Sturkopf

Ja, ich bin ja selbst so ein Sturkopf. Wenn ich mir mal was in den Kopf gesetzt habe ist das dann nur sehr schwer wieder da raus zu bekommen. Aber in gewissen Situationen muss man diese Sturheit einfach mal ablegen. Wenn man zum Beispiel offensichtlich einen Arzt braucht, den aber auf keinen Fall da haben will.

So geschehen vor einiger Zeit:
Einsatzstichwort „Sturz auf öffentlichem Platz, Verletzung Fuß“ in einem Café. Dort erwartet uns schon die Kellnerin, führt uns zu einem Stammgast, der allein an einem Tisch sitzt. Rundherum vier andere Gäste.
Auf den ersten Blick sind keine Verletzungen zu erkennen.
Von den anderen Gästen und der Chefin erfahren wir, dass der Herr von einer etwas höher gesetzten Bank am Tresen gefallen ist, er hatte zuvor einen Hustenanfall. Kopf-Boden-Distanz dürfte ca 1,80m gewesen sein.
Uns wird auch berichtet, dass er nach dem Sturz nicht mehr selbst aufstehen konnte, sie haben dem Herrn zum nächsten Tisch geholfen und uns dann angerufen.

Der Patient gibt sich wie folgt: 

A – unauffällig, keine Verlegungen
B – unauffällig, normale Frequenz und Tiefe, keine Geräusche, keine Einschränkungen, kein Einsatz der Atemhilfsmuskulatur
C – keine offensichtlichen Blutungen, Pulsfrequenz normal, Puls peripher gut tastbar, RR im Normalbereich, normale Hautfarbe, nicht schweißig
— Patient NICHT kritisch —
D – Patient gibt an, dass er sich an den Sturz erinnern kann, keine Erinnerungslücken, Pupillen gleich und reagieren prompt seitengleich, zeitliche und örtliche Orientierung gegeben, er wirkt allerdings alkoholisiert und kann uns den Unfallhergang nicht ganz genau schildern.
E – Patient kooperiert nicht, kann nicht aufstehen, will sich nicht hinlegen, „Traumacheck“ wird vorerst im Sitzen gemacht. Ergibt eine Beule am Hinterkopf, keine Druckempfindlichkeit darauf, keine Druckempfindlichkeit an der HWS. Leichte Schmerzen linke Hüfte, bei Druck verändert sich der Schmerz nicht. Anlegen einer HWS-Schienung toleriert er nicht, das will er nicht.
S – Schmerzen in der Hüfte, nicht stark, im Sitzen jetzt gerade eigentlich nicht zu spüren
A – keine
M – Diabetiker, Insulin seit zwei Tagen nicht mehr genommen
P – Diabetiker
L – 3/4 Liter Wein, mittags Suppe, feste Speisen zuletzt vor 24 Stunden
E – Hustenanfall lt. anwesenden Personen
R – alkoholisiert, Diabetiker
Vitalwerte: RR 135/95, P 75, AF 12, BZ 139mg/dl
— Patient NICHT kritisch —

Der Patient lässt uns gerade mal so für die Vitalwerte an sich ran, Kopf abtasten dürfen wir nicht ordentlich, HWS-Schienung verweigert er auch. Er wird zunehmend wütender, bevor ich mich schlagen lasse versuche ich es also auch gar nicht.
Er kann und will immer noch nicht aufstehen oder hinlegen, er zündet sich vor uns eine Zigarette an. Er möchte unter keinen Umständen mit uns ins Krankenhaus fahren.
Da der Patient auf den Kopf gefallen ist und außerdem Alkohol konsumiert hat, dürfen wir ihm keinen Revers (Patient unterschreibt, dass er jegliche Sanitätsmaßnahmen und/oder einen Transport in ein Krankenhaus verweigert) unterschreiben lassen. Wir versuchen ihn umzustimmen, er bleibt weiterhin stur und möchte nach Hause. Diskussionen bringen bekanntlich meistens wenig – wir fordern also den Notarzt nach – Transportverweigerung durch nicht reversfähigen Patienten. Das ist bei uns so vorgegeben.
Der NA hat nun die Aufgabe zu entscheiden, ob der Patient in einer Klinik angeschaut werden sollte oder ob wir ihn guten Gewissens nach Hause entlassen können. Auch mit dem Arzt wird wieder diskutiert, mittlerweile sind wir sechs Leute von „der Rettung“ und die Augenzeugen, die ihn zu überreden versuchen.
Versuch 1 des NA, den Patienten umzustimmen: „Sie haben sich verletzt, Sie sind Diabetiker, Sie können sich nicht an alles erinnern, Sie sind ungünstig gefallen, Röntgen ist nötig, blablabla…“ Haben wir schon versucht, vielleicht bringt jemand mit dem Wort ARZT am Namensschild ja mehr hin als wir.
Versuch 2: „Entweder Sie schaffen 3 Meter zu dem Stuhl da drüben und retour, alleine und ohne sich wo anzuhalten, oder Sie kommen mit uns mit ins Krankenhaus.“ Uns allen klar, dass er sich darauf nicht einlassen will, er weiß ja selbst wie weh seine Hüfte bei Bewegungen tut. Aber der Deal ist gescheitert, er weigert sich immer noch mitzukommen.
Bleibt noch Versuch 3: „Wenn Sie jetzt nicht mit uns mitkommen, müssen wir die Polizei holen. Und wenn Sie bei denen dann auch nicht mitfahren wollen, dann holen die den Amtsarzt und dann wird’s richtig ungemütlich, da müssen Sie dann mitfahren, das geht gar nicht anders.“ Und wieder wird diskutiert, ich bin schon dabei das Handy zu holen, um die Polizei zu verständigen, da willigt er wirklich endlich ein. (Es ist bei uns so vorgegeben, dass wir Patienten die uns nicht reversfähig erscheinen mit dem NA reden lassen sollen, schafft dieser es nicht, dass der Patient mitkommt, fordert Polizei bzw. Amtsarzt an, damit diese eine Einweisung veranlassen können. Der Rettungsdienst darf Patienten ja nicht zwingen in ein Krankenhaus mitzukommen.)

