Bewusstlos… oder ein bisschen mehr… oder weniger?

Mit dem Stichworten „Bewusstlos, Atmung vorhanden – Husten und Schwindel“ werden wir zum Einsatz gerufen. Ich bin mit zwei Burschen am RTW, das NEF ist mit alarmiert.

Ich schicke meine beiden Sanis mit dem Rucksack vor, ich werde dann gleich mit dem Rest nach oben kommen. Tja, und oben angekommen sege ich dann meine zwei jungen Männer einen 150kg schweren Menschen auf den Boden legen – sein Gesicht ist ungefähr so blau wie unser Blaulicht, das draußen in der Sonne munter herumblitzt.

Gut, sieht nach Schema A aus – Angehörige runter schicken den Notarzt einweisen, einer checkt Atmung (2x noch hören wir ein schnappen im Abstand von ca. 8 Sekunden, dann ist Stille), einer macht den Oberkörper der Patientin frei und ich bereite Defi, Sauerstoff und sonst noch was vor.
Ich höre Stimmen und Schritte, schreie dem NEF-Team „Reanimation“ entgegen um mal kurz und knapp zu erklären, was hier eigentlich gerade abgeht.

Meine erste Reanimation als „fertiger“ Notfallsani. Wir sind also 2 Rettungssanis, 2 Notfallsanis und 1 Arzt – somit wären die Aufgaben auch schon mal verteilt ohne darüber sprechen zu müssen.

Wie gut, dass wir so viele sind, ich habe genug Zeit um aus dem NEF-Rucksack mal die endotracheale Intubation vorzubereiten, während der NEF-Sani gleich mal wegen einem Zugang schaut und Medikamente aufzieht.
Einer der Burschen pumpt weiter während der andere jetzt ein EKG klebt – toll wenn die RS das übernehmen können, so hat niemand Zeit in der er sich langweilt.

Intubation: check
Zugang: check
Infusion: check
Medikamente: check
EKG: check

Nicht mal 20 Minuten reanimieren wir, es wird kein einziger Schock abgegeben, der Patient hat wieder einen Herzrhythmus und atmet gegen den Tubus.

Alles läuft sowas wie am Schnürchen, das habt ihr noch nicht gesehen! Das ist die Lehrbuchreanimation!
Der Patient kommt mit eigenem Kreislauf und gut reagierenden Pupillen ins Krankenhaus.

Bei der Nachbesprechung ist dieses Mal auch die Feuerwehr dabei – wir wollen alle immer etwas verbessern und besser zusammenarbeiten, also tauschen wir uns auch aus. Aber hier gibt es gar nichts zu verbessern – es war eine wunderbare Zusammenarbeit und es hat tatsächlich jeder einzelne Mitwirkende großes Lob verdient.
Wie gesagt: Lehrbuchreanimation!
Warum Feuerwehr? Schwierige Platzsituation, steiler Abstieg, schwerer Mensch –> Tragehilfe!

Es ist immer wieder schön wenn man Menschen wieder ins Leben zurückholen kann – egal in welcher Position man steht. Das hat uns auch die Feuerwehr bestätigt.
Und ich muss sagen: wenn man das Ganze mal aus einer anderen Situation betrachten kann, wenn man nicht neben dem Brustkorb kniet und drauf drückt sondern das ganze Rundherum aktiv beobachten muss und Medikamente und Intubation vorbereitet und dem Arzt assisstiert und dann auch noch koordiniert, was die restlichen Anwesenden machen sollen – ganz anderes Feeling im Einsatz, danach aber genauso schön wie in jeder anderen Position.

Wieder mal ein Leben gerettet und dabei auch eine neue Erfahrung gemacht. =)

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2 Uhr nachts…

…geht plötzlich der Alarm los.
Es ist einer meiner Ausbildungsdienste am NEF – es ist der letzte Einsatz, der mir für das Ausbildungsheft noch fehlt. Dann hätte ich zumindest das mal geschafft, brauche ich nur noch die Stunden fertig bekommen.
Wir fahren reanimieren. Der Alarmierungstext verrät uns, dass ein 49-jähriger Herr im Nachbarort umgekippt ist, anscheinend ist er „blau im Gesicht“.

Ich kenne die Siedlung, ich wohne im gleichen Ort. Der Name des Herrn ist bei uns relativ häufig, ich kenne zwar etliche Menschen mit dem Nachnamen, aber ich wage es nicht zu raten, zu wem wir fahren.
Der RTW ist schon vor Ort, wir werden von einem Jugendlichen durch das Haus in das Schlafzimmer gelotst. Als ich als Erste von unserem Team ins Haus gehe muss ich kurz mal nach Luft schnappen – da sitzt weinend eine Bekannte von mir auf der Treppe, sie war mit mir in der Schule. Wir reanimieren also wie es aussieht einen Verwandten von ihr.
Sie erkennt mich, freut sich direkt mich zu sehen und bettelt mich an ihrem Papa zu helfen. Mehr als ihr zu versprechen alles zu tun was uns möglich ist kann ich jetzt aber leider gerade nicht für sie tun.

Es ist im Prinzip eine Reanimation wie jede andere auch. Wir haben zwar sehr wenig Platz und müssen vom Schlafzimmer ins Bad arbeiten mit dem Material, sitzen fast in der Dusche um den Herrn zu reanimieren und der Doc kommt von seinem Platz am Kopf auch nicht mehr wirklich gut weg, aber es ist trotzdem das selbe Schema wie bei den Übungen und Trainings und den anderen Reanimationen. Für mich gibt es als einzige einen Unterschied: ich kenne den Mann, für den ich gerade die Intubation vorbereite…

Wir reanimieren lange, sehr lange. Wir geben Metalyse – ein Medikament zur Thrombolyse, Wirkstoff Tenecteplase. Kapnometrie ist in Ordnung, anfangs haben wir noch einen schockbaren Rhythmus, der wird aber leider recht bald zur Asystolie.
Zwischendurch, als alles läuft, die Medikamente alle aufgezogen sind, die Intubation geglückt ist, werde ich nach draußen geschickt, Patientengeschichte erheben. Ich werde geschickt, weil die anderen mitbekommen haben, dass die Tochter mich kennt, sie vermuten, dass ich mir leichter tue beim Reden bzw. dass es der Familie leichter fällt mit mir zu reden. Wir müssen aufhören – der Patient hat zu lange keinen eigenen Kreislauf, wir haben zu lange schon keinen schockbaren Rhythmus. Das Übliche: ein bisschen zusammenräumen während der Arzt die Todesnachricht überbringt.

