Was mache ich…?

Ein Artikel von Wenn der Melder geht brachte mich die letzten Tage ganz schön ins Grübeln.
Der Medizinstudent fragt sich in dem Beitrag Was mache ich hier eigentlich?
Und genau die Frage beschäftigt mich jetzt auch… Sie lässt mich einfach nicht los…

Ich ging vor etwas über 4 Jahren in den freiwilligen Rettungsdienst. Ich war 18 und – wenn man es so nennen will – naiv. Ich wollte helfen, konnte aber (noch) nicht Medizin studieren. Die Ausbildung, die Dienste, es machte so viel Spaß und ich hatte endlich eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung gefunden!

Und dann lernte ich mehr und lernte auch, dass wir dieses und jenes nicht dürfen.
Und dann lernte ich noch, dass manche Patienten Geld bringen, andere kosten uns Geld.
Und die zusätzliche Ausbildung, die musst du nicht machen, es reicht so auch für den RTW. Im Nachhinein weiß ich, es ist teuer. Ausbildung ist teuer. Kompetenz ist teuer.

Es ist sehr traurig, dass ein Gesundheitssystem so funktioniert. Es lässt sich von Macht und Geld leiten anstatt von Mitgefühl und Hilfsbereitschaft.
In Kliniken und auch bei Hausärzten und anderen Versorgungseinrichtungen muss man anscheinend schon bevor man den Patienten sieht abwägen, welche Untersuchungen und Therapien das System tragen kann. Möglichst doch bitte noch mit Gewinn, nur bitte ja nicht zu viel tun, das würde uns zu viel Geld kosten.
Im Rettungsdienst ist man dann eben mehr so Taxi, Krankentransporte bringen Geld, machen den Großteil der Alarmierungen aus und dafür braucht man nur die „Grundausbildung“. Die wenigen Einsätze, die schaffen dann schon die wenigen Leute, die die Ausbildungen haben, die Konpetenzen haben.

Ich wollte helfen. Ich will helfen. Ich will lernen, ich will Kompetenzen erreichen und unseren Patienten die bestmögliche präklinische Versorgung zukommen lassen. 
Das System sagt, diese und jene Geräte zur Diagnosestellung und Erstversorgung kommen uns zu teuer.
Das System sagt, dass auf den RTWs Rettungssanitäter reichen. Und dass Notfallsanitäter auch nicht wirklich viel mehr dürfen als Rettungssanitäter. Und dass Kompetenzerweiterung teuer ist. Und dass Kompetenzanwendung sowieso nur unter notärztlicher Aufsicht genehmigt ist. Somit sind Kompetenzen eigentlich überflüssig, der NA machts ja eh selber.

Wir kutschieren lieber mit den RTWs die Krankentransporte herum, anstatt auf die wenigen Notfalleinsätze zu warten. Die Krankenkassen zahlen uns ja nur für gefahrene Kilometer und nicht die Bereitschaftszeit. Und weil 90% der Fahrten eben Krankentransporte sind…. Und weil von den übrigen 10% sowieso 8 auch zum Hausarzt gehen könnten… Und sowieso und überhaupt.

Alles dreht sich im Gesundheitsbereich nur noch um Geld – so wie immer und überall in Leben. Geld ist Leben. Leben ist Geld. Der Sinn der Sache wird in den Hintergrund gestellt. 

Es macht so wie es ist keinen Spaß mehr. Und trotzdem bin ich gern hier. Weil es trotzdem was Gutes ist. 

Was mache ich hier eigentlich? Ich helfe… Weil das doch immer noch der Sinn ist.

 

Werbeanzeigen

Trauer

Warum trauern wir?
Es gibt viele Gründe dafür, am häufigsten kommen wir im Rettungsdienst mit der Trauer um einen verstorbenen Menschen in Berührung. Wenn wir nach Hause gerufen werden, weil der Opa im Bett liegt und sich nicht mehr rührt. Wenn wir den Angehörigen mitteilen müssen, dass es der Opa nicht geschafft hat. Dann sehen wir meist zwei Dinge in ihren Gesichtern: Schmerz und Trauer.

