2 Uhr nachts…

…geht plötzlich der Alarm los.
Es ist einer meiner Ausbildungsdienste am NEF – es ist der letzte Einsatz, der mir für das Ausbildungsheft noch fehlt. Dann hätte ich zumindest das mal geschafft, brauche ich nur noch die Stunden fertig bekommen.
Wir fahren reanimieren. Der Alarmierungstext verrät uns, dass ein 49-jähriger Herr im Nachbarort umgekippt ist, anscheinend ist er „blau im Gesicht“.

Ich kenne die Siedlung, ich wohne im gleichen Ort. Der Name des Herrn ist bei uns relativ häufig, ich kenne zwar etliche Menschen mit dem Nachnamen, aber ich wage es nicht zu raten, zu wem wir fahren.
Der RTW ist schon vor Ort, wir werden von einem Jugendlichen durch das Haus in das Schlafzimmer gelotst. Als ich als Erste von unserem Team ins Haus gehe muss ich kurz mal nach Luft schnappen – da sitzt weinend eine Bekannte von mir auf der Treppe, sie war mit mir in der Schule. Wir reanimieren also wie es aussieht einen Verwandten von ihr.
Sie erkennt mich, freut sich direkt mich zu sehen und bettelt mich an ihrem Papa zu helfen. Mehr als ihr zu versprechen alles zu tun was uns möglich ist kann ich jetzt aber leider gerade nicht für sie tun.

Es ist im Prinzip eine Reanimation wie jede andere auch. Wir haben zwar sehr wenig Platz und müssen vom Schlafzimmer ins Bad arbeiten mit dem Material, sitzen fast in der Dusche um den Herrn zu reanimieren und der Doc kommt von seinem Platz am Kopf auch nicht mehr wirklich gut weg, aber es ist trotzdem das selbe Schema wie bei den Übungen und Trainings und den anderen Reanimationen. Für mich gibt es als einzige einen Unterschied: ich kenne den Mann, für den ich gerade die Intubation vorbereite…

Wir reanimieren lange, sehr lange. Wir geben Metalyse – ein Medikament zur Thrombolyse, Wirkstoff Tenecteplase. Kapnometrie ist in Ordnung, anfangs haben wir noch einen schockbaren Rhythmus, der wird aber leider recht bald zur Asystolie.
Zwischendurch, als alles läuft, die Medikamente alle aufgezogen sind, die Intubation geglückt ist, werde ich nach draußen geschickt, Patientengeschichte erheben. Ich werde geschickt, weil die anderen mitbekommen haben, dass die Tochter mich kennt, sie vermuten, dass ich mir leichter tue beim Reden bzw. dass es der Familie leichter fällt mit mir zu reden. Wir müssen aufhören – der Patient hat zu lange keinen eigenen Kreislauf, wir haben zu lange schon keinen schockbaren Rhythmus. Das Übliche: ein bisschen zusammenräumen während der Arzt die Todesnachricht überbringt.

Ich kann nicht mehr, ich bin fertig – die erste Reanimation bei der ich den Patienten kannte. Und dann auch noch so kurz vor seinem 50. Geburtstag, sie waren gerade beim planen seiner Geburtstagsfeier.
Ich bin ehrlich gesagt froh, dass ich von der Familie niemanden sehe als ich raus zum NEF gehe. Ich könnte meiner ehemaligen Schulkollegin glaube ich gerade nicht in die Augen schauen.

Es war eine tolle Zusammenarbeit mit NEF und RTW, da sind wir uns bei der Nachbesprechung sicher. Der RTW verlässt uns auf seine Wache, wir reden bei der Heimfahrt und – obwohl mitten in der Nacht – redet mein NFS auch auf der Wache noch mit mir. Bis ins kleinste Detail gehen wir die Reanimation nochmal durch. Großes Lob an alle Beteiligten, er versteht aber auch, dass es mir besch…eiden geht gerade.
Am nächsten Tag geht es mir besser, nach ein paar Tagen kann ich ihr schreiben und mein Beileid ausdrücken. Sie bedankt sich oft bei mir, obwohl ich es auch verstehen würde, wenn momentan nicht mit mir reden möchte.

Einem Kollegen einer anderen Rettungsdienst-Organisation erzähle ich davon, obwohl wir noch nicht lange befreundet sind und es bei uns eher eine sehr lockere Freundschaft ist, will ich unbedingt ihm davon erzählen und nicht den Kollegen meiner Wache. Vielleicht um den nötigen Abstand zu wahren. Keine Ahnung. Aber es ist toll, in der Situation in der ich ihm das erzähle ist es plötzlich, als wären wir schon sehr lange befreundet. Ich fühle mich geborgen und der Moment zeigt mir, dass wir wirklich keine Konkurrenten sind, dass auch die verschiedenen Organisationen zusammenhalten und füreinander da sind, auch wenn es nur Kleinigkeiten betrifft. 

So leid es mir auch tut das sagen zu müssen: Der Einsatz, diese Reanimation hat mich so viele Dinge gelehrt. Nicht unbedingt fachlich, Reanimation nach Standardschema eben, aber persönlich habe ich viel daraus gelernt – und bin daran gewachsen…

Advertisements

Alarmierung und Einsatz

Wie geht denn das mit der Alarmierung und den Abläufen in Zusammenhang mit der Leitstelle eigentlich bei uns?

