Wald, steil, Baum, Männer, Motorsäge

**Gastbeitrag**

Wald, steil, Baum, Männer, Motorsäge… was kommt wohl jetzt?

Laut Alarmierung ist einem 45-jährigen Forstarbeiter ein Ast auf den Kopf gefallen, es blutet angeblich stark, aber er ist wach. Tja, schauen wir uns das mal an, heute sind wir NEF und da um zu helfen.

Die Anfahrt ist gar nicht so kompliziert, der Unfallort ist nur 100 Meter von der Zufahrtsstraße entfernt. Allerdings geht es da 100 Meter steil bergauf, und der Boden ist feucht und rutschig. Na mal schauen was uns da oben erwartet. Der RTW ist schon dort, Feuerwehr und Polizei sind ebenfalls vor Ort.
Zum Patienten kommen wir vorerst noch nicht wirklich hin, der Baum liegt noch im Weg – macht aber die Feuerwehr gerade weg. Eigenschutz und so…

Gut, jetzt kommen wir mal zu dem bewusstlosen Patienten. Er lehnt am Baum, jemand fixiert den Kopf manuell, anschauen ist grad nicht drin – er wird doch ein bisschen wach und wehrt sich. Fenta nasal – wirkt Wunder! Gut, Patienten hinlegen und Traumacheck machen geht jetzt. Schaut nicht gut aus – Gesichtsdeformationen, Blut kommt eigentlich von überall aus ihm raus. Schnell ein Zugang, die erste Vene will nicht ganz so, noch ein Versuch – sitzt! Flüssigkeit, Schmerzmittel, Relaxans, Hypnotikum und nebenbei noch die Intubation – jetzt muss es schnell gehen, der steht wirklich an der Kippe. Das blöde jetzt nur: Licht im Wald ist doof, Blut macht die Sache auch nicht leichter, möglicherweise blockiert da irgendwas den Atemweg – Intubation endotracheal nicht möglich, selbst beim zweiten Versuch nicht. Ok, es muss schnell gehen, nächster Versuch im Auto, für den Transport dahin muss es der Larynxtubus tun, der geht Gott sei Dank auch schön rein –> einpacken und in den RTW bringen.

Schei** – der Hubschrauber kommt nicht durch, zu viel Nebel!

Guuut, wie bringen wir den werten Herren jetzt eigentlich über diese Steile Wiese zum RTW runter? Feuerwehr, RTW, NEF – alles was da ist packt mit an, das muss gehen. Jo, geht auch! Und wie! Braucht acht Leute, aber geht! Aber mittlerweile ist die Golden Hour leider vorbei.

So, endgültige Immobilisation im RTW, Intubation funktioniert jetzt auch endlich richtig – shit, der Kreislauf macht nicht ganz so mit! Die einen bereiten sich auf einen mögliche Rea vor, die anderen spritzen so ungefähr alles was unser Auto so hergibt in den Patienten rein. Und es wirkt – keine Rea! So, jetzt ist der ganz gut dabei, die Narkose steht, der Tubus liegt, Katecholamine über den Perfusor und durchatmen – er lebt, ist stabil, wir fahren, es ist nicht weit… Ab in den Unfall-Schockraum!

So leer war unser NEF vermutlich zuletzt bei der Lieferung – insgesamt sind an die 3 Liter verschiedenste Flüssigkeiten in den Patienten geronnen wenn man alle Medikamente und Infusionen rechnet. Insgesamt haben wir aber auch unser gesamtes Intubationszeug beschmutzt (Wald = dreckig). Und uns selbst natürlich auch – Wald und feuchter Boden und so.

Heimfahren, auffüllen, duschen, durchatmen, besprechen – ESSEN! Haben wir uns verdient! Und dann noch erfahren, dass der Patient jetzt im Not-OP liegt aber durchkommen wird – ja, haben wir uns wirklich verdient. Und die Pause jetzt auch…

Kommentar des Verfassers:
Danke liebes rettungsmädchen! Mal hier selbst zu schreiben statt nur zu lesen ist mal was Neues, was Spannendes. Dem Patienten geht es nun übrigens wieder ziemlich gut, er hat kaum Folgeschäden davon getragen. Man liest sich liebe Leute!

Kommentar vom rettungsmädchen:
Es freut mich euch sagen zu dürfen: es werden ab jetzt immer mal wieder Gastbeiträge hier erscheinen! Momentan ist es bei mir im Rettungsdienst nämlich ein bisschen sehr ruhig, im privaten und beruflichen Umfeld dafür sehr stressig. Ich habe kaum Zeit hier etwas zu schreiben und freue mich daher über jeden Bericht, der mir zugeschickt wird!
Wenn ich eine Story wie diese bekomme, dann wird natürlich wie immer auch hier darauf geachtet, dass durch die Geschichte kein Bezug zu einer realen Person oder einem realen Vorfall entsteht – kann also wie immer sein, dass dieser Einsatz so vor 27 Jahren passiert oder eigentlich ganz anders gelaufen ist 😉
Danke auf jeden Fall an meinen Gastschreiber Michael für den Beitrag! 

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