Trauer ist ein Prozess, der sich in verschiedene Phasen einteilen lässt. Hierzu die beiden gängisten Modelle kurz beschrieben (detaillierte Infos unter www.trauerphasen.de)
Nach Verena Kast sind das die vier Phasen:
Nicht-Wahrhaben-Wollen („Es darf nicht wahr sein.“)
aufbrechende Emotionen (Schwankungen zwischen Trauer, Wurt, Angst, …)
Suchen (auf Fotos, in seinem Zimmer, am Lieblingsplatz, …)
neuer Bezug zur Umwelt und sich selbst (= Akzeptanz, Einfügen in eine neue Rolle)
Yorick Spiegel teilt die vier Phasen etwas anders ein:
Schockphase (Verhalten wie in einer Traumwelt)
Kontrollierte Phase (Ablenkung durch verschiedene Aktivitäten um das Gefühl der Leere zu verdrängen)
Regression (Rückzug um mit der Trauer allein zu sein und damit umgehen zu lernen)
Anpassung (Rückkehr in ein normales Leben)

Warum schreibe ich hier jetzt von Trauer?
Nun ja, ich durfte eine faszinierende Seite der Trauer kennenlernen.
Trauer kann nämlich auch vor dem Verlust eines geliebten Menschen bestehen. Wenn man zum Beispiel erklärt bekommt, dass Mutter mit fast 90 Jahren nicht mehr lange zu leben hat, weil sie Krebs hat.

Wir brachten mit dem KTW eine Patientin nach Hause, die Palliativ im Krankenhaus war. Sie wurde auf eigenen Wunsch nach Hause gebracht, sie wollte im Kreise der Familie und vor allem zu Hause sterben.
Palliativ – was ist das? Es gibt in Krankenhäusern eigene Stationen, es gibt eigene Pflegehäuser, Pflegedienste dafür. Für sterbenskranke Menschen, die nur noch bestmöglich gepflegt und betreut werden, bis sie sterben. Die dadurch sozusagen darauf vorbereitet werden.
Ich bewundere alle Palliativpfleger – ihr macht eine wahnsinnig wichtige, schöne, anstrengende, belastende Arbeit. Schön? Ja, ich finde es schön, wenn man die letzten Tage/Wochen einer sterbenden Person noch bestmöglich mitgestalten kann. Man lernt Menschen in ihren ehrlichsten Momenten kennen und darf ihnen die wahren Herzenswünsche noch erfüllen. Aber es ist auch belastend, immerhin weiß man ganz genau, was auf den Menschen zukommt, dem man gerade noch geholfen hat, sich auf das Kommende vorzubereiten.
Ich könnte das nicht mein Leben lang machen.

Was ich aber kann, ist immer mal wieder durch den Rettungsdienst die Palliativstation bei uns unterstützen. Und zwar, indem ich helfe, die Wünsche zu erfüllen.
Ich durfte einmal eine Patientin nach Hause bringen, der nur noch ganz ganz wenig Zeit zu Leben gegeben wurde. Die Dame war ganz klar im Kopf. Fast 90, sehr krank aber eine tapfere kleine Lady. Sie wünschte sich, dass sie zu Hause sterben dürfe. Im Kreis ihrer Familie, ihrer Kinder.

Im Krankenhaus erwarteten uns die Tochter und einer der Söhne. Wir lagerten die Dame nach ihren Wünschen auf unserer Trage – es soll so bequem wie möglich sein. Jetzt gibt es außerdem keinen Stress mehr. Der Oberarzt wollte noch mit uns reden, also mussten wir auch noch kurz warten.
Er erklärte uns, wie es um die Dame stand. Was der Grund für den Heimtransport war. Dass sie bei klarem Verstand sei. Wir wurden darüber aufgeklärt, dass der Dame so wenig Zeit gegeben wird, dass sogar der Tod am Transportweg nach Hause nicht ausgeschlossen werden kann.
Nein, sie starb nicht im KTW. Sie war tapfer, auch ihre Kinder. Der Sohn fuhr bei uns mit, er hielt die ganze Zeit über die Hand seiner Mutter. Sie wirkten so friedlich.

Man merkte allen an, dass sie mit der Sache abgeschlossen hatten. Sie waren darauf vorbereitet. Die prägenden Trauerphasen waren überwunden. Sie wollten nur noch Ruhe. Nach den Phasen von Yorick Spiegel wären sie in der Regression gewesen. Der Rückzug, der Abschluss mir dem Thema, das war in diesem Moment wichtig. Keine Tränen mehr, keine Wut, keine ungläubigen Worte oder Verleugnungen. Jeder wusste, was jetzt kommt.

