Verrutscht…?

Endlich habe ich wieder etwas Zeit meine Geschichten aufzuarbeiten. Hier kommt mal wieder eine Geschichte, die (für meine Verhältnisse) schon ziemlich lange her ist. 

Sturz, viel Blut
– oder so ähnlich steht in der Alarmierung, ich weiß es nicht mehr so genau. Wir fahren aber solo, ohne NAW.

Es ist Dienstagnacht, kurz nach Mitternacht. Ich und der Kollege sind vorm Fernseher eingeschlafen als uns der Pager mit dieser Meldung aus unseren Träumen reißt.

Die Anfahrt ist kurz, aber wir müssen zuerst mal den richtigen Eingang im Hof suchen, es wurde uns kein Licht aufgedreht und keine Tür aufgemacht. Hinter der richtigen Tür ist dann aber auch schon Schluss, weiter komme ich nicht. Ein „Raum“, gerade mal 1m² groß, links geht gleich die Treppe weg und die anderen beiden Wände sind zugestellt mit Kleiderhaken und Schirmständer. Außerdem steht in diesem Raum auch noch der Ehemann. Und da auf der Treppe sitzt unsere Patientin.

Erstmal sehe ich wirklich nur Blut und denke mir so „Ach du….“ – sie musste die Treppe heruntergefallen sein, die kleinen Teppiche in der Biegung oben sind verrutscht und an der Wand gegenüber der Stufen klebt Blut. Nachdem hier absolut kein Platz zum Arbeiten ist, müssen wir tricksen. Ich stabilisiere den Kopf der Patientin mit meinen Händen erstmal frontal – also indem ich den Kopf von vorne mit meinen Händen fixiere – sie will sich weiter bewegen. Bei so einem Sturz könnte das aber üble Folgen haben. Ich rufe meinen Kollegen, der noch vor der Tür steht weil drinnen wie gesagt kein Platz ist. Ok, tricksen. Der Kollege übernimmt den Kopf während ich mich hinter die Patientin setze, ich nehme den Kopf wieder damit er Platz hat ihr die Halskrause anzulegen. Jetzt schicke ich ihn das Verbandsmaterial vom Rucksack draußen holen, ich nehme der Dame mal das Taschentuch aus der Hand, das sie an ihre Stirn drückt.

Und dann erschrecke ich ein zweites Mal. „Bitte Notarzt rufen, große Kopfverletzung nach Sturz über die Treppen“ rufe ich dem Kollegen zu. Der reagiert sofort – er braucht nicht nochmal drauf schauen, er vertraut mir – und gibt das über den Funk an die Leitstelle weiter. Die Dame hat eine „Platzwunde“ am Kopf, die ca. 9-10 cm lang ist, vom Haaransatz bis zur Mitte des Schädels nach hinten verlaufend. Und sie ist tief – so tief, dass wir ihren Schädelknochen sehen können. Durch die große Wunde und die Macht der Schwerkraft ist ihr im wahrsten Sinne des Wortes „das Gesicht verrutscht“ – die Wunde klafft auseinander und dadurch rutscht die gesamte Haut zur Seite und macht ein paar Zentimeter darunter Falten, nein, richtige Wellen.

Vom Platz her ist Arbeiten in dieser Umgebung der Wahnsinn. Platzmanagement wird normalerweise groß geschrieben im Rettungsdienst – um ordentliche Versorgungen hinzubekommen, ist eine gute Struktur beim Auflegen des Materials wichtig. In diesem Fall hatten wir einfach nicht den Platz, um uns ordentlich zu strukturieren. Deshalb mussten wir beim Kopf fixieren tricksen.