Sichtbar genervt schweigt er uns an, während wir auf Kommando des NA den Tragstuhl holen – da dem Patienten das Sitzen anscheinend nichts ausmacht und er sich sowieso weigert sich angreifen zu lassen, sollen wir ihn so transportieren, bevor die Diskussion erneut losgeht. Die Fahrt (ohne NA-Begleitung) verläuft auch komplett problemlos, der Zustand verschlechtert sich nicht.

Im Krankenhaus wird dann zuerst ein Röntgen gemacht – und jetzt wird der Patient sogar noch zickiger, jetzt hat er beim Umlagern auf den Röntgentisch nämlich (wie erwartet) starke Schmerzen, und natürlich schreit er wieder, dass er nach Hause will…

Was will man machen. Es gibt sie eben immer und überall, diese Sturköpfe, die sich einfach nicht helfen lassen wollen. Ist wohl der Stolz… Oder die Angst?

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Kindernotfall…Unfall…

Ich will ja nicht sagen, dass man sich mit der Zeit an schlimme Einsätze gewöhnt, aber man lernt damit umzugehen. 
Man lernt, psychisch anstrengende Einsätze nicht an sich heranzulassen. 
Man lernt, psychisch anstrengende Einsätze zwar im Gedächtnis zu behalten, aber ohne negative Gefühle. 
Man lernt aus solchen Einsätzen auch, wie man es beim nächsten Mal besser machen kann.
Aber einige Einsätze werden immer wieder, auch nach Jahren, mit Emotionen verbunden werden… 

In meinem Fall geht es um ein Kind, dass von einem Fahrzeug überrollt wurde. Der Vater wollte gerade ausparken, seinen 5-jähriges Kind dürfte er übersehen haben – der befand sich nämlich gerade hinter dem PKW, genau dort wo der Vater eigentlich damit hinwollte.
Ein Rumpeln, Stille, dann Schreie, Hektik, Verzweiflung… ungefähr so muss es gelaufen sein.

Was wir bei der Anfahrt schon wissen: 

– Ein 5-jähriger Junge wurde von einem PKW überrollt.
– Die Polizei ist mit alarmiert.

Was wir bei der Ankunft sehen: 

– Der Junge liegt am Bauch auf einer Couch – weil draußen die Straße einige Zentimeter hoch mit Eis bedeckt ist haben ihn die Eltern rein getragen.
– Er schreit und ist ansprechbar, versteht auch was gerade rund um ihn herum passiert.

Was zu allererst passiert: 

– Wir lassen in vorerst in der vorgefundenen Lage, er bekommt offensichtlich genug Luft (Wer schreit bekommt gut Luft).
– Der Notarzt spricht mit dem Jungen und kann ihn recht schnell beruhigen.

Nachdem der Arzt ein bisschen mit dem kleinen Patienten geredet hat, schneiden wir ihm die dicke Daunenjacke und die Jeanshose auf (ja, wir haben jetzt ein bisschen Feder-Chaos um uns herum).
Der kleine Mann spürt alle Extremitäten, kann uns gut Antworten geben und hat Bauchschmerzen. Es ist keine offensichtliche Fraktur zu erkennen, keine Fehlstellung, der Rücken ist zu ca. 40% mit Schürfwunden bedeckt, Puls ist gut tastbar, Blutdruck in Ordnung und der Kopf hat offensichtlich nichts abbekommen.
Wir entscheiden uns deshalb, das Ganze etwas langsamer angehen zu lassen, um den Jungen nicht noch mehr Stress auszusetzen.

