…irgendwo im Nirgendwo

Es ist einer meiner ersten Dienste am NAW, ich besuche ja gerade den Notfallsanitäter-Kurs. Bei uns ist nicht wirklich viel zu tun, es gibt wenige Einsätze, und so setze ich mich nach dem Fahrzeug-Check erstmal hin und trinke Kaffee.
Der Check dauert etwas, beim Kaffee lasse ich mir auch Zeit, deshalb ist es schon ungefähr 9 Uhr als das erste Mal der Pager geht.

Ich lese zuerst gar nicht was da alles in der Alarmierung steht, ich sammle meine Sachen ein und gehe zum Auto. Noch kurz warten bis der Notarzt aus der Ambulanz da ist und dann geht es auch schon los. Wir haben nur einen kurzen Anfahrtsweg, ich habe also nicht viel Zeit mich vorzubereiten. Ich höre auf der Anfahrt nur, wie der Fahrer und mein Sani vorne über die Alarmierung reden. „Das ist aber auch noch kein Alter zum Sterben.“
Kreislaufstillstand – Ineffektive Atmung
Ah, das steht also in der Alarmierung. Fffffff…. Noch schnell die Handschuhe überziehen (ich ziehe mir immer gern 2 Paar übereinander an wenn es so aussieht, als ob wir mehr arbeiten müssten – man weiß ja nie wann der Handschuh reißt oder wieviel Blut dran kleben wird) und dann sind wir auch schon da.

Der RTW erwartet uns schon – allerdings mit einem putzmunteren Patienten, der „nur“ über Brust- und Kopfschmerzen klagt. Die Blutdruckmessung sagt uns nichts Gutes, das lässt sich aber mit einem Medikament recht schnell auf ein normales Level senken. Das EKG schaut gut aus, auch die Betreuung tut dem Patienten gut, sein Zustand bessert sich recht rasch. Wir nehmen ihn mit, übergeben ihn im Krankenhaus – alles in allem ein Routineeinsatz, bei dem der Zeitdruck nicht so groß war wie bei anderen.

Zeitdruck… Tja… Was das ist erlebe ich mal wieder am Nachmittag.
Nach dem ersten Einsatz gönn ich mir jetzt endlich mal mein Frühstück. Es ist fast ein bisschen zu ruhig – die Hauptberuflichen werden nicht mal vom Telefon gestört, der Arzt schläft in seinem Ruheraum, ich schlafe beim Fernseher ein.
Das hab ich jetzt davon: Der Pager piept wieder!

Kreislaufstillstand – Atemstillstand
Naja, wunderschönen Guten Morgen (oder eher schon Nachmittag, ich hab anscheinend lange geschlafen).
Der Anfahrtsweg zu diesem Einsatzort ist relativ lange, wir müssen ins andere Tal. Meine Ausbildnerin ruft mir vom Beifahrersitz aus zu, ich solle die RTW-Mannschaft gleich bei der Herzdruckmassage ablösen, sie und der Fahrer kümmern sich um Material und Notarztassistenz.

Erst als ich am Einsatzort aus dem Wagen steige bemerke ich, dass wir mitten auf einem Feld stehen. Wir sind von der Straße weg mit unserem doch recht geländegängigem und mit Allradantrieb ausgestatteten NAW einfach über die Halbe Wiese zum Patienten gefahren. Gut, brauchen wir das schwere Zeug nicht so weit schleppen.

Ich löse also gleich mal die Sanitäterin ab, die die Herzdruckmassage durchführt. Dann kann auch ich mir einen genaueren Überblick verschaffen:
– Der Defi ist geklebt, es wurden bereits einige Schocks abgegeben.
– Der dazugerufene Praktiker ist schon eine Weile da, hat mit einem Larynxtubus mit Magensonde inturbiert und bereits einiges für den Notarzt vorbeireitet.
– Die Polizei steht mit den Angehörigen außerhalb der Sichtweite hinter unserem Wagen.
– Meine Kollegin beginnt, an die drei Sanis vom RTW die Aufgaben zu verteilen (Infusion zusammenbauen, Medikamente aufziehen, EKG kleben, …).
– Unser Fahrer holt das Reanimationsgerät (LUCAS II).
– Der Notarzt bespricht sich mit dem Praktiker – einer übernimmt daraufhin die Beatmung, einer die Medikamente.