Mehr als eine Wundauflage drauflegen und sie weiter untersuchen können wir momentan nicht machen, der Notarzt ist aber schnell da. Die Erstuntersuchung ergibt keine direkten Hinweise auf eine Hirnblutung oder Ähnliches – erstmal gleich große Pupillen, kein Kraftverlust in einem der Arme, kein Lähmungsgefühl. Sprachschwierigkeiten hat sie, wir wissen aber nicht, ob es ihr bloß durch das herausgefallenen dritte Gebiss schwer fällt, normal zu reden. Es ist zu früh für die klassischen Anzeichen, vermuten wir zumindest, immerhin sind wir wirklich schnell hier gewesen.
Mit Hilfe der NAW-Besatzung schaffen wir es, die Dame behutsam auf die Trage zu schaffen, danach bekommt sie vom Arzt das volle Programm und wird ins Krankenhaus gebracht. Auf der Fahrt dorthin prägen sich anscheinend dann auch die typischen Anzeichen für eine Hirnblutung aus.

Eineinhalb Jahre später erfahre ich durch Zufall, dass unsere Patientin durch den Sturz eine Hirnblutung hatte und nun ein Pflegefall ist. Die Verletzungen durch den Sturz waren einfach zu groß, um ohne spätere Folgen davon zu kommen – weder wir noch das Krankenhaus hätten hier etwas daran ändern können. 

Gast

Normalerweise komme ich in unser „Stammkrankenhaus“ in Uniform und bring Patienten oder hole sie ab. Es ist ein kleines Krankenhaus, jeder kennt jeden dort. Alle kennen also auch mich.

Vorteil? Nachteil? Naja…

Ich kam selbst zur Anmeldung, ließ mich für die Ambulanz aufnehmen zur Erstbegutachtung eines Wehwehchens. Schon der Portier grinste mich an, als ich meinte „Servus, heute melde ich mich selbst an.“

Der Arzt in der Ambulanz wusste, dass ich vorbei komme, ich hatte vorher mit ihm telefoniert. Trotzdem grinste er mich natürlich auch an. Als dann noch mein Lieblings-Pfleger dazu kam, hatten wir den größten Spaß, obwohl ich ziemlich starke Schmerzen hatte.

Es war Sonntag abend und ich sollte gleich hier bleiben, der Doc wollte in der Nacht noch operieren. Na gut, wie der Chef sagt. Um halb 10 Uhr nachts ging es dann in den OP. Als dort die Anästhesie mitbekam, wer und was ich bin und dass ich sowohl meinen operierenden Arzt als auch seine Assistenz kenne, lief auch noch im OP ungezwungen und locker der Scherz. War für mich ganz angenehm, so wurde ich abgelenkt von der Tatsache, dass ich hier vor den Menschen am OP-Tisch liege, die ich sehr oft im Dienst sehe.

Es war eine kurze Operation, ich wurde noch im OP halbwegs wach. Ich kann mich nicht mehr erinnern was geredet wurde, ich weiß aber noch, dass sie auch da alle gelacht haben. Alles ganz locker.

Die paar Tage die ich zur Beobachtung noch auf der Station bleiben musste vergingen recht schnell. Alle Schwestern und einige Ärzte wussten, dass ich mich so halbwegs mit der Materie auskenne – ich hab ihnen geholfen beim zusammenbauen meiner Infusionen etc. Ich war mit allen per Du und es war richtig angenehm.

Ist es also Segen oder Fluch, die Belegschaft des KH zu kennen, in das man selbst eingeliefert werden könnte? Ist es blöd, dass man die Leute kennt, vor denen man nackt am OP-Tisch liegt? Ist es unangenehm, die Schwestern zu kennen, die einem tagelang bei den kleinsten Kleinigkeiten im Alltag helfen müssen?

Naja, ich hatte etwas Zweifel, ich hab überlegt in ein anderes Krankenhaus zu fahren. Im Endeffekt bin ich aber froh dort gewesen zu sein. Ja, ich hatte etwas Angst vor der OP, aber durch diesen lockeren Umgang miteinander und eben auch weil ich fast alle kannte fiel mir das alles um vieles leichter.

Ich würde wieder dorthin gehen, wo ich die Ärzte und Schwestern kenne.