unsere Rechtsabteilung mit dem Gedächtnisprotokoll klar belegen kann, warum und wieso und somit die Anzeige und auch eine Beschwerde nichtig wären.
Bis heute haben wir nichts mehr von dieser Dame gehört, es ist jetzt auch schon mehr als ein Jahr her.

Was die Dame genau hatte, haben wir nie erfahren, wir wissen nur von ihren sehr starken Schmerzen im Abdomen. Und das offensichtliche: sie hatte sehr stark ausgeprägte Trommelschlegelfinger und -zehen inklusive Uhrglasnägel. Warum sie die allerdings hatte wissen wir auch nicht.
Generell sind Trommelschlegelfinger ein Hauptmerkmal einer lange andauernden Unterversorgung mit Sauerstoff in den peripheren Körperregionen, bei Lungen- oder Herzkrankheiten oder auch bei Erkrankungen der Leber. 
Ich weiß, dass es sie gibt. Ich weiß, wie sie aussehen. Ich weiß in etwa, wovon sie kommen. Aber das wars dann auch schon wieder. Wenn ihr also mehr darüber wissen wollt fragt doch bitte den lieben Dr. Google 😉

Wenn sie gehen…

Gestern Abend hatte ich wieder Kurs. War dieses mal ganz spannend, wir sind vertiefend auf die Algorithmen der ERC-Guidelines 2015 eingegangen. Reanimation bei Erwachsenen und Kind, Bradykardie und Tachykardie – alles mal in der Theorie durch, Samstag wird dann praktisch geübt.

Allerdings war ich gestern kurzzeitig gedanklich etwas abwesend.
Während dem Kurs habe ich erfahren, dass ein langjähriger Dauerpatient (Dialyse) von uns verstorben ist.

Ich bin immer sehr gern mit diesem Patienten gefahren, dafür habe ich meinen Dienst auch mal um 5 Uhr morgens begonnen.
Er hat mich sehr an meinen Großvater erinnert. Leider hatte ich durch den Kurs und die Arbeit in letzter Zeit keine Gelegenheit mehr, mit ihm zu fahren.

Gerade eben habe ich noch erfahren, dass er vor kurzem eine Kollegin nicht mehr erkannt hat und daraufhin eine Gehirnblutung bei ihm festgestellt wurde. Das tut mir wirklich sehr leid, ich bin aber ehrlich gesagt froh, dass er nicht allzu lang darunter zu leiden hatte.

Im Rettungsdienst haben wir immer wieder die verschiedensten Patienten. Die meisten sehen wir nur einmal – bei einem Primäreinsatz, wenn sie akut Hilfe brauchen und wir sie versorgen und ins Krankenhaus bringen.
Manche Patienten begleiten uns aber über Jahre. Sie sind schwer krank und müssen immer wieder zu Therapien oder Untersuchungen ins Krankenhaus transportiert werden. Gerade diese Patienten erleben wir meist als die dankbarsten und mit denen haben wir auch Gelegenheit, viel zu reden.

So habe ich auch über diesen Patienten viel erfahren – er hat in seinem langen Leben doch viel erlebt – und immer wieder gab es Geschichten zu erzählen, die ich noch nicht kannte. Wir haben immer viel gelacht auf den Transporten.

Es ist immer traurig, wenn man Patienten sterben sieht oder hört, dass sie verstorben sind.
Doch gerade bei diesen Patienten, die wir doch recht oft sehen, trifft es auch uns tief in unserem Inneren.

Auch den Kollegen, mit denen ich schon darüber gesprochen habe, merkt man ihre Betroffenheit an.
Es wird nun für uns alle die nächsten Dienste irgendwie komisch sein, wenn wir auf die Transportzuteilung warten, und niemand wird zu ihm fahren.

Ruhen Sie in Frieden.

Was man tief in seinem Herzen besitzt,
kann man nicht durch den Tod verlieren.
Johann Wolfgang von Goethe
Im Fall des Verstorbenen war es die Freude am Leben selbst. Das hat man ihm auf jedem einzelnen Transport angemerkt.