Ich kann nicht mehr, ich bin fertig – die erste Reanimation bei der ich den Patienten kannte. Und dann auch noch so kurz vor seinem 50. Geburtstag, sie waren gerade beim planen seiner Geburtstagsfeier.
Ich bin ehrlich gesagt froh, dass ich von der Familie niemanden sehe als ich raus zum NEF gehe. Ich könnte meiner ehemaligen Schulkollegin glaube ich gerade nicht in die Augen schauen.

Es war eine tolle Zusammenarbeit mit NEF und RTW, da sind wir uns bei der Nachbesprechung sicher. Der RTW verlässt uns auf seine Wache, wir reden bei der Heimfahrt und – obwohl mitten in der Nacht – redet mein NFS auch auf der Wache noch mit mir. Bis ins kleinste Detail gehen wir die Reanimation nochmal durch. Großes Lob an alle Beteiligten, er versteht aber auch, dass es mir besch…eiden geht gerade.
Am nächsten Tag geht es mir besser, nach ein paar Tagen kann ich ihr schreiben und mein Beileid ausdrücken. Sie bedankt sich oft bei mir, obwohl ich es auch verstehen würde, wenn momentan nicht mit mir reden möchte.

Einem Kollegen einer anderen Rettungsdienst-Organisation erzähle ich davon, obwohl wir noch nicht lange befreundet sind und es bei uns eher eine sehr lockere Freundschaft ist, will ich unbedingt ihm davon erzählen und nicht den Kollegen meiner Wache. Vielleicht um den nötigen Abstand zu wahren. Keine Ahnung. Aber es ist toll, in der Situation in der ich ihm das erzähle ist es plötzlich, als wären wir schon sehr lange befreundet. Ich fühle mich geborgen und der Moment zeigt mir, dass wir wirklich keine Konkurrenten sind, dass auch die verschiedenen Organisationen zusammenhalten und füreinander da sind, auch wenn es nur Kleinigkeiten betrifft. 

So leid es mir auch tut das sagen zu müssen: Der Einsatz, diese Reanimation hat mich so viele Dinge gelehrt. Nicht unbedingt fachlich, Reanimation nach Standardschema eben, aber persönlich habe ich viel daraus gelernt – und bin daran gewachsen…

Tragisch…

…sind Unfälle mit Todesfolge eigentlich sowieso immer.
…ist es besonders, wenn die Familienangehörigen dabei sind.
…ist es noch mehr, wenn es einen so jungen Menschen erwischt. 

Mitten in der Nacht, Fahrzeug liegt auf Person – ich wollte eigentlich gerade schlafen gehen, aber der Melder schreit mich gnadenlos an.
Klingt nicht angenehm, schnell sein heißt es jetzt. Tja, schnell? Naja, so schnell es halt den Berg hinauf geht, im Dunkeln.

Danke liebe Einweiser, die Taschenlampen waren eine absolut tolle Idee! An jeder stockfinsteren Kreuzung jemanden mit Licht sichtbar hinstellen – in dieser Stress-Situation auf diese Idee kommen – Hut ab meine Lieben, erleben wir tatsächlich nicht oft!

Es ist dunkel, man kann ein paar Maschinen im Feld erkennen, Menschen sind dort auch. Und sie reanimieren. Jemand schreit.
Näher gekommen (autsch – Brennnesseln!) sieht man Gesichter, irgendetwas dunkles ist darin verschmiert. Blut? Motoröl…
Wir übernehmen die Reanimation, das NEF kommt sehr bald nach uns schon an und hilft auch.
Irgendwie weg mit den Angehörigen, sie blockieren uns, sind wirklich sehr verzweifelt. Ok, wenn da ein knapp 30-Jähriger reanimiert wird… Die Feuerwehr übernimmt das, sie kümmern sich wirklich gut um die Familie, halten sie auch von uns weg und bringen sie ein Stück weit weg, so dass sie nicht mehr zusehen können.

Der Monitor zeigt uns durchgehend einen Patienten ohne Herzrhythmus – Asystolie. Die Pupillen reagieren auf Licht gar nicht, sind ganz weit.
Es gibt keine Hoffnung mehr, es geht einfach nicht. Zu schwere Verletzungen – Brustkorb, Schädelbasis, … wir können nicht reinschauen in den Burschen, können im Dunkeln mit Sicherheit nicht alles erkennen. Aber was zu erkennen ist, spricht nicht für ein Überleben…

Es war meine erste Trauma-Reanimation. Damals ging es mir erstaunlich gut danach, ich dachte bei sowas hat man vielleicht etwas mehr zu verarbeiten. Aber ich hatte im ersten Moment kaum Zeit darüber nachzudenken – Fahrzeug putzen, Material nachfüllen, Protokoll schreiben (langes Protokoll!), …
Erst dann hatten mein Fahrer und ich endlich die Zeit, wirklich darüber zu reden. Also nicht über Protokoll-relevante Dinge, sondern wie es uns gegangen ist. Der werte Herr Kollege ist schon etwas erfahrener als ich, hat schon schlimmere Sachen gesehen. Aber er ist der Meinung, dass wir alles absolut richtig gemacht haben. Wir haben getan, was wir konnten, mehr war wirklich nicht möglich. Und auch der Arzt und der NEF-Fahrer waren mit dem Einsatzablauf voll zufrieden.

Schön zu wissen, dass man wirklich alles getan hat, was möglich war. Blöd nur, dass selbst das Beste manchmal nicht gut genug ist….

 

