Ääähm… #3

Nachforderung unseres KTWs zu einer Überstellung liegend

Meine dritte Ääähm…-Geschichte bezieht sich nun auf Ärzte, eine Patientin und einen RTW einer anderen Organisation.

Ich habe Urlaub und sitze als Freiwillige am Stützpunkt – ausnahmsweise mach ich mal Tagdienst unter der Woche. Die KTWs sind alle unterwegs, ganz normal an so einem Tag. Ich bin am „Großen“, bin RTW-Fahrerin mit einem Sani und einem Azubi dabei. Plötzlich bekommen wir eine Meldung zu einem dringenden Transport von unserem Krankenhaus ins nächstgelegene große.

Dort erwarten uns die Kollegen vom KTW im Eingangsbereich mit einer Patientin auf ihrer Trage, die wir übernehmen. Als wir die Patientin sehen, wird uns auch klar warum:
In den KTWs steht die Trage recht weit an der linken Wand, im großen RTW mittig. Die Dame würde ganz einfach nicht in den KTW passen, weil sie so voluminös ist, dass sie links und rechts der Trage noch etwas mehr Platz braucht als bei seitlich stehender Trage verfügbar ist. Also: Fahrzeug mit mittig stehender Trage geordert.
Unsere Tragen sind auf 228kg  Patientengewicht zugelassen, ich frage also mal die Kollegen, wieviel die Dame wiegt. Ich bekomme den Transportauftrag vom Krankenhaus und damit die Info: „ACHTUNG: Pat. ca. 150kg, bitte mit RTW von Organisation Y aus Z transportieren“
Tja, wir sind nicht Organisation Y und auch nicht aus Z. Das wäre nämlich ein Schwerlast-RTW mit extrabreiter Trage.
Wir laden die Dame halt mal in unser Auto – auf der Trage des KTW können wir sie eh lassen, die sind ja alle die selben – , sie schreit und jammert nämlich ganz schön und so wollen wir nicht im Eingangsbereich stehen bleiben.

Ich bin zwar heute Fahrerin, erkundige mich aber trotzdem erstmal bei der Patientin, warum wir denn jetzt ins andere Krankenhaus müssen. Viel bekomme ich aus ihr aber nicht heraus, sie ist beschäftigt mit jammern und schreien anstatt zuhören. Deswegen schicke ich den Kollegen auf die Station, um zu fragen, was denn hier los sei. Ich will wissen, was die Dame hat, ob wir mit Blaulicht düsen sollen weil sie vielleicht Schmerzen hat und warum nicht RTW Y angefordert wurde.

Als er zurückkommt, werden mir zumindest die ersten beiden Fragen beantwortet. Gut, ich kann ja die Leitstelle fragen ob wir nicht den Schwerlast-RTW bekommen. „Heute nicht besetzt“ bekomme ich als Antwort. Na toll, also doch wir. Wir fahren also mit Sondersignal los, die Fahrt wird ca. eine halbe Stunde dauern.

Auf halber Strecke muss ich aber stehen bleiben, hinten gibt es Probleme weil unsere Trage anscheinend nicht gut genug für die Liebe Dame ist. Ich sage ihr noch, wenn sie solche Schmerzen hat beim Fahren, könnten wir nur noch den Notarzt holen damit er ihr Medikamente gibt, aber das will sie nicht. Also so halbwegs angenehm machen und weiter.
Immer wieder höre ich sie schreien, immer wieder erklärt der Kollege ihr, dass wir jetzt den Notarzt holen müssen, immer wieder bekommt er als Antwort, dass sie das nicht will und ich gefälligst mehr aufs Gas steigen soll. Ich rufe zurück, dass das die Fahrt erstens noch unangenehmer machen würde und ich weder schneller fahren darf noch kann bei dem Verkehr hier.