Von Anfang an:

– Du hast einen medizinischen Notfall und brauchst „die Rettung“.

– Du wählst 144 und kommst zu Notruf144Niederösterreich, „Wollen Sie einen Notruf melden?“ – „JA!“

– Der CCA (Calltaker) fragt dich die üblichen Fragen:
Was? Wer? Wie? Wieviele? Wo? Wann?
Und noch ein paar Detailfragen.

– Das Programm mit dem der CCA arbeitet, leitet den CCA jeweils zur nächsten Frage, sie werden also wirklich gezielt zu diesem Notfall gestellt.
Sollte hierbei schon zu Beginn der Abfrage feststehen, dass es sich um einen Atem-Kreislauf-Stillstand handelt, geht – sobald der Notfallort bekannt ist – ein Pre-Alert an die zuständigen Rettungsmittel. Im Verlauf der weiteren Abfrage folgt eine weitere Alarmierung mit Details.
Die Leitstelle bleibt bei dir am Telefon und fragt dich, ob du dir eine Reanimation zutraust. Antwortest du mit JA, wirst du angeleitet, wie du was machen musst. Der CCA bleibt in diesem Fall bis zum Eintreffen des ersten Rettungsmittels bei dir am Telefon!

– Du beantwortest also alle Fragen des Calltakers, der Computer generiert daraus den Einsatzcode und schickt es an den EMD (Emergency Medical Dispatcher = Leitstellen-Disponent) weiter.

– Der Disponent erhält nun also den Einsatzcode. Anhand der Buchstaben und Zahlen darin kann er ohne den Text zu lesen in etwa erkennen, um was es sich handelt und ob ein Notarzt benötigt wird oder nicht. Das Programm schlägt ihm auch gleich die nächstgelegenen geeigneten und freien Rettungsmittel vor.

– Findet der „Dispo“ den Vorschlag in Ordnung, schickt er die Alarmierung raus und wir bekommen eine SMS, einen Alarm über eine App, einen „Alarmcall“ (Telefonstimme liest dir die relevanten Details vor) und den Alarm am Pager. Zeitgleich wird das betroffene Fahrzeug vom Status „Frei auf Wache“ auf „Alarmiert“ gestellt. (siehe Ende des Artikels – eine Erklärung unserer Statusmeldungen)

– Wir nehmen den Einsatz an. Möglichkeit #1: Status „Quittiert“, Möglichkeit #2: Status „zum Berufungsort“

– Wir stehen weiterhin in Kontakt mit dem EMD, sollten wir zum Beispiel als RTW einen Notarzt brauchen, können wir diesen beim Dispo über Funk oder telefonisch nachfordern. Umgekehrt können wir ihn auch so stornieren. Generell kann alles, was wir den Dispo fragen wollen, so kommuniziert werden.

– Wir kommen am Einsatzort an (Status „am Berufungsort“), sollte der CCA noch bei dir am Telefon sein, wird er das mitbekommen, aber dich trotzdem fragen, ob der Rettungsdienst jetzt da ist und dich bitten, von nun an mit uns zu kommunizieren.

– Wir übernehmen den Einsatz, arbeiten, fordern eventuell einen Notarzt nach oder stornieren diesen, geben eventuell auch eine Lagemeldung, machen den Patienten transportfertig und fahren ins Krankenhaus (Status „zum Zielort“). Hier muss nochmals kurz der Dispo informiert werden, in welches KH und auf welche Station wir fahren -> damit ist die Arbeit der Leitstellenmitarbeiter für diesen Einsatz getan.

– Wir fahren nun also die ausgemachte Station an (Status „am Zielort“), übergeben dort den Patienten, bringen das Fahrzeug wieder auf Vordermann und fahren Richtung heim. Während der Leerfahrt ist der Status „Frei über Funk“ aktiv, zu Hause wieder „Frei auf Wache“.

Das ist eben so die Grundstruktur eines Einsatzes, von der Alarmierung bis zu Einsatzende.
Wie läuft das bei euch so ab? Welche Vorgänge laufen da so im Hintergrund und wie funktioniert das bei euch mit der Leitstelle?

Und hier noch schnell die versprochene Auflistung der Statusmeldungen im Einsatz:

Frei auf Wache Wir sitzen „zu Hause“ und warten auf den nächsten Einsatz.
Zum Berufungsort Wir sitzen im Auto und sind am Weg zum Einsatz.
Am Berufungsort Wir sind beim Patienten.
Zum Zielort Wir fahren in ein geeignetes Krankenhaus.
Am Zielort Wir sind im Krankenhaus und übergeben den Patienten.
Frei über Funk Wir sind einsatzbereit am Weg nach Hause.

Sonderstatus:
Bereitschaft Wir sind gerade nicht sofort einsatzbereit, wir können zwar Einsätze annehmen, die Ausrückzeit verlängert sich aber (zB bei Auto putzen nach schmutzigeren Einsätzen)
Dienstfahrt Wir müssen vielleicht gerade kurz in die Werkstatt und sind deswegen nicht einsatzbereit. Auch wenn wir Fahrzeuge für die Fahrt zu Schulungen etc. bekommen, wird das mit Dienstfahrt gemeldet.