Notfallsanitäter-Kurs – das Ende, Teil 2

Fortsetzung zu Notfallsanitäter-Kurs – das Ende, Teil 1

Station 5: „Bus Stop“
Linienbus im Freigelände
Das es was mit einem Bus zu tun hat, wissen wir ja schon. Trauma? Massenanfall an Verletzten? Internistisch?
Szenario:
Der Trainer fragt uns, ob wir bereit wären, für ein Experiment. Dafür, dass er uns die Station extra schwer gestaltet, dürfen wir gleich als Fünfer-Team durchstarten. Es ist ein Experiment, somit also nicht ganz soooo streng bewertet…
Die Alarmierung lautet „Fußverletzung“ im Bus nach Notbremsung. Der „Busfahrer“ (= Trainer) erzählt uns, dass eine Dame während der Fahrt gestanden sei. Er musste eine Notbremsung machen, daraufhin sei die Dame nach vorn gefallen und zwischen den Reihen zu liegen gekommen. Sie schreit und kommt selbst  nicht mehr auf. Die anderen Fahrgäste hat der Busfahrer bereits aus dem Bus aussteigen lassen, alle beiden Eingänge sind offen und frei für uns.
Das Arbeiten:
Wir machen uns aus, dass meine Kollegin hier gerne wieder Teamleaderin wäre. Sie geht als erstes durch den hinteren Eingang in den Bus und lokalisiert die Patientin. Sie liegt im Mittelgang zwischen den Reihen, mit den Füßen zu uns, offensichtlich hat sie große Schmerzen. Meine Kollegin geht sofort zu ihr, quält sich über die Sitze so hin, dass sie das Szenario gut im Blick hat und zeitgleich die Patientin untersuchen kann. Ich bin die zweite hinter ihr, schicke einen Kollegen von vorne zur Patientin um den Kopf zu fixieren, selbst sehe ich mir das Bein genauer an, dass zwischen den Sitzen eingeklemmt und verdreht ist – daher also auch die Schmerzen.
So, wie bekommen wie die Patientin mit möglicher Wirbelsäulenverletzung und offensichtlicher Unterschenkel-Verletzung nun möglichst schonend aus dem 45°C heißen Bus? Jaaaa, wir bereuen zu diesem Zeitpunkt, „Extra Schwer“ bestellt zu haben…
Die Station ist eine Spineboard-Improvisations-Übung, hier sollen alle Teams einfach lernen, unter erschwerten Bedingungen mit dem Brett zu üben.
Idee 1: Wir drehen die auf der Seite liegende Patientin auf den Rücken, um ihr die Halskrause anlegen zu können. Dann drehen wir sie wieder auf die Seite, um sie auf das Spineboard ziehen zu können. Meine Gedanken dazu: Bullshit – wäre einmal extra drehen! Patientenschonung??
Idee 2: Patientin liegt perfekt da, um sie aufs Spineboard zu bekommen. Warum nicht den Kopf weiter manuell fixieren – immerhin sind wir fünf Leute, da kann ich einen gut dafür verwenden – und am Spineboard dann die Halskrause anlegen? Einmal weniger drehen = Patientinschonung!!
Jetzt wird wohl erstmal diskutiert. Teamleader muss entscheiden, was gemacht wird. Nach ewigem diskutieren entscheidet die Teamleaderin mithilfe des Trainers, dass wir doch Idee 2 nehmen – Gott sei Dank! Mit viel hin und her und „wie geht das am Besten?“ bekommen wir die Patientin dann doch raus…
Verbesserungen:
Nachdem wir die Experiment-Gruppe waren, gibt es nur zu sagen, dass wir an unserem Tempo arbeiten müssen. Die Kommunikation hat funktioniert, wir müssen allerdings sicherer werden und dürfen auch nicht mehr so lange diskutieren. Sch… auf Stifneck (HWS-Schiene) wenn du jemanden hast, der manuell fixieren kann! Dadurch wird der Kopf sogar besser stabilisiert!
Fazit:
Naja, nicht die Meisterleistung, aber auch nicht schlecht. Ich bin stolz, dass ich auf die Idee mit dem Spineboard sofort drunter schieben gekommen bin, aber nicht darauf, dass wir dann so lange gebraucht haben. Die Station an sich war aber absolut geil! Wer darf schon mal in einem Bus sowas üben?

So, jetzt hab ich ein Problem: mein Kreislauf sackt zusammen. Ich quäle mich schnellstmöglich zur nächsten Station, die in der Halle stattfindet. Wasser in den Nacken, hinlegen, Beine hoch. Hilft nur mäßig…
Die nächsten Stationen muss ich aussetzen, ich hätte es nicht geschafft. Deshalb hier nur ganz kurze Erklärungen dazu:

Station 6: „Under Pressure“
Ich habe die Station zwar verfolgt, aber nur am Rande. Ich war ja immer noch damit beschäftigt nicht in bewusstlos zu werden. 
Hierbei ist die Patientin eine KFZ-Mechanikerin. Das Auto steht auf einem Wagenheber, der allerdings kaputt wurde, während sie noch mit den Beinen unter dem Fahrzeug war. Das schwere Auto ist nach unten gefallen und durch die Wucht hat es ihr das Bein zertrümmert. Außerdem hat sie eine starke Spritzblutung aus der Oberschenkelarterie.
Ziel der Station: richtigen Punkt zum Abdrücken in der Leistenbeuge finden und einen schnellstmöglichen Transport organisieren.

Station 7: „Breathelss“
Ich wäre soweit eigentlich wieder fit. Die Trainer lassen mich allerdings nicht in den Bus, wo diese Station stattfindet. Es ist dort einfach zu heiß. Ich muss im Schatten warten.
Ich bekomme von der Station also auch nicht wirklich was mit. Was mir erzählt wird: Fahrgast im Bus erleidet Herzinfarkt, kontinuierliche Zustandsverschlechterung während Anamnese bis hin zum Atem-Kreislauf-Stillstand.
Ziel der Station: Platzmanagement bei Reanimation

Station 8: „Burnin‘ Alive“
Auch hier hätte ich gerne mitgemacht, da es aber auf der Terrasse war, meinten die Trainer wieder, dass ich mich in den Schatten setzen soll. Hier war auch das Zusehen spannend, mit so einem Szenario hätte niemand gerechnet.
Klar, es hat was mit Verbrennung zu tun. Vater wirft den Grill an und meint mit Brennspiritus geht das alles schneller. Blöd nur, dass es dadurch eine kleine Explosion gibt. Vater verletzt, Sohn (5 Jahre) ebenso. Vater legt Kind noch in das Planschbecken, um ihn zu kühlen.
Der Vater ist recht schnell versorgt – Erwachsene verkraften Verbrennungen besser als Kinder. Beim Kind geht es allerdings bis zum Atem-Kreislauf-Stillstand. Es wurde also noch schnell eine Kinder-Reanimation eingebaut in dem Szenario.
Man merkt mittlerweile allen an, dass es für heute reicht. Niemand ist mehr zu irgendwas fähig, es ist einfach zu heiß. In dem Szenario funktioniert hauptsächlich das Platzmanagement nicht, obwohl wir das alle mittlerweile schon mit links machen könnten.