Der Notarzt erreicht den Arm des Kleinen sehr gut, die Venen sehen super aus, Zugang i.v. wird also gleich in Bauchlage in den Arm gestochen. Da die Schmerzen momentan nicht allzu groß sind, entscheidet sich der Arzt vorerst für eine Infusion ohne Schmerzmittel, das Ampullarium bleibt allerdings immer griffbereit in der Nähe.

Ich pendel immer wieder hin und her zwischen dem Eingang um meinem Kollegen zu sagen, was wir aus dem RTW noch brauchen und dem Patienten, um die anderen bei diversen Kleinigkeiten zu unterstützen. Dabei komme ich natürlich immer wieder an der ganzen Familie vorbei, der Vater steht stocksteif herum, die Hände vors Gesicht geschlagen. Ich versuche immer wieder sie alle zu beruhigen, aber das bringt beim Vater natürlich momentan gar nichts.

Den kleinen Patienten packen wir dann gut in die Vakuummatratze ein. Das Abdomen ist nur ganz leicht hart, kein Druckschmerz. Aufgrund der fehlenden zusätzlichen Anzeichen auf Blutungen in das Abdomen gehen wir aber davon aus, dass hier die Muskeln verhärtet sind und/oder dass er zu viel Luft durch das Schreien geschluckt hat.
Der Junge hat sich in der Zwischenzeit wirklich gut beruhigt, er bleibt ganz brav ganz still liegen, schreit nicht mehr und spricht immer noch mit uns. Wir legen unsere Verdachtsdiagnose mit „Akutes Abdomen nach stumpfem Bauchtrauma“ fest.

Ganz langsam fahre ich dann aus den Gassen hinaus. Sind rumpelige Straßen und man will nur ja so sanft wie möglich fahren. Auf der Bundesstraße dann so schnell es geht mit Blaulicht und Folgetonhorn – es könnte ja auch langsam in irgendeine Körperhohle einbluten, das will man so schnell wie möglich geklärt haben. Wir sind im Schockraum angemeldet und ab halber Strecke lässt uns der Arzt auch noch Polizeibegleitung und Ampelschaltung organisieren – verständlich, ist Sonntag Abend doch meist ziemlich viel los auf unseren Straßen. Hat dann mit denen auch wunderbar funktioniert, freie Fahrt und vor allem freigeräumte Kreuzungen sind in diesem Fall der Himmel für mich gewesen – ein Stressfaktor wird dadurch nämlich um einiges reduziert!

Im Krankenhaus übergeben wir einen immer noch wachen und für die Situation doch ruhigen Patienten, das ganze Team steht schon angespannt in den Startlöchern. Auch wir dürften nicht gerade locker gewirkt haben.
Übergabe, Auto auffüllen, Zigarette, Besprechung. Hat alles toll funktioniert, da sind wir uns einig. Und unser Verdacht, dass der kleine Herr zu viel Luft geschluckt hat und deshalb ein verhärtetes Abdomen hat wird uns noch vor Ort bestätigt.

Wir machen uns also auf den Heimweg, bekommen dann noch einen Anruf: Dem Kleinen geht es soweit gut, er ist stabil, hat keine inneren Blutungen, einzig die Milz hat einen leichten Haarriss, allerdings so schwach, dass (vorerst) nicht operiert werden muss. Und mehr als Luft war da dann im Bauchraum auch wirklich nicht drin. Kein Knochen gebrochen oder angebrochen.
Mir fällt ein Stein vom Herzen, wirklich.

1000 Schutzengel und keinen weniger hatte der Kleine. Und ich hoffe sie bleiben ihm erhalten und beschützen ihn weiter so gut wie dieses eine Mal.

Aber gut, ich wollte doch eigentlich über Emotionen bei tragischen Einsätzen reden.
Dieser Einsatz wird mir wohl noch sehr sehr lange in Erinnerung bleiben und ich bin mir auch sicher, dass die Emotionen dazu auch nicht so schnell verschwinden werden. Kindereinsätze sind nun mal emotional. Allerdings muss ich hier auch sagen, dass die Freude über den positiven Ausgang dieses Einsatzes bei weitem überwiegt. Wenn ich heute Kinder bei parkenden Autos spielen sehe habe ich fast schon den Zwang zu ihnen hinzugehen und sie zu bitte, doch bitte wo anders weiter zu spielen. Ich möchte um der gesamten Familie wegen nicht nochmal zu so einem Einsatz fahren müssen…
Trotz dem guten Ausgang läuft es mir immer noch manchmal kalt über den Rücken runter wenn wir wieder mal darauf zu sprechen kommen. Es hätte ja sonst was passieren können. Aber daran versuche ich nicht zu denken.