Notfallsanitäter-Kurs – das Ende, Teil 1

Sooo, nach einer anstrengenden Kurswoche und danach einer Woche Urlaub melde ich mich hier wieder mit dem Abschluss meines Kurses.
Es ist vorbei, einfach aus und vorbei. Die drei Monate sind eigentlich wie im Flug vergangen, auch wenn wir alle immer wieder gejammert haben. Nein, es kommt mir wirklich nicht so vor, als ob das drei Monate gewesen wären.

Aber was war denn jetzt in der letzten Woche noch alles?
Dienstag wieder mal 4 Stunden abends. Hier nochmal ein bisschen was zur Einsatztaktik und berufsspezifischen rechtlichen Grundlagen. Die beiden Themen hatten wir eigentlich schon gemacht, Stoff fürs Lernen zu Hause hatten wir auch, in diesen jeweils zwei Stunden wurden aber noch allfällige Fragen unsererseits geklärt. Hier kamen auch gleich wieder ganz spannende Themen auf, die wir auch noch eeeeewig diskutieren hätten können.

Donnerstag dann nochmal 4 Stunden, dieses Mal aber schon praktische Übungen. War jetzt nicht sooo spannend, eher die Vorbereitung auf den Samstag. Da ging’s dann so richtig zur Sache! So einen heftigen Übungstag hatte ich auch noch nie!
Aber von Anfang an:
Eintreffen beim Kurs, Austeilen der Zeit- und Locationpläne und Zuteilung in die jeweiligen Übungsgruppen ist schnell erledigt. In unseren zugelosten 5er-Gruppen machen wir uns dann auch auf den Weg zur ersten Station.

Wer Inspirationen sucht für ebensolche Übungstage oder einfach lesen will, wie ich an diesem Tag gelitten habe, kann hier gerne weiterlesen. Es werden aber insgesamt 9 Stationen mehr oder weniger detailliert beschrieben. Wer bloß die Zusammenfassung lesen will – Pech gehabt, ihr versäumt was. Könnt es aber trotzdem ganz unten noch lesen 😉

Station 1: „Hit The Wall“
PKW im Freigelände
In unserer Gruppe sind wir 3 Burschen und 2 Mädels. Da bei dieser Station (vorläufig) nur 3 Personen – ein RTW-Team – arbeiten werden, machen wir beiden Mädels es uns nebenbei mal mehr oder weniger bequem. Eher weniger, wenn man bedenkt, dass es um 9:15 Uhr schon knapp 30°C hat und wir hier am Parkplatz keinen Schatten finden können und wir außerdem die doch schön wärmende Uniform anhaben.
Szenario:
verunfalltes Fahrzeug, offensichtlich gegen eine Mauer gefahren – eine Person angeschnallt am Fahrersitz im PKW, Lenkradairbag offen – zu erkennen eine Kopfplatzwunde – kurz nach Eintreffen des RTWs beginnt es aus der Motorhaube weiß zu rauchen/dampfen.
Das Arbeiten: 
Ein Teammitglied spricht den Patienten an, ein zweites fixiert von der Rückbank aus den Kopf des Verletzten. Der dritte Sanitäter erkennt, dass es aus der Motorhaube raucht, nach kurzem Rundumblick und Einschätzung der Situation entscheidet sich der Teamleader für eine Crashbergung um schnell von dem Fahrzeug weg zu kommen. Der Verletzte wird aus der Gefahrenzone mittels Rautekgriff herausbefördert, auf ein Spineboard gelegt, Halskrause drauf und festschnallen. Weitere Anamnese im RTW. Der Patient gibt Brustschmerzen an, die anscheinend auch zu dem Unfall geführt haben – er konnte sich nicht mehr auf das Fahren konzentrieren. Ähnliche Schmerzen sind dem Fahrer schon bekannt, er leidet unter der KHK. Außer einer Kopfplatzwunde auf der Stirn können keine weiteren Verletzungen gefunden werden. Das RTW-Team entscheidet sich, dem Verdacht „Herzinfarkt/ACS bei bestehender KHK“ nachzugehen und den Patienten auf eine Ambulanz der Inneren Medizin zu bringen.
Verbesserungen:
Feuerlöscher! Hat jeder RTW dabei, die Zeit muss im Einsatz einfach sein, dass ich den schnell hole und bereitstelle. Außerdem ist weißer Dampf aus der Motorhaube meist nur Kühlwasser, das auf den heißen Motor tropft und verdampft – solange keine eindeutigen Brandzeichen wahrzunehmen sind, sollte der Patient zumindest noch mit einer Halskrause versorgt und mit Spineboard oder Rettungsboa schonend aus dem Fahrzeug geholt werden.
Die Entscheidung „Innere Medizin“ ist primär nicht schlecht, allerdings gehören vorher auch eventuelle Wirbelsäulentraumata ausgeschlossen, die bei diesem Unfallhergang sehrwohl möglich sein können. Somit wäre es am geschicktesten, den Patienten für den Schockraum anzumelden, und dort direkt den Radiologen, Unfallchirurgen UND einen Internisten hinzubeordern. Somit haben wir bei der Übergabe gleich alle nötigen Ärzte anwesend.
Fazit: 
Angenehme Station zum „aufwärmen“ und definitv mal etwas anderes. Eine solche Kombination aus Trauma und Herzerkrankung sieht man nicht oft in Übungen.