Station 9: „Killing Me Softly“
Hier war ich wieder dabei und wollte auch Teamleader sein. Wurde mir erlaubt, meinem Kreislauf ging es nach drei Pausen wieder angemessen gut.
Szenario:
Wir werden vom Ex-Freund gerufen, weil die Patientin sich in der Wohnung eingesperrt hat und nicht antwortet. Er befürchtet, dass sie wegen ihren psychischen Problemen Mist gebaut hat.
Nach der „Türöffnung“ durch Feuerwehr und Polizei betreten wir eine leere Wohnung, finden allerdings Zigaretten, Alkohol und Tabletten. Das Fenster ist offen. Ich ahne schlimmes, sehe nach draußen und mein Verdacht bestätigt sich.
Das Arbeiten:
Den Kollegen schicke ich mit der Trage und dem schweren Material runter, die Kollegin und ich laufen mit dem nötigsten (Notfallrucksack, Sauerstoff, Halskrause, Defi) nach unten. Die Patientin liegt auf dem Bauch, sie ist eingetrübt aber ansprechbar. Schwierig ist auch, dass der Ex-Freund (= Trainer) hier Tamtam macht und den Einsatz stört. Allgemein schaffen wir es aber im Team, die Dame recht schnell zu versorgen (offene Unterschenkelfraktur).
Verbesserungen:
Hier wird dann schon milder bewertet, es war ein langer Tag und neun Stationen sind nicht ohne bei 35°C im Schatten. Auch unsere immer wieder auftauchenden, teilweise wirklich blöden Meldungen während dieser Station wurden geduldet, genauso wie die Pause, weil wir alle einen Lachanfall bekommen hatten. Wir haben alles fast zur Zufriedenheit des Trainers gemacht – hier gehört aber noch ein bisschen ABCDE-Training gemacht. Die Versorgung hat hier tadellos geklappt.
Fazit:
Total geile Station. Ich bin so froh, dass ich hier die Teamleitung übernommen habe! Es war nicht einfach, weil ich einen Traumapatienten vor mir liegen hatte, der zeitgleich alkoholisiert und psychisch etwas angeknackst war. Zusätzlich war natürlich noch der Ex-Freund da, der einfach nur nervig war.

FAZIT DES TAGES:
Hoch lebe der Grillmeister!
Hoch lebe der Erfinder der Duschen!!
Hoch lebe mein Bett!!!
Nach der Übung gingen wir uns alle duschen, unsere Kleidung konnte man mittlerweile auswringen. Dann wartete schon die Abschlussgrillfeier auf uns. Es war traumhaft! So soll ein Kurs enden. Zumindest ein so anstrengender, fordernder Tag.
Ein bisschen Wehmut ist beim Verabschieden dabei – immerhin bin ich in dem Kurs die einzige Auswärtige, ich werde die anderen nicht mehr bzw. fast nicht mehr sehen. Und einige davon sind mir wirklich sehr ans Herz gewachsen. Es war eine tolle Truppe!

Notfallsanitäter-Kurs – das Ende, Teil 1

Sooo, nach einer anstrengenden Kurswoche und danach einer Woche Urlaub melde ich mich hier wieder mit dem Abschluss meines Kurses.
Es ist vorbei, einfach aus und vorbei. Die drei Monate sind eigentlich wie im Flug vergangen, auch wenn wir alle immer wieder gejammert haben. Nein, es kommt mir wirklich nicht so vor, als ob das drei Monate gewesen wären.

Aber was war denn jetzt in der letzten Woche noch alles?
Dienstag wieder mal 4 Stunden abends. Hier nochmal ein bisschen was zur Einsatztaktik und berufsspezifischen rechtlichen Grundlagen. Die beiden Themen hatten wir eigentlich schon gemacht, Stoff fürs Lernen zu Hause hatten wir auch, in diesen jeweils zwei Stunden wurden aber noch allfällige Fragen unsererseits geklärt. Hier kamen auch gleich wieder ganz spannende Themen auf, die wir auch noch eeeeewig diskutieren hätten können.

Donnerstag dann nochmal 4 Stunden, dieses Mal aber schon praktische Übungen. War jetzt nicht sooo spannend, eher die Vorbereitung auf den Samstag. Da ging’s dann so richtig zur Sache! So einen heftigen Übungstag hatte ich auch noch nie!
Aber von Anfang an:
Eintreffen beim Kurs, Austeilen der Zeit- und Locationpläne und Zuteilung in die jeweiligen Übungsgruppen ist schnell erledigt. In unseren zugelosten 5er-Gruppen machen wir uns dann auch auf den Weg zur ersten Station.

Wer Inspirationen sucht für ebensolche Übungstage oder einfach lesen will, wie ich an diesem Tag gelitten habe, kann hier gerne weiterlesen. Es werden aber insgesamt 9 Stationen mehr oder weniger detailliert beschrieben. Wer bloß die Zusammenfassung lesen will – Pech gehabt, ihr versäumt was. Könnt es aber trotzdem ganz unten noch lesen 😉

Station 1: „Hit The Wall“
PKW im Freigelände
In unserer Gruppe sind wir 3 Burschen und 2 Mädels. Da bei dieser Station (vorläufig) nur 3 Personen – ein RTW-Team – arbeiten werden, machen wir beiden Mädels es uns nebenbei mal mehr oder weniger bequem. Eher weniger, wenn man bedenkt, dass es um 9:15 Uhr schon knapp 30°C hat und wir hier am Parkplatz keinen Schatten finden können und wir außerdem die doch schön wärmende Uniform anhaben.
Szenario:
verunfalltes Fahrzeug, offensichtlich gegen eine Mauer gefahren – eine Person angeschnallt am Fahrersitz im PKW, Lenkradairbag offen – zu erkennen eine Kopfplatzwunde – kurz nach Eintreffen des RTWs beginnt es aus der Motorhaube weiß zu rauchen/dampfen.
Das Arbeiten: 
Ein Teammitglied spricht den Patienten an, ein zweites fixiert von der Rückbank aus den Kopf des Verletzten. Der dritte Sanitäter erkennt, dass es aus der Motorhaube raucht, nach kurzem Rundumblick und Einschätzung der Situation entscheidet sich der Teamleader für eine Crashbergung um schnell von dem Fahrzeug weg zu kommen. Der Verletzte wird aus der Gefahrenzone mittels Rautekgriff herausbefördert, auf ein Spineboard gelegt, Halskrause drauf und festschnallen. Weitere Anamnese im RTW. Der Patient gibt Brustschmerzen an, die anscheinend auch zu dem Unfall geführt haben – er konnte sich nicht mehr auf das Fahren konzentrieren. Ähnliche Schmerzen sind dem Fahrer schon bekannt, er leidet unter der KHK. Außer einer Kopfplatzwunde auf der Stirn können keine weiteren Verletzungen gefunden werden. Das RTW-Team entscheidet sich, dem Verdacht „Herzinfarkt/ACS bei bestehender KHK“ nachzugehen und den Patienten auf eine Ambulanz der Inneren Medizin zu bringen.
Verbesserungen:
Feuerlöscher! Hat jeder RTW dabei, die Zeit muss im Einsatz einfach sein, dass ich den schnell hole und bereitstelle. Außerdem ist weißer Dampf aus der Motorhaube meist nur Kühlwasser, das auf den heißen Motor tropft und verdampft – solange keine eindeutigen Brandzeichen wahrzunehmen sind, sollte der Patient zumindest noch mit einer Halskrause versorgt und mit Spineboard oder Rettungsboa schonend aus dem Fahrzeug geholt werden.
Die Entscheidung „Innere Medizin“ ist primär nicht schlecht, allerdings gehören vorher auch eventuelle Wirbelsäulentraumata ausgeschlossen, die bei diesem Unfallhergang sehrwohl möglich sein können. Somit wäre es am geschicktesten, den Patienten für den Schockraum anzumelden, und dort direkt den Radiologen, Unfallchirurgen UND einen Internisten hinzubeordern. Somit haben wir bei der Übergabe gleich alle nötigen Ärzte anwesend.
Fazit: 
Angenehme Station zum „aufwärmen“ und definitv mal etwas anderes. Eine solche Kombination aus Trauma und Herzerkrankung sieht man nicht oft in Übungen.