Ich will ehrlich sein: Ich wünschte der Dame, dass sie nicht zu leiden hat. Dass sie ein paar angenehme Stunden mit ihren Liebsten verbringen darf. Dass es vorbei ist, bevor die Schmerzen wiederkehren. Das waren auch ihre Wünsche, und wir haben es geschafft, dass ein Teil des Wunsches wahr wurde. Sie bedankte sich noch bei uns, auch ihre Kinder. Sie wirkte so entspannt, wie sie da in ihrem Bett lag. So still und heimlich wie möglich machten wir uns aus dem Staub. Hier wollten wir nicht mehr stören.

Etwas später erfuhr ich durch eine Traueranzeige, dass die Dame noch am selben Abend verstorben war, ein paar Stunden nachdem wir sie heimgebracht hatten. Sie hatte es geschafft, ihr letzter Wunsch war in Erfüllung gegangen.
Es freut mich, dass ich sie unterstützen – also heimbringen – durfte.
Es freut mich, dass sie bis zuletzt nicht allein war.
Es freut mich, dass sie in aller Ruhe gehen konnte.

Ääähm… #3

Nachforderung unseres KTWs zu einer Überstellung liegend

Meine dritte Ääähm…-Geschichte bezieht sich nun auf Ärzte, eine Patientin und einen RTW einer anderen Organisation.

Ich habe Urlaub und sitze als Freiwillige am Stützpunkt – ausnahmsweise mach ich mal Tagdienst unter der Woche. Die KTWs sind alle unterwegs, ganz normal an so einem Tag. Ich bin am „Großen“, bin RTW-Fahrerin mit einem Sani und einem Azubi dabei. Plötzlich bekommen wir eine Meldung zu einem dringenden Transport von unserem Krankenhaus ins nächstgelegene große.

Dort erwarten uns die Kollegen vom KTW im Eingangsbereich mit einer Patientin auf ihrer Trage, die wir übernehmen. Als wir die Patientin sehen, wird uns auch klar warum:
In den KTWs steht die Trage recht weit an der linken Wand, im großen RTW mittig. Die Dame würde ganz einfach nicht in den KTW passen, weil sie so voluminös ist, dass sie links und rechts der Trage noch etwas mehr Platz braucht als bei seitlich stehender Trage verfügbar ist. Also: Fahrzeug mit mittig stehender Trage geordert.
Unsere Tragen sind auf 228kg  Patientengewicht zugelassen, ich frage also mal die Kollegen, wieviel die Dame wiegt. Ich bekomme den Transportauftrag vom Krankenhaus und damit die Info: „ACHTUNG: Pat. ca. 150kg, bitte mit RTW von Organisation Y aus Z transportieren“
Tja, wir sind nicht Organisation Y und auch nicht aus Z. Das wäre nämlich ein Schwerlast-RTW mit extrabreiter Trage.
Wir laden die Dame halt mal in unser Auto – auf der Trage des KTW können wir sie eh lassen, die sind ja alle die selben – , sie schreit und jammert nämlich ganz schön und so wollen wir nicht im Eingangsbereich stehen bleiben.

Ich bin zwar heute Fahrerin, erkundige mich aber trotzdem erstmal bei der Patientin, warum wir denn jetzt ins andere Krankenhaus müssen. Viel bekomme ich aus ihr aber nicht heraus, sie ist beschäftigt mit jammern und schreien anstatt zuhören. Deswegen schicke ich den Kollegen auf die Station, um zu fragen, was denn hier los sei. Ich will wissen, was die Dame hat, ob wir mit Blaulicht düsen sollen weil sie vielleicht Schmerzen hat und warum nicht RTW Y angefordert wurde.

Als er zurückkommt, werden mir zumindest die ersten beiden Fragen beantwortet. Gut, ich kann ja die Leitstelle fragen ob wir nicht den Schwerlast-RTW bekommen. „Heute nicht besetzt“ bekomme ich als Antwort. Na toll, also doch wir. Wir fahren also mit Sondersignal los, die Fahrt wird ca. eine halbe Stunde dauern.