Station 2: „Wild Horses“
Reithalle (= Lehrsaal)
Hier arbeiten meine Kollegin und ich, zusammen mit einem der Burschen.
Szenario: 
Sturz vom Pferd in der Reithalle – das Pferd wurde bereits in die Box zurück gebracht. Zu sehen ist eine Sprunghürde, bei der ein Balken heruntergefallen ist, beim Balken eine reglose Person am Boden. Keine offensichtlichen Verletzungen.
Das Arbeiten: 
HALT DIE NUSS! Ich spreche die Patientin an, und fixiere gleich manuell den Kopf, meine Kollegin macht eine Atemkontrolle und stellt fest, dass die Verletzte bewusstlos ist. Da wir von einem Trauma ausgehen müssen, entscheiden wir uns vorläufig für freihalten der Atemwege durch Esmarch-Handgriff unter weiterer manueller HWS-Fixierung. Im Laufe des Trauma-Checks kommt die Reiterin wieder zu sich, wir legen eine HWS-Schiene an und die Patientin kann jetzt auch befragt werden. Außer einem stumpfen Bauchtrauma durch Huftritt sind keine weiteren Verletzungen zu erheben, das ABC hat keine Probleme aufgezeigt, bloß neurologisch auffällig war die junge Dame. Da natürlich auch von einer Gehirnerschütterung ausgegangen werden muss, eventuell sogar ein für uns (noch) nicht sichtbares SHT, denken wir, dass die Auffälligkeit davon kommt und wollen schnellstmöglich ins Kranknehaus. Wir machen die Patientin transportfertig und heben sie mit der Schaufeltrage auf die Vakuummatratze. Wir sind damit recht schnell fertig, und erklären dem Stationsbeobachter nur noch, was im RTW auf der Fahrt alles noch gemacht werden würde.
Verbesserungen: 
Auslöser für den Sturz vom Pferd war eigentlich eine Hypoglykämie – Unterzucker. Wir sind nicht drauf gekommen, da die Patientin von selbst wieder zu sich gekommen ist und sie auch beim SAMPLER mit keinem Wort ihr bestehendes Diabetes erwähnt hat. Wir haben dann am Unfallort nicht Blutzucker gemessen, hätten es erst im Fahrzeug gemacht (im Fahrzeug werden immer die restlichen Werte erhoben, wenn am Unfallort entschieden wird, dass wir schnell in den RTW kommen und transportieren wollen). Somit haben wir den Auslöser übersehen und sie wäre uns mit Sicherheit bald wieder bewusstlos geworden, da der Zuckerspiegel ja weiter sinkt.
Fazit:
VERGISS DEN BLUTZUCKER NIE MEHR WIEDER!!! Immer wieder und wieder kommen Übungen, die ein Trauma sind, aber deren Auslöser eine Hypoglykämie sind. Und immer wieder kann so etwas auch im Realeinsatz vorkommen. Ansonsten war die Traumaversorgung, die in diesem Fall trotzdem Vorrang hatte,  nicht schlecht und recht rasch, auch das mit dem Esmarch-Handgriff wurde positiv bewertet. Trotzdem wäre allerspätestens bei der Übergabe im Krankenhaus die Meldung unsererseits nötig geworden, dass die Dame Diabetikerin ist. Und hätten wir im RTW vergessen auch das zu messen, hätten wir diese Info nicht einmal gehabt.

