Vom Sani zum Installateur zum Psychologen in einer Nacht – Teil 2

#2: verwirrte Person

Ich will gerade schlafen gehen. Das Bett ist gemacht, ich liege schon schön unter der waren Decke und stelle mir den Wecker. Am nächsten Tag soll ich ja um 8 in der Arbeit sein…
Ich lege gerade das Handy weg und mache die Augen zu, als das Ding anfängt meinen Alarmton zu spielen – im nächsten Moment höre ich auch schon den Pager piepen

Einsatz um 23.36 Uhr, ein A-Code, nichts Tragisches und gleich um die Ecke. Darf ohne Blaulicht gefahren werden. Der Text verrät uns, dass wir zu einer 91-jährigen Dame fahren, die angeblich sehr verwirrt ist. Na kann ja schon mal vorkommen in dem Alter, aber wir schauen uns das an.
Die Leitstelle ruft am Fahrzeughandy an, mein Sani meldet sich und bekommt die Info, dass wir bitte beim Nachbarn läuten sollen. Gesagt, getan und schon stehen wir in der Wohnung der alten Dame und ein recht verschlafener Herr Nachbar erklärt uns die Situation: „Die Frau Doktor ist normalerweise blitzgscheid, aber die letzten Tage schon sehr verwirrt. Außerdem is sie die letzten Tage schon a paar Mal hingefallen.“ Ob es denn Angehörige in der Nähe gäbe oder einen Pflegedienst, der sich um die Frau kümmert, möchte unser Fahrer wissen. „Die hat überall Fotos, aber von den Leuten da drauf hab ich noch nie jemanden gesehen. Aber der Pflegedienst kommt oft vorbei“, so die Antwort. Dann verabschiedet sich der Herr Nachbar wieder, er geht schlafen und wenn wir unbedingt noch was von ihm brauchen, sollen wir anläuten.

Während diesem Gespräch zwischen dem Nachbarn und Fahrer sind Sani und ich schon bei der Patientin. Die steht im Raum, Sani geht auf sie zu und spricht mit ihr.
Die Dame will von Anfang an nicht von uns untersucht werden, aber sie will wissen wie ihr Ofen funktioniert weil ihr kalt ist und sie das einstellen will – der Ofen ist heiß, steht auf höchster Stufe, es liegt Papier und Stoff auf der brennheißen Keramikplatte obendrauf. Sani erklärt ihr in aller Ruhe das Rädchen, an dem man die Heizstufen einstellen kann. Einmal, zweimal,…fünfmal. Nebenher lege ich mir die Diagnostikmittel zurecht und warte, bis der Sani mir sagt was er haben will. Temperatur, Zucker, Blutdruck, Sauerstoffmessung.

Wir sind jetzt ca. 10 Minuten bei der Dame, als wir beschließen, dass alle Werte normal sind. Die Werte, ja die schon, aber was sie die ganze Zeit geredet hat kommt uns schon spanisch vor. Der Fahrer sucht in der Zwischenzeit Pflegemappen und Arztbriefe, findet auch einiges aus der Notfallambulanz und vom Internisten. Jetzt geht er auf die Patientin zu. „Frau XY, Sie müssen bitte mit uns ins Krankenhaus kommen, Ihnen geht es nicht gut!“ „Warum Krankenhaus, mir geht es gut, ich will nur wissen, wie das mit der Heizung funktioniert.“ „Frau XY, das hat der Kollege Ihnen jetzt fünf Mal erklärt und gezeigt, Sie fragen immer wieder nach weil Sie es sich nicht merken können.“
So geht das Spiel weiter, weil wir jetzt auch beschlossen haben, dass Frau XY aufgrund Ihrer Befunde dringend ins Krankenhaus gehört, aber wegen ihrer Verwirrtheit nicht Reversfähig ist (wir finden also, dass ihr Geisteszustand nicht normal ist und sie deshalb nicht selbst bestimmen kann, ob sie mit uns mitkommt oder nicht). Die Nieren, das Herz, das Hirn – überall hat sie ein bisschen was, die plötzliche Verwirrtheit könnte ein Anzeichen für akute Verschlechterung sein.

Wir dürfen sie aber auch nicht zwingen mitzukommen –> Zwickmühle!!! Also was tun?
Die Patientin ist nicht Notarztpflichtig, deswegen jetzt die Kollegen aufwecken und den einzigen NAW weit und breit blockieren – neeee.
Die Polizei wär für diese Dame wohl auch zu viel. Und auch die Polizei zwingt so eine alte Dame nicht gern zu etwas.
Also rufen wir um ca. 00:30 Uhr einen Praktiker an, vielleicht kann der ja die alte Frau überreden mitzukommen. Unser Fahrer telefoniert kurz mit der Leitstelle, fordert den Arzt an. Nach kurzem Warten kommt die Rückmeldung: der Herr Doktor ist in ca. 10 Minuten da.

