„Schwere“ Einsätze

Manchmal haben wir es im Rettungsdienst mit schwereren Fällen zu tun. Was meine ich damit? Naja, einerseits kann ein Einsatz einen schwer mitnehmen, belastend sein für dein Geist. Andererseits gibt es aber auch die Einsätze, die uns körperlich, vor allem unsere Gelenke belasten – in diesem Fall sind unsere Patienten die schweren Fälle und nicht das Geschehen.

Vor kurzem hatte ich wieder mit einer solchen Patientin zu tun:

Es ist Freitagabend und ich mache mit „meinem“ Azubi Dienst auf einer anderen Dienststelle. Hier ist es meist sehr ruhig, deswegen erwarten wir einen „Nuller“ (eine Schicht ohne eine einzige Fahrt). Wir checken unseren RTW aufs gründlichste, Azubiene soll ja auch lernen wo genau was liegt. Das kann schon mal ein bisschen dauern, also vertrödeln wir hier schon mal ganz schön Zeit. Danach geht’s auf ein Zigarettchen in die „Räucherkammer“ und dann pflanzen wir uns auf die Couch. Alles wie erwartet bis jetzt.

Und dann piepst das Ding. Es soll in den Nachbarort zu einer Dame gehen, die vor einigen Stunden gestürzt ist und sich jetzt nicht mehr bewegen kann. Also auf zum RTW und ab geht’s.

Die meisten Sanis schauen schon bei der Ankunft an der Einsatzstelle, wie der Weg zum Patienten beschaffen ist. Steile Treppen, enge Stiegenhäuser, steht etwas im Weg, ist die Außenstiege vereist,…? Komme ich mit der Trage durch alle Gänge und um alle Ecken? Auch ich mache mir hier wieder mal Gedanken beim Hinaufgehen zum Haus.

Meine Gedanken bei diesem Einsatz: die Treppen sind nicht steil und breit genug, durch die Tür kommen wir auch. Geht mit Trage oder auch Tragesessel.

Am Einsatzort angekommen lassen wir uns vom Ehemann zu der Dame führen. Und in genau dem Moment, in dem ich die Patientin sehen, überdenke ich das eben Gedachte mit dem Transportweg zum RTW nochmal: Vor mir liegt eine gut 170kg schwere Dame, die Schmerzen im Rücken hat und sich nicht mehr bewegen kann. Zusätzlich hat sie von einer anderen Verletzung noch einen bis zur Schulter hin eingegipsten Arm.

Ich untersuche die Patientin kurz, stelle fest, dass vermutlich nichts gebrochen sonder nur geprellt ist und entdecke auch noch ein beginnendes Hämatom an dieser Stelle. Wir überdenken nun unseren Transportweg und entscheiden, dass es mit Trage nicht funktioniert. Die Patientin meint, sie hält es aus, wenn wir sie im Sessel nach unten bringen und dann auf die Trage legen – gut, so wird’s gemacht. Ich schicke also Azubiene und Fahrer los um alles vorzubereiten.

Das Gewicht der Patienten spielt in vielen Fällen eine große Rolle bei der Transportart zum RTW.
– Ist die Person wirklich so schwer, dass es ein Team alleine nicht schafft?
– Sind die alle Gänge breit genug um bei schweren Patienten mit mehreren Leuten durch zu kommen?
– Kann man statt der Trage evtl. das Rettungstuch benutzen (Achtung beim Gewicht)?
– Halten unsere Tragen und Tragesessel dieses Gewicht aus?

Jetzt muss ich wirklich Arbeiten, denn in dem Schlafzimmer ist eigentlich nur mehr Platz für mich, die Patientin und den Tragstuhl. Die anderen beiden kommen nicht mal mehr in meine Nähe.

Schritt 1: Setze die Patientin auf.
Schritt 2: Stehe mit der Patientin auf.
Schritt 3: Drehe die Patientin Richtung Stuhl.
Schritt 4: Setze die Patientin hin.
Schritt 5: Trage die Patientin die Treppe runter.
Schritt 6: Stehe mit der Patientin auf.
Schritt 7: Drehe die Patientin Richtung Trage.
Schritt 8: Setze die Patientin hin.
Schritt 9: Hilf der Patientin beim Hinlegen.
Schritt 10: Hebe die Trage an.
Schritt 11: Schieb die Trage in den RTW

Im Krankenhaus angekommen war dann alles nicht mehr so schlimm. Für solche Fälle liegt dort ein Rollbrett bereit, mit dem wir Patienten schonend und schnell von einer Liege auf die Nächste „rollen“ können. (ja ich weiß, das war jetzt irgendwie unpassend, aber es ist genau so!)

Es ist kein einziges Fahrzeug weit und breit frei, wir rauchen noch schnell eine und weil wir so gnädig sind, warten wir auch noch auf das Röntgenbild – ob wir die Dame also wieder heimbringen sollen oder nicht.

Es kommt wie es kommen muss, nach 10 Minuten dürfen wir wieder rein in das Fotostudio mit dem Namen „Röntgenkammer“ und die Patientin wird wieder auf unsere Trage gelegt.

Ab nach Hause. Dort wiederholen sich die Schritte 1-11 in umgekehrter Reihenfolge. Nur ein Problem haben wir: Aufgrund der Schwerkraft sind die Treppen nach oben immer anstrengender als nach unten. Autsch…

Und wieder bin übrigens ich diejenige, die der Patientin beim Umsetzen helfen darf/muss – Azubiene hat nicht so viel Kraft (oder besser: Schwungmasse) wie ich und der Herr Kollege Fahrer meint, ich hätte das vorher so gut gemeistert, ich sollte das jetzt doch wieder so schön machen…

Am nächsten Tag werde ich es bereuen, das weiß ich.
(Und genau so kam es dann auch – ich fühlte mich wie nach 50km Berglauf ohne Training, Muskelkater ohne Ende)

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