Station 2: „Wild Horses“
Reithalle (= Lehrsaal)
Hier arbeiten meine Kollegin und ich, zusammen mit einem der Burschen.
Szenario: 
Sturz vom Pferd in der Reithalle – das Pferd wurde bereits in die Box zurück gebracht. Zu sehen ist eine Sprunghürde, bei der ein Balken heruntergefallen ist, beim Balken eine reglose Person am Boden. Keine offensichtlichen Verletzungen.
Das Arbeiten: 
HALT DIE NUSS! Ich spreche die Patientin an, und fixiere gleich manuell den Kopf, meine Kollegin macht eine Atemkontrolle und stellt fest, dass die Verletzte bewusstlos ist. Da wir von einem Trauma ausgehen müssen, entscheiden wir uns vorläufig für freihalten der Atemwege durch Esmarch-Handgriff unter weiterer manueller HWS-Fixierung. Im Laufe des Trauma-Checks kommt die Reiterin wieder zu sich, wir legen eine HWS-Schiene an und die Patientin kann jetzt auch befragt werden. Außer einem stumpfen Bauchtrauma durch Huftritt sind keine weiteren Verletzungen zu erheben, das ABC hat keine Probleme aufgezeigt, bloß neurologisch auffällig war die junge Dame. Da natürlich auch von einer Gehirnerschütterung ausgegangen werden muss, eventuell sogar ein für uns (noch) nicht sichtbares SHT, denken wir, dass die Auffälligkeit davon kommt und wollen schnellstmöglich ins Kranknehaus. Wir machen die Patientin transportfertig und heben sie mit der Schaufeltrage auf die Vakuummatratze. Wir sind damit recht schnell fertig, und erklären dem Stationsbeobachter nur noch, was im RTW auf der Fahrt alles noch gemacht werden würde.
Verbesserungen: 
Auslöser für den Sturz vom Pferd war eigentlich eine Hypoglykämie – Unterzucker. Wir sind nicht drauf gekommen, da die Patientin von selbst wieder zu sich gekommen ist und sie auch beim SAMPLER mit keinem Wort ihr bestehendes Diabetes erwähnt hat. Wir haben dann am Unfallort nicht Blutzucker gemessen, hätten es erst im Fahrzeug gemacht (im Fahrzeug werden immer die restlichen Werte erhoben, wenn am Unfallort entschieden wird, dass wir schnell in den RTW kommen und transportieren wollen). Somit haben wir den Auslöser übersehen und sie wäre uns mit Sicherheit bald wieder bewusstlos geworden, da der Zuckerspiegel ja weiter sinkt.
Fazit:
VERGISS DEN BLUTZUCKER NIE MEHR WIEDER!!! Immer wieder und wieder kommen Übungen, die ein Trauma sind, aber deren Auslöser eine Hypoglykämie sind. Und immer wieder kann so etwas auch im Realeinsatz vorkommen. Ansonsten war die Traumaversorgung, die in diesem Fall trotzdem Vorrang hatte,  nicht schlecht und recht rasch, auch das mit dem Esmarch-Handgriff wurde positiv bewertet. Trotzdem wäre allerspätestens bei der Übergabe im Krankenhaus die Meldung unsererseits nötig geworden, dass die Dame Diabetikerin ist. Und hätten wir im RTW vergessen auch das zu messen, hätten wir diese Info nicht einmal gehabt.