Auf halber Strecke muss ich aber stehen bleiben, hinten gibt es Probleme weil unsere Trage anscheinend nicht gut genug für die Liebe Dame ist. Ich sage ihr noch, wenn sie solche Schmerzen hat beim Fahren, könnten wir nur noch den Notarzt holen damit er ihr Medikamente gibt, aber das will sie nicht. Also so halbwegs angenehm machen und weiter.
Immer wieder höre ich sie schreien, immer wieder erklärt der Kollege ihr, dass wir jetzt den Notarzt holen müssen, immer wieder bekommt er als Antwort, dass sie das nicht will und ich gefälligst mehr aufs Gas steigen soll. Ich rufe zurück, dass das die Fahrt erstens noch unangenehmer machen würde und ich weder schneller fahren darf noch kann bei dem Verkehr hier.

Nach endlos langer Zeit kommen wir ENDLICH im Zielkrankenhaus an. Nun will die Dame aber auf einen Sessel (die fahrbaren Stühle im Krankenhaus sind extrabreit), also erfüllen wir ihr diesen Wunsch auf eigene Verantwortung. Während der Kollege Sessel sucht bleibe ich wieder bei der Patientin, die zickt jetzt herum und heult und schreit und möchte unsere Dienstnummern haben. Ich versuche ruhig zu bleiben und frage warum. Die Patientin wird aber wieder laut und schreit herum, dass es nicht ok ist, das wir nicht der Schwerlast-RTW sind und sie sich über den schrecklichen Transport beschweren will. Wieder und wieder erkläre ich ihr, dass wir ihr alles angeboten haben, was uns möglich ist aber sie nichts davon haben wollte, und dass der ganz große RTW heute nicht im Dienst ist. Die Dienstnummern bekommt sie natürlich, inklusive Name und Ort unserer Organisation und sogar der Funknummer des Wagens.

Die Station ist schnell gefunden und wir können unsere Patientin endlich (immer noch heulend und schreiend) abliefern. Wir werden auch vom Pfleger noch kurz angeschnauzt, warum wir die Patientin denn so abliefern, was wir denn getan hätten will er wissen. In aller Ruhe erkläre ich ihm die Situation und er verzieht das Gesicht. Ich höre im weggehen gerade noch ein gemurmeltes „Ach du heilige…“

Erstmal eine Zigarette, dann nach Hause und dem Transportbericht ein Gedächtnisprotokoll beilegen. Immerhin hat die Patientin ja gemeint, sie wird uns verklagen. Das Protokoll wird nicht gerade kurz, aber man muss ja alles genau beschreiben. Alle unterschreiben, ich scanne es noch schnell ein und schicke es den zuständigen Leuten auf der Dienststelle und danach ist endlich Ruhe.

Wir haben unseren Chefs Bescheid gegeben, damit die gewappnet sind für eine eventuelle Beschwerde oder Anzeige. Sie haben sich aber nicht wieder bezüglich dieser Sache gemeldet und meinten sowieso von Anfang an, dass so eine Anzeige nicht möglich sei bzw. unsere Rechtsabteilung mit dem Gedächtnisprotokoll klar belegen kann, warum und wieso und somit die Anzeige und auch eine Beschwerde nichtig wären.
Bis heute haben wir nichts mehr von dieser Dame gehört, es ist jetzt auch schon mehr als ein Jahr her.

Was die Dame genau hatte, haben wir nie erfahren, wir wissen nur von ihren sehr starken Schmerzen im Abdomen. Und das offensichtliche: sie hatte sehr stark ausgeprägte Trommelschlegelfinger und -zehen inklusive Uhrglasnägel. Warum sie die allerdings hatte wissen wir auch nicht.
Generell sind Trommelschlegelfinger ein Hauptmerkmal einer lange andauernden Unterversorgung mit Sauerstoff in den peripheren Körperregionen, bei Lungen- oder Herzkrankheiten oder auch bei Erkrankungen der Leber. 
Ich weiß, dass es sie gibt. Ich weiß, wie sie aussehen. Ich weiß in etwa, wovon sie kommen. Aber das wars dann auch schon wieder. Wenn ihr also mehr darüber wissen wollt fragt doch bitte den lieben Dr. Google 😉

Faschingszeit – Schicht 3, Dienstag Nacht

(Fortsetzung zu Faschingszeit – Schicht 1, Samstag Tag und Faschingszeit – Schicht 2, Samstag Nacht.)

Und schon wieder ein Faschingsdienst. Gott sei Dank ist die Zeit jetzt bald vorbei.