Station 3: „I Just Wanna Live“
Badezimmer
Hier werden als erstes drei Leute eingesetzt, ein RTW-Team. Als nächstes wird während dem Szenario gewechselt, zum Schluss kommt noch ein „Arzt“ (= Stationsbeobachter) + Notfallsanitäter dazu, es sind dann alle fünf im Einsatz.
Szenario: 
An der Wohnungstür erwartet uns eine aufgebrachte Frau, ihrem Mann gehe es nicht gut und jetzt wäre er im Badezimmer. Sie führt uns hin, die drei Sanitäter betreten den Raum. Der Patient liegt auf dem Badezimmerboden, die Füße in der Dusche, keine Reaktion auf Ansprechen.
Das Arbeiten: 
Die Teamleaderin macht den Notfallcheck und stellt fest, dass der Patient nicht atmet. Schnell wird entschieden, dass ein Notarztmittel nachgefordert werden so. Außerdem wird der Patient nach draußen auf den Gang gebracht – im Badezimmer wäre später nicht genug Platz für eine Reanimation, vier Sanitäter und einen Arzt. Das Team startet im ganz normalen BLS (Basic Life Support), Herzdruckmassage, Intubation mit Larynxtubus, Defi (AED über die EKG-Einheit). Während hier gearbeitet wird, wird nach jedem 2-Minuten-Zyklus (in jeder Analysephase) gewechselt, so werden auch die beiden Zuschauenden Teilnehmer nach und nach ausgewechselt mit dem arbeitenden Team, damit jeder einmal HDM machen kann. Dann kommt der Arzt dazu, jetzt sind wir alle fünf Gruppenmitglieder und der Trainer im Einsatz. Hier wird umgeschwenkt zu ALS (Advanced Life Support). Es werden Zugänge gelegt, Infusion angehängt, die Medikamente werden aufgezogen und verabreicht. Die Dosierungen müssen wir wissen, das fragt uns der Trainer auch noch. Zusammen schaffen wir die richtigen Medikamentennamen und -dosierungen: L-Adrenalin pur war sowieso klar, Sedacoron werden 300mg gebraucht, da mussten wir mal ausdiskutieren welche Größe die Ampulle hat und wieviele mg da drin sind. Mit 50mg/ml, also 150mg in der 3ml Ampulle, haben wir dann auch die richtige Antwort gefunden. Nebenbei wird natürlich die Reanimation weitergeführt.
Der Patient hat plötzlich wieder einen eigenen Kreislauf, er beginnt gegen den Tubus zu atmen und jetzt müssen wir die Medikamente und Dosierungen zur Relaxierung wissen. Ich weiß sie leider nicht, ich bin auf einer anderen Dienststelle und wir verwenden andere Medikamente dafür. Die kenne ich natürlich, aber die, die dort am Kursort verwendet werden natürlich nicht.
Verbesserungen: 
Wir haben in dem ganzen Trubel und den Wechseln der Mannschaft ganz vergessen, dass wir die EKG-Einheit vom AED-Modus in den Manuellen Schockmodus schalten, als der Arzt angekommen ist. Ist normalerweise Standard, wir hatten auch alle schon mal so eine Situation im Realeinsatz, haben es alle gemeistert, aber hier eben vergessen. Wurde uns nachgesehen, da durch die ständigen Wechsel wirklich etwas unnötige Verwirrung dabei war. Einzig die Medikamente müssen noch besser gelernt werden, da darf kein Zweifel bestehen, wenn jemand fragt, was Name, Wirkstoff und Dosierung ist.
Fazit: 
Angenehme Station, war schön zu arbeiten, allerdings waren die Wechsel wirklich nicht unbedingt förderlich für den nötigen flow in der ganzen Sache. Aber um das ging es eigentlich ja gar nicht, das Augenmerk lag ja auf der Qualität der Herzdruckmassage und dem Kennen der Medikamente. Also insofern hat’s gepasst.