Station 3: „I Just Wanna Live“
Badezimmer
Hier werden als erstes drei Leute eingesetzt, ein RTW-Team. Als nächstes wird während dem Szenario gewechselt, zum Schluss kommt noch ein „Arzt“ (= Stationsbeobachter) + Notfallsanitäter dazu, es sind dann alle fünf im Einsatz.
Szenario: 
An der Wohnungstür erwartet uns eine aufgebrachte Frau, ihrem Mann gehe es nicht gut und jetzt wäre er im Badezimmer. Sie führt uns hin, die drei Sanitäter betreten den Raum. Der Patient liegt auf dem Badezimmerboden, die Füße in der Dusche, keine Reaktion auf Ansprechen.
Das Arbeiten: 
Die Teamleaderin macht den Notfallcheck und stellt fest, dass der Patient nicht atmet. Schnell wird entschieden, dass ein Notarztmittel nachgefordert werden so. Außerdem wird der Patient nach draußen auf den Gang gebracht – im Badezimmer wäre später nicht genug Platz für eine Reanimation, vier Sanitäter und einen Arzt. Das Team startet im ganz normalen BLS (Basic Life Support), Herzdruckmassage, Intubation mit Larynxtubus, Defi (AED über die EKG-Einheit). Während hier gearbeitet wird, wird nach jedem 2-Minuten-Zyklus (in jeder Analysephase) gewechselt, so werden auch die beiden Zuschauenden Teilnehmer nach und nach ausgewechselt mit dem arbeitenden Team, damit jeder einmal HDM machen kann. Dann kommt der Arzt dazu, jetzt sind wir alle fünf Gruppenmitglieder und der Trainer im Einsatz. Hier wird umgeschwenkt zu ALS (Advanced Life Support). Es werden Zugänge gelegt, Infusion angehängt, die Medikamente werden aufgezogen und verabreicht. Die Dosierungen müssen wir wissen, das fragt uns der Trainer auch noch. Zusammen schaffen wir die richtigen Medikamentennamen und -dosierungen: L-Adrenalin pur war sowieso klar, Sedacoron werden 300mg gebraucht, da mussten wir mal ausdiskutieren welche Größe die Ampulle hat und wieviele mg da drin sind. Mit 50mg/ml, also 150mg in der 3ml Ampulle, haben wir dann auch die richtige Antwort gefunden. Nebenbei wird natürlich die Reanimation weitergeführt.
Der Patient hat plötzlich wieder einen eigenen Kreislauf, er beginnt gegen den Tubus zu atmen und jetzt müssen wir die Medikamente und Dosierungen zur Relaxierung wissen. Ich weiß sie leider nicht, ich bin auf einer anderen Dienststelle und wir verwenden andere Medikamente dafür. Die kenne ich natürlich, aber die, die dort am Kursort verwendet werden natürlich nicht.
Verbesserungen: 
Wir haben in dem ganzen Trubel und den Wechseln der Mannschaft ganz vergessen, dass wir die EKG-Einheit vom AED-Modus in den Manuellen Schockmodus schalten, als der Arzt angekommen ist. Ist normalerweise Standard, wir hatten auch alle schon mal so eine Situation im Realeinsatz, haben es alle gemeistert, aber hier eben vergessen. Wurde uns nachgesehen, da durch die ständigen Wechsel wirklich etwas unnötige Verwirrung dabei war. Einzig die Medikamente müssen noch besser gelernt werden, da darf kein Zweifel bestehen, wenn jemand fragt, was Name, Wirkstoff und Dosierung ist.
Fazit: 
Angenehme Station, war schön zu arbeiten, allerdings waren die Wechsel wirklich nicht unbedingt förderlich für den nötigen flow in der ganzen Sache. Aber um das ging es eigentlich ja gar nicht, das Augenmerk lag ja auf der Qualität der Herzdruckmassage und dem Kennen der Medikamente. Also insofern hat’s gepasst.

Station 4: „Born To Be Alive“
Übungs-RTW
Ratet mal, was uns hier erwartet? 😉
Szenario: 
Wir gehen davon aus, dass wir eine Dame ohne Wehen aber mit erfolgtem Blasensprung von zu Hause abholen. Wir sind schon am Weg ins Krankenhaus, ich bin Fahrer, sitze also vorne. Meine beiden Kollegen kümmern sich um die Patientin. Die Trage wurde umgedreht, so dass die Patientin in Fahrtrichtung blickt – so wie es bei Schwangeren gemacht werden muss. Ich sitze am Fahrersitz, plötzlich meldet mein Kollege, ich solle bitte stehen bleiben, den Notarzt anfordern und nach hinten kommen – plötzlich einsetzende Presswehen.
Das Arbeiten:
Hier steigen wir also in das Szenario ein. Schnellstmöglich richten wir uns alle nötigen Materialien für eine Geburt zusammen. Meine beiden Kollegen ziehen die sterilen Handschuhe an und widmen sich der Mutter, ich reiche Ihnen das benötigte Material und bereite auch noch für eine eventuelle Neugeborenen-Rea vor. Den Platz auf dem „Arbeitstisch“ mache ich auch noch frei.
Das Baby ist recht flott geboren, von dem her geht alles problemlos. Aber es zeigt keine Reaktion, also wird es wirklich eine Rea. Platzwechsel – die beiden kommen nach vor um von der Mutter etwas abseits zu stehen wenn sie ihr Baby reanimieren, ich gehe zu ihr und kümmere mich um sie. Die Geburt der Plazenta kommt mir schon mal etwas zu schenll vor und dann weiß ich plötzlich auch warum:  Sie wird jetzt zunehmend blasser und ruhiger. Ich lege sie auf der Trage wieder flach hin, versuche ihre Beine etwas in die Höhe zu bekommen – ich befürchte eine Blutung in der Gebärmutter und einen dadurch entstandenen Volumenmangelschock. Und recht habe ich! Der Trainer sagt mir plötzlich, dass ich jetzt Blut sehe, es tritt schwallartig aus. Also wie gelernt den Handgriff nach Fritsch machen. Jetzt muss der Notarzt schnell sein. Das Neugeborene hat inzwischen schon einen eigenen Kreislauf, ist soweit ersichtlich putzmunter. Und damit wird die Übung abgebrochen.
Verbesserungen:
Der Trainer hatte an uns nichts wirklich auszusetzen! Wir haben eigentlich alles richtig gemacht, vom Gerätemanagement über die Abwicklung der Geburt bis hin zur Rea und dem Handgriff nach Fritsch! Einzig hätten wir ein bisschen flotter arbeiten sollen – das Abnabeln kam etwas zu spät, genauso wie ich zwar wusste, wie der Handgriff nach Fritsch heißt, ihn aber nicht gleich 100%ig korrekt ausführen konnte und mich erst korrigieren musste – auch da geht ein bisschen Zeit verloren.
Fazit: 
Hier hat der Titel schon erahnen lassen, was auf uns zukommt. Dass wir uns allerdings um die Mutter auch noch kümmern müssen, damit hat niemand von uns gerechnet. Trotzdem und auch trotz des Platzmangels im RTW hat für uns alles gut funktioniert und wir waren auch selbst mit uns zufrieden. Bis jetzt die für uns beste Station.

Und jetzt ab zur Mittagspause beziehungsweise zu Teil 2. Der folgt die nächsten Tage, ich will euch hier nicht überanstrengen mit allen 9 Stationen 😉
Fortsetzung: Notfallsanitäter-Kurs – das Ende, Teil 2

…irgendwo im Nirgendwo

Es ist einer meiner ersten Dienste am NAW, ich besuche ja gerade den Notfallsanitäter-Kurs. Bei uns ist nicht wirklich viel zu tun, es gibt wenige Einsätze, und so setze ich mich nach dem Fahrzeug-Check erstmal hin und trinke Kaffee.
Der Check dauert etwas, beim Kaffee lasse ich mir auch Zeit, deshalb ist es schon ungefähr 9 Uhr als das erste Mal der Pager geht.

