Trauer

Warum trauern wir?
Es gibt viele Gründe dafür, am häufigsten kommen wir im Rettungsdienst mit der Trauer um einen verstorbenen Menschen in Berührung. Wenn wir nach Hause gerufen werden, weil der Opa im Bett liegt und sich nicht mehr rührt. Wenn wir den Angehörigen mitteilen müssen, dass es der Opa nicht geschafft hat. Dann sehen wir meist zwei Dinge in ihren Gesichtern: Schmerz und Trauer.

Trauer ist ein Prozess, der sich in verschiedene Phasen einteilen lässt. Hierzu die beiden gängisten Modelle kurz beschrieben (detaillierte Infos unter www.trauerphasen.de)
Nach Verena Kast sind das die vier Phasen:
Nicht-Wahrhaben-Wollen („Es darf nicht wahr sein.“)
aufbrechende Emotionen (Schwankungen zwischen Trauer, Wurt, Angst, …)
Suchen (auf Fotos, in seinem Zimmer, am Lieblingsplatz, …)
neuer Bezug zur Umwelt und sich selbst (= Akzeptanz, Einfügen in eine neue Rolle)
Yorick Spiegel teilt die vier Phasen etwas anders ein:
Schockphase (Verhalten wie in einer Traumwelt)
Kontrollierte Phase (Ablenkung durch verschiedene Aktivitäten um das Gefühl der Leere zu verdrängen)
Regression (Rückzug um mit der Trauer allein zu sein und damit umgehen zu lernen)
Anpassung (Rückkehr in ein normales Leben)

Warum schreibe ich hier jetzt von Trauer?
Nun ja, ich durfte eine faszinierende Seite der Trauer kennenlernen.
Trauer kann nämlich auch vor dem Verlust eines geliebten Menschen bestehen. Wenn man zum Beispiel erklärt bekommt, dass Mutter mit fast 90 Jahren nicht mehr lange zu leben hat, weil sie Krebs hat.

Wir brachten mit dem KTW eine Patientin nach Hause, die Palliativ im Krankenhaus war. Sie wurde auf eigenen Wunsch nach Hause gebracht, sie wollte im Kreise der Familie und vor allem zu Hause sterben.
Palliativ – was ist das? Es gibt in Krankenhäusern eigene Stationen, es gibt eigene Pflegehäuser, Pflegedienste dafür. Für sterbenskranke Menschen, die nur noch bestmöglich gepflegt und betreut werden, bis sie sterben. Die dadurch sozusagen darauf vorbereitet werden.
Ich bewundere alle Palliativpfleger – ihr macht eine wahnsinnig wichtige, schöne, anstrengende, belastende Arbeit. Schön? Ja, ich finde es schön, wenn man die letzten Tage/Wochen einer sterbenden Person noch bestmöglich mitgestalten kann. Man lernt Menschen in ihren ehrlichsten Momenten kennen und darf ihnen die wahren Herzenswünsche noch erfüllen. Aber es ist auch belastend, immerhin weiß man ganz genau, was auf den Menschen zukommt, dem man gerade noch geholfen hat, sich auf das Kommende vorzubereiten.
Ich könnte das nicht mein Leben lang machen.

Was ich aber kann, ist immer mal wieder durch den Rettungsdienst die Palliativstation bei uns unterstützen. Und zwar, indem ich helfe, die Wünsche zu erfüllen.
Ich durfte einmal eine Patientin nach Hause bringen, der nur noch ganz ganz wenig Zeit zu Leben gegeben wurde. Die Dame war ganz klar im Kopf. Fast 90, sehr krank aber eine tapfere kleine Lady. Sie wünschte sich, dass sie zu Hause sterben dürfe. Im Kreis ihrer Familie, ihrer Kinder.

Im Krankenhaus erwarteten uns die Tochter und einer der Söhne. Wir lagerten die Dame nach ihren Wünschen auf unserer Trage – es soll so bequem wie möglich sein. Jetzt gibt es außerdem keinen Stress mehr. Der Oberarzt wollte noch mit uns reden, also mussten wir auch noch kurz warten.
Er erklärte uns, wie es um die Dame stand. Was der Grund für den Heimtransport war. Dass sie bei klarem Verstand sei. Wir wurden darüber aufgeklärt, dass der Dame so wenig Zeit gegeben wird, dass sogar der Tod am Transportweg nach Hause nicht ausgeschlossen werden kann.
Nein, sie starb nicht im KTW. Sie war tapfer, auch ihre Kinder. Der Sohn fuhr bei uns mit, er hielt die ganze Zeit über die Hand seiner Mutter. Sie wirkten so friedlich.

Man merkte allen an, dass sie mit der Sache abgeschlossen hatten. Sie waren darauf vorbereitet. Die prägenden Trauerphasen waren überwunden. Sie wollten nur noch Ruhe. Nach den Phasen von Yorick Spiegel wären sie in der Regression gewesen. Der Rückzug, der Abschluss mir dem Thema, das war in diesem Moment wichtig. Keine Tränen mehr, keine Wut, keine ungläubigen Worte oder Verleugnungen. Jeder wusste, was jetzt kommt.

Ich will ehrlich sein: Ich wünschte der Dame, dass sie nicht zu leiden hat. Dass sie ein paar angenehme Stunden mit ihren Liebsten verbringen darf. Dass es vorbei ist, bevor die Schmerzen wiederkehren. Das waren auch ihre Wünsche, und wir haben es geschafft, dass ein Teil des Wunsches wahr wurde. Sie bedankte sich noch bei uns, auch ihre Kinder. Sie wirkte so entspannt, wie sie da in ihrem Bett lag. So still und heimlich wie möglich machten wir uns aus dem Staub. Hier wollten wir nicht mehr stören.

Etwas später erfuhr ich durch eine Traueranzeige, dass die Dame noch am selben Abend verstorben war, ein paar Stunden nachdem wir sie heimgebracht hatten. Sie hatte es geschafft, ihr letzter Wunsch war in Erfüllung gegangen.
Es freut mich, dass ich sie unterstützen – also heimbringen – durfte.
Es freut mich, dass sie bis zuletzt nicht allein war.
Es freut mich, dass sie in aller Ruhe gehen konnte.

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