Station 4: „Born To Be Alive“
Übungs-RTW
Ratet mal, was uns hier erwartet? 😉
Szenario: 
Wir gehen davon aus, dass wir eine Dame ohne Wehen aber mit erfolgtem Blasensprung von zu Hause abholen. Wir sind schon am Weg ins Krankenhaus, ich bin Fahrer, sitze also vorne. Meine beiden Kollegen kümmern sich um die Patientin. Die Trage wurde umgedreht, so dass die Patientin in Fahrtrichtung blickt – so wie es bei Schwangeren gemacht werden muss. Ich sitze am Fahrersitz, plötzlich meldet mein Kollege, ich solle bitte stehen bleiben, den Notarzt anfordern und nach hinten kommen – plötzlich einsetzende Presswehen.
Das Arbeiten:
Hier steigen wir also in das Szenario ein. Schnellstmöglich richten wir uns alle nötigen Materialien für eine Geburt zusammen. Meine beiden Kollegen ziehen die sterilen Handschuhe an und widmen sich der Mutter, ich reiche Ihnen das benötigte Material und bereite auch noch für eine eventuelle Neugeborenen-Rea vor. Den Platz auf dem „Arbeitstisch“ mache ich auch noch frei.
Das Baby ist recht flott geboren, von dem her geht alles problemlos. Aber es zeigt keine Reaktion, also wird es wirklich eine Rea. Platzwechsel – die beiden kommen nach vor um von der Mutter etwas abseits zu stehen wenn sie ihr Baby reanimieren, ich gehe zu ihr und kümmere mich um sie. Die Geburt der Plazenta kommt mir schon mal etwas zu schenll vor und dann weiß ich plötzlich auch warum:  Sie wird jetzt zunehmend blasser und ruhiger. Ich lege sie auf der Trage wieder flach hin, versuche ihre Beine etwas in die Höhe zu bekommen – ich befürchte eine Blutung in der Gebärmutter und einen dadurch entstandenen Volumenmangelschock. Und recht habe ich! Der Trainer sagt mir plötzlich, dass ich jetzt Blut sehe, es tritt schwallartig aus. Also wie gelernt den Handgriff nach Fritsch machen. Jetzt muss der Notarzt schnell sein. Das Neugeborene hat inzwischen schon einen eigenen Kreislauf, ist soweit ersichtlich putzmunter. Und damit wird die Übung abgebrochen.
Verbesserungen:
Der Trainer hatte an uns nichts wirklich auszusetzen! Wir haben eigentlich alles richtig gemacht, vom Gerätemanagement über die Abwicklung der Geburt bis hin zur Rea und dem Handgriff nach Fritsch! Einzig hätten wir ein bisschen flotter arbeiten sollen – das Abnabeln kam etwas zu spät, genauso wie ich zwar wusste, wie der Handgriff nach Fritsch heißt, ihn aber nicht gleich 100%ig korrekt ausführen konnte und mich erst korrigieren musste – auch da geht ein bisschen Zeit verloren.
Fazit: 
Hier hat der Titel schon erahnen lassen, was auf uns zukommt. Dass wir uns allerdings um die Mutter auch noch kümmern müssen, damit hat niemand von uns gerechnet. Trotzdem und auch trotz des Platzmangels im RTW hat für uns alles gut funktioniert und wir waren auch selbst mit uns zufrieden. Bis jetzt die für uns beste Station.

Und jetzt ab zur Mittagspause beziehungsweise zu Teil 2. Der folgt die nächsten Tage, ich will euch hier nicht überanstrengen mit allen 9 Stationen 😉
Fortsetzung: Notfallsanitäter-Kurs – das Ende, Teil 2

Werbeanzeigen

Ein Gedanke zu „Notfallsanitäter-Kurs – das Ende, Teil 1

  1. Pingback: Notfallsanitäter-Kurs – das Ende, Teil 2 | rettungsmaedchen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s