Ich lese zuerst gar nicht was da alles in der Alarmierung steht, ich sammle meine Sachen ein und gehe zum Auto. Noch kurz warten bis der Notarzt aus der Ambulanz da ist und dann geht es auch schon los. Wir haben nur einen kurzen Anfahrtsweg, ich habe also nicht viel Zeit mich vorzubereiten. Ich höre auf der Anfahrt nur, wie der Fahrer und mein Sani vorne über die Alarmierung reden. „Das ist aber auch noch kein Alter zum Sterben.“
Kreislaufstillstand – Ineffektive Atmung
Ah, das steht also in der Alarmierung. Fffffff…. Noch schnell die Handschuhe überziehen (ich ziehe mir immer gern 2 Paar übereinander an wenn es so aussieht, als ob wir mehr arbeiten müssten – man weiß ja nie wann der Handschuh reißt oder wieviel Blut dran kleben wird) und dann sind wir auch schon da.

Der RTW erwartet uns schon – allerdings mit einem putzmunteren Patienten, der „nur“ über Brust- und Kopfschmerzen klagt. Die Blutdruckmessung sagt uns nichts Gutes, das lässt sich aber mit einem Medikament recht schnell auf ein normales Level senken. Das EKG schaut gut aus, auch die Betreuung tut dem Patienten gut, sein Zustand bessert sich recht rasch. Wir nehmen ihn mit, übergeben ihn im Krankenhaus – alles in allem ein Routineeinsatz, bei dem der Zeitdruck nicht so groß war wie bei anderen.

Zeitdruck… Tja… Was das ist erlebe ich mal wieder am Nachmittag.
Nach dem ersten Einsatz gönn ich mir jetzt endlich mal mein Frühstück. Es ist fast ein bisschen zu ruhig – die Hauptberuflichen werden nicht mal vom Telefon gestört, der Arzt schläft in seinem Ruheraum, ich schlafe beim Fernseher ein.
Das hab ich jetzt davon: Der Pager piept wieder!

Kreislaufstillstand – Atemstillstand
Naja, wunderschönen Guten Morgen (oder eher schon Nachmittag, ich hab anscheinend lange geschlafen).
Der Anfahrtsweg zu diesem Einsatzort ist relativ lange, wir müssen ins andere Tal. Meine Ausbildnerin ruft mir vom Beifahrersitz aus zu, ich solle die RTW-Mannschaft gleich bei der Herzdruckmassage ablösen, sie und der Fahrer kümmern sich um Material und Notarztassistenz.

Erst als ich am Einsatzort aus dem Wagen steige bemerke ich, dass wir mitten auf einem Feld stehen. Wir sind von der Straße weg mit unserem doch recht geländegängigem und mit Allradantrieb ausgestatteten NAW einfach über die Halbe Wiese zum Patienten gefahren. Gut, brauchen wir das schwere Zeug nicht so weit schleppen.

Ich löse also gleich mal die Sanitäterin ab, die die Herzdruckmassage durchführt. Dann kann auch ich mir einen genaueren Überblick verschaffen:
– Der Defi ist geklebt, es wurden bereits einige Schocks abgegeben.
– Der dazugerufene Praktiker ist schon eine Weile da, hat mit einem Larynxtubus mit Magensonde inturbiert und bereits einiges für den Notarzt vorbeireitet.
– Die Polizei steht mit den Angehörigen außerhalb der Sichtweite hinter unserem Wagen.
– Meine Kollegin beginnt, an die drei Sanis vom RTW die Aufgaben zu verteilen (Infusion zusammenbauen, Medikamente aufziehen, EKG kleben, …).
– Unser Fahrer holt das Reanimationsgerät (LUCAS II).
– Der Notarzt bespricht sich mit dem Praktiker – einer übernimmt daraufhin die Beatmung, einer die Medikamente.

Die nächste Analyse des AED steht an. Meine Kollegin löst mich ab und ich arrangiere die Reanimationsmaschine. Sobald diese läuft, braucht von uns niemand mehr die Herzdruckmassage machen, das erledigt jetzt die Maschine.
Während die RTW-Mannschaft und die Ärzte noch weiter arbeiten, holen wir anderen schon mal alles, was wir für einen Transport brauchen: Trage, Schaufeltrage, Beatmungsgerät. Der Patient wird umgelagert, die Maschine an seiner Brust kann in der Zwischenzeit weiterarbeiten.

Warum transportieren wir diesen Patienten? 
Er hat wieder einen Herzrhythmus, allerdings eine PEA (pulslose elektrische Aktivität). Das Herz gibt also die nötigen elektrischen Reize ab, die Herzmuskeln sollten sich also wie üblich zusammenziehen und Blut pumpen. Das tun sie aber nicht. Und deswegen wird der Patient unter laufender Reanimation ins Krankenhaus gebracht. 

Vor der Abfahrt gibt es auch im Auto noch einiges zu erledigen:
– Meine Ausbildnerin und der Arzt kontrollieren den LUCAS, die Beatmungsmaschine, Infusion etc.
– Mein Fahrer packt unsere Sachen vom Feld ein und verstaut sie soweit möglich gleich wieder in den Fächern.
– Ich ziehe die Medikamente auf, die wir während der Fahrt noch brauchen werden.

Alles in allem vergeht die Zeit während einer Reanimation schneller als man glaubt. Wenn ich jetzt so zurück denke, könnte ich euch nicht genau sagen, wie lange wir vor Ort waren. Ich würde aber rein vom Gefühl her sagen, dass es ca. 20-25 Minuten waren, in denen das Auto gestanden ist. Wenn man sich aber genau anschaut, was genau wir alles gemacht haben, dann kann das gar nicht stimmen. Wir sind vielleicht Helden, aber keine Zauberer. Wir waren fast eine dreiviertel Stunde vor Ort. 

Während der Fahrt melden wir uns telefonisch im Zielkrankenhaus an, so wird uns direkt bei Eintreffen am Eingang ein Team bereitgestellt, dass uns in einen für uns reservierten Akutraum begleitet.

Erst jetzt, wo wir fahren, der Patient alle Medikamente bekommen hat und die Reanimations- und Beatmungsmaschine arbeiten, kann ich mich kurz hinsetzen und bemerke, dass meine Augen tränen und die Nase läuft. Verdammt – die Allergie! Klar, sitz mit Gräserallergie auch irgendwo im nirgendwo im frisch gemähten Gras. Tabletten raus und schnell eine genommen, gleich wird’s mir besser gehen…

Die Übergabe im Krankenhaus macht der Notarzt an den zuständigen Arzt der Notaufnahme.
Der Patient wird umgelagert, an die Geräte der Notaufnahme angeschlossen und wir können Auto putzen gehen.

Während wir das Auto wieder startklar machen, die Medikamente im Koffer nachfüllen, die Trage und Geräte putzen und alles wieder einsatzbereit machen, kommt der Notarzt wieder zu uns und erzählt, was drinnen noch passiert ist.