Stimmt auch so, er findet uns recht schnell und schon stehen wir also zu viert in der Wohnung und der Herr Doktor schaut sich auch nochmal die Befunde an.
Mein Sani hat immer noch eine Engelsgeduld mit der Patientin, er erklärt ihr nun zum 15. Mal die Heizung und hat dabei die Ruhe weg. Zwischendurch, in den Momenten in denen die Dame mal etwas ruhiger ist, versuche ich immer und immer wieder ihr zu erklären, dass sie krank ist und Hilfe braucht. Aber sie meint immer wieder sie brauche nichts außer jemand, der ihr die Heizung erklärt.
Der Fahrer hat mit dem Herrn Doktor nun alles besprochen, sie haben uns beim diskutieren kurz zugehört und nun redet der junge Arzt mit der Frau.
Auch der hat erstmal keinen Erfolg, die Dame springt wieder auf und will wieder ins andere Zimmer. Sie zögert aber und zum ersten Mal heute hört sie zu, als der Doktor ihr erklärt wie ernst die Lage wirklich sein könnte. Jetzt schaffen mein Sani und ich es auch, den Tragstuhl hinter sie zu stellen und sie setzt sich auch wirklich darauf.

Wir haben die Dame auf unserem Tragstuhl sitzen, der Herr Doktor redet nochmal mit ihr und siehe da – plötzlich will sie auch mitkommen! Verwundert schauen wir uns an, unser Fahrer verdreht die Augen und ich schieb den Sessel zur Tür hinaus.
Beim Anblick der Treppen wird mir nochmal kurz übel – altes Haus, alte Steintreppen mit schmalen Stufen – aber wir sind geübt und auch auf solche Treppenhäuser „geschult“. In null kommagarnichts sind wir bei unserem Auto und machen uns auch schon auf den weg in Richtung Notaufnahme.
Während der Fahrt meint die Dame immer wieder sie müsse nochmal kurz aussteigen, sie hätte etwas in der Wohnung oben vergessen. Dass wir schon gute fünf Minuten fahren hat sie wohl noch nicht mitbekommen.

In der Notfallambulanz melden wir sie an, warten vor der Triage (Erstuntersuchung) noch kurz mit ihr und machen eine flotte Übergabe. Jetzt haben wir uns wirklich eine Zigarette verdient, wir haben nämlich mehr als zwei Stunden bei der Patientin verbracht.

Um 2 Uhr nachts – nach zweieinhalb Stunden – liegen wir ENDLICH wieder in unseren Bettchen. Bevor ich einschlafe, frage ich mich noch, wieso eigentlich immer ich auf der Gastdienststelle die komischen Einsätze abkriege.
Der Pager bleibt aber dann ruhig und wir können die verbliebenen Stunden schlafen.

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Vom Sani zum Installateur zum Psychologen in einer Nacht – Teil 1

#1: Tabletten genommen, sieht nichts mehr

Alarmierung zu Überdosis – Tablette und Alkohol genommen, sieht nichts mehr

Nachtdienst in der Gastdienststelle, ich fahre mit zwei ganz lieben Kollegen, ich bin als Dritte am Auto dabei. Seit 19 Uhr sind wir im Dienst, wir hatten noch nichts zu tun und warten eigentlich nur auf den obligatorischen Einsatz, der immer vorm Schlafen gehen kommt.
Es dauert und dauert, ich bin eigentlich eh schon ziemlich müde und überlege gerade, ob ich das Bett schon mal überziehen soll, da melden sich gerade mein Handy und der Pager.
Soso, zur Polizei am Bahnhofsplatz also, einen Alki der Tabletten genommen hat holen.
Wir gehen ja prinzipiell ohne Vorurteile in den Einsatz, aber bei solchen Alarmierungen denken wir immer wieder an unsere „Stammgäste“.

Es sollte aber keiner von diesen sein, ein uns Unbekannter wird uns von der Polizei übergeben. Wir sind noch nicht mal aus dem RTW draußen, da bringen sie ihn uns schon her.
Ja, getrunken hat er, man riecht es.
Die Freunde in der blauen Uniform erklären uns kurz, dass der Patient am Bahnhofsplatz herumgeirrt und immer wieder gegen Laternen und Mistkübel gelaufen sei, besagter Patient mischt sich ein und meint das wäre doch nur, weil er nichts sieht, kommt auf keinen Fall vom Alkohol.

Gut, ohne Blaulicht und ohne Polizei in die Notfallambulanz, einsteigen kann der Herr auch allein. Immerhin sieht er offensichtlich genug, er ist nur ein bisschen wackelig auf den Beinen. Auf der fünfminütigen Fahrt erfahren mein Sani und ich so ungefähr die ganze Lebensgeschichte des Herrn – vor kurzem war er auf Alkoholentzug, muss aber aufgrund seiner Depressionen und der Selbstmordgefahr starke Medikamente nehmen und sagt, dass er die ohne Alkohol nicht mehr runterbekommt.

Die Patienten sind mir ja die allerliebsten, vor allem wenn sie sich dann noch über Frauen beschweren und ihre Aussagen so verallgemeinern wie unser lieber Herr das so gern und lautstark gemacht hat. Hallo? Du beschwerst dich bei mir, offensichtlich eine Frau, über die ach so bösen Frauen auf dieser Welt?
Ganz angenehm wird es, wenn sie dann den Abstand zu dir nicht mehr abschätzen können und immer näher und näher kommen – den Geruch bekomme ich sicher heute nicht mehr aus der Nase denke ich mir so.

Unendlich lang müssen wir warten bis wir mit ihm endlich in die Notaufnahme rein dürfen – und danach erst mal die wohlverdiente Zigarette – vielleicht bekomm ich ja so den ekligen Geruch aus der Nase…