Die nächste Analyse des AED steht an. Meine Kollegin löst mich ab und ich arrangiere die Reanimationsmaschine. Sobald diese läuft, braucht von uns niemand mehr die Herzdruckmassage machen, das erledigt jetzt die Maschine.
Während die RTW-Mannschaft und die Ärzte noch weiter arbeiten, holen wir anderen schon mal alles, was wir für einen Transport brauchen: Trage, Schaufeltrage, Beatmungsgerät. Der Patient wird umgelagert, die Maschine an seiner Brust kann in der Zwischenzeit weiterarbeiten.

Warum transportieren wir diesen Patienten? 
Er hat wieder einen Herzrhythmus, allerdings eine PEA (pulslose elektrische Aktivität). Das Herz gibt also die nötigen elektrischen Reize ab, die Herzmuskeln sollten sich also wie üblich zusammenziehen und Blut pumpen. Das tun sie aber nicht. Und deswegen wird der Patient unter laufender Reanimation ins Krankenhaus gebracht. 

Vor der Abfahrt gibt es auch im Auto noch einiges zu erledigen:
– Meine Ausbildnerin und der Arzt kontrollieren den LUCAS, die Beatmungsmaschine, Infusion etc.
– Mein Fahrer packt unsere Sachen vom Feld ein und verstaut sie soweit möglich gleich wieder in den Fächern.
– Ich ziehe die Medikamente auf, die wir während der Fahrt noch brauchen werden.

Alles in allem vergeht die Zeit während einer Reanimation schneller als man glaubt. Wenn ich jetzt so zurück denke, könnte ich euch nicht genau sagen, wie lange wir vor Ort waren. Ich würde aber rein vom Gefühl her sagen, dass es ca. 20-25 Minuten waren, in denen das Auto gestanden ist. Wenn man sich aber genau anschaut, was genau wir alles gemacht haben, dann kann das gar nicht stimmen. Wir sind vielleicht Helden, aber keine Zauberer. Wir waren fast eine dreiviertel Stunde vor Ort. 

Während der Fahrt melden wir uns telefonisch im Zielkrankenhaus an, so wird uns direkt bei Eintreffen am Eingang ein Team bereitgestellt, dass uns in einen für uns reservierten Akutraum begleitet.

Erst jetzt, wo wir fahren, der Patient alle Medikamente bekommen hat und die Reanimations- und Beatmungsmaschine arbeiten, kann ich mich kurz hinsetzen und bemerke, dass meine Augen tränen und die Nase läuft. Verdammt – die Allergie! Klar, sitz mit Gräserallergie auch irgendwo im nirgendwo im frisch gemähten Gras. Tabletten raus und schnell eine genommen, gleich wird’s mir besser gehen…

Die Übergabe im Krankenhaus macht der Notarzt an den zuständigen Arzt der Notaufnahme.
Der Patient wird umgelagert, an die Geräte der Notaufnahme angeschlossen und wir können Auto putzen gehen.

Während wir das Auto wieder startklar machen, die Medikamente im Koffer nachfüllen, die Trage und Geräte putzen und alles wieder einsatzbereit machen, kommt der Notarzt wieder zu uns und erzählt, was drinnen noch passiert ist.

Bei dem Patienten wurde eine Thrombus festgestellt, der zu einer Lungenembolie geführt hat. Daher auch der Atem-Kreislauf-Stillstand. Die Ärzte des Krankenhauses haben nach dieser Entdeckung darauf verzichtet, weiter zu reanimieren. 

Der Patient war knapp über 60 Jahre alt. Wir haben sehr lange reanimiert und sehr viele Medikamente gegeben. Aber mit so einer Diagnose und nach so langer Zeit unter laufender Reanimation ist die Wahrscheinlichkeit gleich 0, dass der Patient das überlebt. Deshalb hat das Krankenhaus sich für einen Abbruch entschieden.

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