Ich hatte ja am Samstag schon 24h Dienst und jetzt nochmal 12h am Faschingsdienstag – warum ich mir gerade diese Dienste eingetragen hab weiß ich selber nicht.

Heute bin ich mal wieder auf meiner Gastdienststelle in der Stadt. Ich rechne wie schon am Samstag mit Alk-Intox und Schlägerei und Sturz. Mal schauen, was uns heute wirklich alles erwartet.

Los geht es schon relativ spät mit einem Busfahrer, der starke Halsschmerzen und dadurch auch Schmerzen in den Ohren und im Kopf hat. Es wäre laut seiner eigenen Aussage nicht schlimm genug fürs Krankenhaus, aber es ist mitten in der Nacht und er muss morgen früh wieder mit einem vollbesetzten Reisebus nach Hause fahren – und das ist eine sehr weite Strecke.

Wir verstehen das und bringen ihn deswegen ins Krankenhaus, damit er sich dort schnell eine Diagnose und Medikamente für die Fahrt holen kann, falls es wirklich „nichts“ ist. Eine andere Möglichkeit hätte er eh nicht – zu Fuß wäre es zu weit und mit dem Reisebus ins Krankenhaus? Dann lieber der RTW.

Gleich vom Krankenhaus weg dann ein Heimtransport, weil‘s sowieso am Weg liegt und wir halt zufällig auch grad neben der Patientin im Warteraum stehen.

Ab „nach Hause“ auf die Dienststelle. Bis jetzt haben weder wir noch der andere RTW einen der erwarteten Einsätze gehabt.

Es wird Zeit schlafen zu gehen, ich überzieh wieder mal mein Bettchen, schau noch ein bisschen übers Smartphone bei meiner Lieblingsserie weiter – da geht der Pager schon wieder. Eine Kleinigkeit, innerhalb einer halben Stunde sind wir wieder zurück und freuen uns aufs Bett. In der Garage fehlt aber der andere RTW, wir sind ein bisschen demotiviert, sind wir doch schon wieder die nächsten die dran sind. Wird also vermutlich nichts mit lange schlafen jetzt.

Nachdem wir den Einsatzbericht fertig geschrieben haben legen wir uns wieder ins Bett, mitten unterm Tratschen schlaf ich ein. Aber wie gesagt – wir werden wohl nicht lange schlafen können. Stimmt auch so. Es soll mit NAW zu einem vermutlichen Schlaganfall gehen, bei einer 37jährigen. Der Text ist schon mal ein bisschen wirr, es deutet nicht alles auf einen Schlaganfall hin, bei einer so jungen Dame ist das auch eher unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Als wir bei der Wohnung ankommen, liegt die Frau in der Küche am Boden und schreit und heult, um sie herum laufen ständig zwei Männer und machen sie noch panischer, als sie sowieso schon ist. Alles ist in dem Moment Chaos pur in unseren Augen.

Sie habe so starke Schmerzen und könne ihre rechte Seite nicht mehr bewegen. Volles Programm: Sauerstoff, Temperatur, EKG, Blutdruck, Pupillen, alles wird angeschaut. Parallel dazu wird die Patientin genau untersucht – was tut weh, wo und wie stark, strahlt es aus, ist die rechte Körperhälfte auch unempfindlich oder nur eingeschränkt in der Bewegung…

Herausgefunden haben wir gemeinsam mit dem Notarzt dann nicht wirklich etwas, das für uns Sinn ergeben würde: Sie ist nicht gestürzt, es hat einfach so angefangen am früheren Abend. Vor allem die starken Schmerzen, dann kam die Bewegungsunfähigkeit dazu. Wir finden keinen neurologischen Grund (ok, präklinisch etwas schwierig Genaueres herauszufinden, aber was wir finden könnten finden wir nicht) und auch keine offensichtlichen Verletzungen oder ähnliches, das die Schmerzen rechtfertigen könnte. Wir wissen nur, dass sie Schmerzen hat, wo diese sind und dass sie etwas aufgeregt ist und sich dadurch die Atemstörungen ergeben – sie ist teilweise kurz vor der Hyperventialtion. Wenn man die Dame zu ruhigem Atmen anregt, mit ihr atmet und sie auch psychisch betreut, werden sowohl Atmung als auch Schmerzen besser. Tja, immer noch keine genauere Diagnose möglich, wir bleiben also bei „Verdacht auf nicht traumatische Rückenschmerzen“ und fahren so ins Krankenhaus.