Nach endlos langer Zeit kommen wir ENDLICH im Zielkrankenhaus an. Nun will die Dame aber auf einen Sessel (die fahrbaren Stühle im Krankenhaus sind extrabreit), also erfüllen wir ihr diesen Wunsch auf eigene Verantwortung. Während der Kollege Sessel sucht bleibe ich wieder bei der Patientin, die zickt jetzt herum und heult und schreit und möchte unsere Dienstnummern haben. Ich versuche ruhig zu bleiben und frage warum. Die Patientin wird aber wieder laut und schreit herum, dass es nicht ok ist, das wir nicht der Schwerlast-RTW sind und sie sich über den schrecklichen Transport beschweren will. Wieder und wieder erkläre ich ihr, dass wir ihr alles angeboten haben, was uns möglich ist aber sie nichts davon haben wollte, und dass der ganz große RTW heute nicht im Dienst ist. Die Dienstnummern bekommt sie natürlich, inklusive Name und Ort unserer Organisation und sogar der Funknummer des Wagens.

Die Station ist schnell gefunden und wir können unsere Patientin endlich (immer noch heulend und schreiend) abliefern. Wir werden auch vom Pfleger noch kurz angeschnauzt, warum wir die Patientin denn so abliefern, was wir denn getan hätten will er wissen. In aller Ruhe erkläre ich ihm die Situation und er verzieht das Gesicht. Ich höre im weggehen gerade noch ein gemurmeltes „Ach du heilige…“

Erstmal eine Zigarette, dann nach Hause und dem Transportbericht ein Gedächtnisprotokoll beilegen. Immerhin hat die Patientin ja gemeint, sie wird uns verklagen. Das Protokoll wird nicht gerade kurz, aber man muss ja alles genau beschreiben. Alle unterschreiben, ich scanne es noch schnell ein und schicke es den zuständigen Leuten auf der Dienststelle und danach ist endlich Ruhe.

Wir haben unseren Chefs Bescheid gegeben, damit die gewappnet sind für eine eventuelle Beschwerde oder Anzeige. Sie haben sich aber nicht wieder bezüglich dieser Sache gemeldet und meinten sowieso von Anfang an, dass so eine Anzeige nicht möglich sei bzw. unsere Rechtsabteilung mit dem Gedächtnisprotokoll klar belegen kann, warum und wieso und somit die Anzeige und auch eine Beschwerde nichtig wären.
Bis heute haben wir nichts mehr von dieser Dame gehört, es ist jetzt auch schon mehr als ein Jahr her.

Was die Dame genau hatte, haben wir nie erfahren, wir wissen nur von ihren sehr starken Schmerzen im Abdomen. Und das offensichtliche: sie hatte sehr stark ausgeprägte Trommelschlegelfinger und -zehen inklusive Uhrglasnägel. Warum sie die allerdings hatte wissen wir auch nicht.
Generell sind Trommelschlegelfinger ein Hauptmerkmal einer lange andauernden Unterversorgung mit Sauerstoff in den peripheren Körperregionen, bei Lungen- oder Herzkrankheiten oder auch bei Erkrankungen der Leber. 
Ich weiß, dass es sie gibt. Ich weiß, wie sie aussehen. Ich weiß in etwa, wovon sie kommen. Aber das wars dann auch schon wieder. Wenn ihr also mehr darüber wissen wollt fragt doch bitte den lieben Dr. Google 😉

Ein Gedanke zu „Ääähm… #3

  1. So Patienten kennen und lieben wir alle! ❤
    Hatte neulich das Vergnügen, einen Dauermeckerer 600km weit verlegen zu dürfen; meine Kollegin und ich waren kurz davor den an ner Autobahnraststätte auszusetzen und einfach in den Süden durchzubrennen. 😁

    Im Ernst, warum glauben die Leute denn immer, dass alles unsere Schuld ist und dass wir uns einfach nicht genug Mühe geben, wenn es mal unangenehm ist? Wir haben doch weder die schlechten Straßen gemacht noch sind wir für irgendwelche schmerzhaften Vorerkrankungen verantwortlich.

    Aber wenigstens hat sie sich dann nicht wirklich über euch beschwert. Ihr habt ja alles getan, was möglich gewesen ist, und für den nicht besetzten Schwerlast-RTW könnt ihr ja nix.

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