Bei dem Patienten wurde eine Thrombus festgestellt, der zu einer Lungenembolie geführt hat. Daher auch der Atem-Kreislauf-Stillstand. Die Ärzte des Krankenhauses haben nach dieser Entdeckung darauf verzichtet, weiter zu reanimieren. 

Der Patient war knapp über 60 Jahre alt. Wir haben sehr lange reanimiert und sehr viele Medikamente gegeben. Aber mit so einer Diagnose und nach so langer Zeit unter laufender Reanimation ist die Wahrscheinlichkeit gleich 0, dass der Patient das überlebt. Deshalb hat das Krankenhaus sich für einen Abbruch entschieden.

Drücken

Du beginnst zu drücken. Regelmäßig, ca. 100x in der Minute, denkst dir im Kopf ein Lied, das vom Takt her passt. Vielleicht ist es „Stayin‘ Alive“, vielleicht auch ein anderes Lied im selben Rhythmus.
Nur ja nicht rauskommen, der Takt muss passen, es geht um Leben und Tod.
Weiter Drücken.
Und dann spürst und hörst du das Knacken und danach, dass es jetzt leichter geht. Das Drücken fällt dir plötzlich leichter, der Widerstand ist geringer.
Du merkst nur am Rande, was dein Kollege macht, du bleibst im Takt und bist voll darauf konzentriert.
Du drückst und zählst immer wieder bis 30, kurze Pause, weiter.
Neben dir schreit etwas, bewusst nimmst du es nicht wahr, du weißt aber was es war. Weg vom Brustkorb, schnell auf einen Knopf gedrückt, warten was das Gerät sagt. Weiter mit Drücken.
Dann wieder die Pause, du musst nochmal den Knopf drücken – der reglose Körper vor dir zuckt einmal kurz. Und wieder Drücken.

Die Menschen um dich werden mehr. Alle arbeiten.
Für einen Fremden mag es aussehen, als ob alle in Hektik irgendetwas machen würden.
Doch alles hier hat sein System. Jeder Handgriff sitzt. Jeder macht, was getan werden muss. Jeder kennt seine Aufgabe in dieser Situation.
Und immer noch drückst du. Dreißig Mal, dann die kurze Pause.
Du hörst nebenbei, was die anderen sagen, doch immer noch konzentrierst du dich nur auf’s Drücken.
Die Zeit fliegt an dir vorbei, du arbeitest wie in Trance. Du drückst und drückst und drückst.
Wenn du abgelöst wirst, gibt es sofort etwas anderes zu tun. Warten gibt es hier nicht. Du arbeitest weiter.

Auch jetzt machst du alles noch im Takt. Es ist wie ein Lied. Ein trauriges Lied, ohne Melodie. Ein Rhythmus, der den Tod bekämpft. Welches Lied gewinnt?

Wie die Sache auch endet – du gibst dein Bestes, versuchst alles. Danach weißt du, du hast alles richtig gemacht.
Doch manchmal ist es einfach zu spät. Manchmal ist auch das Beste nicht mehr gut genug. Manchmal gewinnt der Tod.
Du erinnerst dich jetzt an alles, das Gesagte, was die anderen getan haben. All das, was vorher so schnell an dir vorbei gezogen ist, ist dir plötzlich voll bewusst.

Immer noch spürst du den Knacks auf deiner Handfläche, als die Rippen brechen.
Du hörst den Sauerstoff zischen, den Defibrillator Anweisungen geben, das EKG piepen.
Du siehst das Chaos, überall liegen aufgebrochene Medikamente, Verpackungen.
Und du siehst die Trauer. Wie die Angehörigen weinen.
Und du weißt, du hast alles getan.

Manchmal ist es einfach zu spät. Manchmal ist auch das Beste nicht mehr gut genug. Manchmal gewinnt eben der Tod…

24h-Dienst

Ich hatte also wieder 24h-Dienst. War am RTW als Fahrerin eingeteilt.

Ein bisschen geschockt bin ich beim ersten Einsatz – eine Jugendliche, die sich mit Tabletten umbringen wollte. (Dazu in einem späteren Post mal mehr.)
Nummer zwei ist dann der Einsatz, auf den wir alle warten. In der Nähe ist ein Fest, große Disco und viel Alkohol also. Und wie erwartet holen wir dann um ca. Mitternacht ein Mädel, das gerade mal so alt ist, dass sie legal Alkohol konsumieren darf. Natürlich beschwippst, Hauptproblem war aber ihre (vermutlich durch den Alkohol ausgelöste) Panikattacke.

Sonntag früh der Einsatz ist dann schon ein bisschen mehr zu arbeiten. Ich schlafe noch, da piept es plötzlich neben mir am Tisch -> Einsatz. Ca. 80 Jahre, bewusstlos, mit NAW. Ok, also schnell hin, der NAW ist uns dicht auf den Fersen.

Wie befürchtet liegt die Dame am Boden und atmet nicht mehr -> Reanimation. Läuft alles wie am Schnürchen, wir sind genug Leute, ich kann mich kurz um unseren Azubi kümmern. Sie schaut kurz etwas irritiert, auch verständlich bei der ersten Reanimation als Azubi. Sie will dann aber auch mithelfen, traut sich alles selbst zu. Sie macht also die Herzdruckmassage, hat die ideale Drucktiefe und der Rhythmus stimmt auch. Sie ist voll dabei, arbeitet, also ob sie schon oft reanimiert hätte. Somit kann ich mich verziehen – der Ehemann schaut aus, als ob er auch gleich umkippen würde.

Jeder hat seine Aufgabe, alles läuft rund. Obwohl wir in dieser Konstellation noch nie zusammengearbeitet haben. Also, die zwei Besatzungen von RTW und NAW hatten noch nie eine Rea miteinander. Aber jeder weiß genau, was er zu tun hat. Alles funktioniert bestens. Wörter werden fast nicht gebraucht, Gesten und Blicke reichen uns im Moment. Und es läuft wirklich alles wie am Schnürchen.

Wir fahren nachher zum Notarzt auf den Stützpunkt, vielleicht hat die Azubiene ja noch Fragen. Aber sie hat brav die Theorie gelernt im Kurs und auch die Praxis hat toll funktioniert und somit bleiben auch die Fragen später weitgehend aus. Sie steckt es für ihre erste Rea sehr gut weg – mal schauen ob sie die nächsten Tage noch Fragen dazu hat. Die kommen ja oft erst später.
Bei der Nachbesprechung sind wir uns alle einig: Das war eine Rea wie aus dem Lehrbuch…