Am Rückweg läutet das Fahrzeugtelefon. Dran ist aber (Gott sei Dank) nicht der Dispo, sondern unsere CallTakerin der Leitstelle. Wir kennen uns persönlich und sie will wissen, was denn da jetzt los war bei dem Einsatz. Sie hat den Anruf entgegengenommen und schon da war alles sehr wirr und hysterisch, sie dachte sogar daran, die Polizei dazuzubestellen, weil absolut nicht klar war, was da denn jetzt los ist in der Wohnung, dauernd macht irgendjemand Panik und es war in dem Chaos nicht auszuschließen, dass jemand vielleicht sogar zugeschlagen hat. Ja, den Eindruck kann ich ihr bestätigen. War zwar kein Fall für die Polizei, aber wirr war es allemal. Auch wegen den Angehörigen.

Wir wünschen uns noch eine ruhige und angenehme Nacht – sie muss ja wach bleiben, wir dürfen uns jetzt aber wieder ins Bettchen legen. Und dieses Mal bleibt der Pager ruhig, ich kann durchschlafen bis 8:30 Uhr. So schön….

Im Endeffekt war auch in diesem Faschingsdienst wieder nichts „typisches“ dabei, so wie Samstag auch schon. Keine Schlägereien, keine Unfälle, keine Alkoholvergiftungen. Freut uns alle, sowas brauchen wir – auch wenn Fasching ist – sowieso nicht unbedingt.

Wenn sie gehen…

Gestern Abend hatte ich wieder Kurs. War dieses mal ganz spannend, wir sind vertiefend auf die Algorithmen der ERC-Guidelines 2015 eingegangen. Reanimation bei Erwachsenen und Kind, Bradykardie und Tachykardie – alles mal in der Theorie durch, Samstag wird dann praktisch geübt.

Allerdings war ich gestern kurzzeitig gedanklich etwas abwesend.
Während dem Kurs habe ich erfahren, dass ein langjähriger Dauerpatient (Dialyse) von uns verstorben ist.

Ich bin immer sehr gern mit diesem Patienten gefahren, dafür habe ich meinen Dienst auch mal um 5 Uhr morgens begonnen.
Er hat mich sehr an meinen Großvater erinnert. Leider hatte ich durch den Kurs und die Arbeit in letzter Zeit keine Gelegenheit mehr, mit ihm zu fahren.

Gerade eben habe ich noch erfahren, dass er vor kurzem eine Kollegin nicht mehr erkannt hat und daraufhin eine Gehirnblutung bei ihm festgestellt wurde. Das tut mir wirklich sehr leid, ich bin aber ehrlich gesagt froh, dass er nicht allzu lang darunter zu leiden hatte.

Im Rettungsdienst haben wir immer wieder die verschiedensten Patienten. Die meisten sehen wir nur einmal – bei einem Primäreinsatz, wenn sie akut Hilfe brauchen und wir sie versorgen und ins Krankenhaus bringen.
Manche Patienten begleiten uns aber über Jahre. Sie sind schwer krank und müssen immer wieder zu Therapien oder Untersuchungen ins Krankenhaus transportiert werden. Gerade diese Patienten erleben wir meist als die dankbarsten und mit denen haben wir auch Gelegenheit, viel zu reden.

So habe ich auch über diesen Patienten viel erfahren – er hat in seinem langen Leben doch viel erlebt – und immer wieder gab es Geschichten zu erzählen, die ich noch nicht kannte. Wir haben immer viel gelacht auf den Transporten.

Es ist immer traurig, wenn man Patienten sterben sieht oder hört, dass sie verstorben sind.
Doch gerade bei diesen Patienten, die wir doch recht oft sehen, trifft es auch uns tief in unserem Inneren.

Auch den Kollegen, mit denen ich schon darüber gesprochen habe, merkt man ihre Betroffenheit an.
Es wird nun für uns alle die nächsten Dienste irgendwie komisch sein, wenn wir auf die Transportzuteilung warten, und niemand wird zu ihm fahren.

Ruhen Sie in Frieden.

Was man tief in seinem Herzen besitzt,
kann man nicht durch den Tod verlieren.
Johann Wolfgang von Goethe
Im Fall des Verstorbenen war es die Freude am Leben selbst. Das hat man ihm auf jedem einzelnen Transport angemerkt.