Drücken

Du beginnst zu drücken. Regelmäßig, ca. 100x in der Minute, denkst dir im Kopf ein Lied, das vom Takt her passt. Vielleicht ist es „Stayin‘ Alive“, vielleicht auch ein anderes Lied im selben Rhythmus.
Nur ja nicht rauskommen, der Takt muss passen, es geht um Leben und Tod.
Weiter Drücken.
Und dann spürst und hörst du das Knacken und danach, dass es jetzt leichter geht. Das Drücken fällt dir plötzlich leichter, der Widerstand ist geringer.
Du merkst nur am Rande, was dein Kollege macht, du bleibst im Takt und bist voll darauf konzentriert.
Du drückst und zählst immer wieder bis 30, kurze Pause, weiter.
Neben dir schreit etwas, bewusst nimmst du es nicht wahr, du weißt aber was es war. Weg vom Brustkorb, schnell auf einen Knopf gedrückt, warten was das Gerät sagt. Weiter mit Drücken.
Dann wieder die Pause, du musst nochmal den Knopf drücken – der reglose Körper vor dir zuckt einmal kurz. Und wieder Drücken.

Die Menschen um dich werden mehr. Alle arbeiten.
Für einen Fremden mag es aussehen, als ob alle in Hektik irgendetwas machen würden.
Doch alles hier hat sein System. Jeder Handgriff sitzt. Jeder macht, was getan werden muss. Jeder kennt seine Aufgabe in dieser Situation.
Und immer noch drückst du. Dreißig Mal, dann die kurze Pause.
Du hörst nebenbei, was die anderen sagen, doch immer noch konzentrierst du dich nur auf’s Drücken.
Die Zeit fliegt an dir vorbei, du arbeitest wie in Trance. Du drückst und drückst und drückst.
Wenn du abgelöst wirst, gibt es sofort etwas anderes zu tun. Warten gibt es hier nicht. Du arbeitest weiter.

Auch jetzt machst du alles noch im Takt. Es ist wie ein Lied. Ein trauriges Lied, ohne Melodie. Ein Rhythmus, der den Tod bekämpft. Welches Lied gewinnt?

Wie die Sache auch endet – du gibst dein Bestes, versuchst alles. Danach weißt du, du hast alles richtig gemacht.
Doch manchmal ist es einfach zu spät. Manchmal ist auch das Beste nicht mehr gut genug. Manchmal gewinnt der Tod.
Du erinnerst dich jetzt an alles, das Gesagte, was die anderen getan haben. All das, was vorher so schnell an dir vorbei gezogen ist, ist dir plötzlich voll bewusst.

Immer noch spürst du den Knacks auf deiner Handfläche, als die Rippen brechen.
Du hörst den Sauerstoff zischen, den Defibrillator Anweisungen geben, das EKG piepen.
Du siehst das Chaos, überall liegen aufgebrochene Medikamente, Verpackungen.
Und du siehst die Trauer. Wie die Angehörigen weinen.
Und du weißt, du hast alles getan.

Manchmal ist es einfach zu spät. Manchmal ist auch das Beste nicht mehr gut genug. Manchmal gewinnt eben der Tod…

3 Gedanken zu „Drücken

    • Schön, dass dir mein Blog gefällt! Und danke 🙂

      Ja, über den RD bei uns bzw. das System RS, NFS und Notfallkompetenzen hab ich einen ziemlich ausführlichen Artikel in Vorbereitung, nur fehlt mir derzeit die Zeit um ihn fertig zu stellen. Aber ich werde dich nicht enttäuschen – der Beitrag kommt bestimmt noch! 🙂

      Deinen Blog muss ich übrigens auch noch schnell loben! War wirklich sehr inspirierend und ist einer meiner Lieblingsblogs!

      Gefällt 1 Person

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