Warum immer so?

Warum sind eigentlich alle Alarmierungen mit dem Stichwort „Krampfanfall“ bei mir im Endeffekt immer Hirnblutungen? Ich hab bis jetzt noch immer keinen entzugsbedingten Krampf oder einen Epileptiker gesehen – dafür aber schon viiiiele Hirnblutungskrämpfe. Komischerweise passiert das auch immer nur wenn ein gewisser Arzt bei uns am NEF Dienst hat…
Sollte mir das zu denken geben?

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2 Uhr nachts…

…geht plötzlich der Alarm los.
Es ist einer meiner Ausbildungsdienste am NEF – es ist der letzte Einsatz, der mir für das Ausbildungsheft noch fehlt. Dann hätte ich zumindest das mal geschafft, brauche ich nur noch die Stunden fertig bekommen.
Wir fahren reanimieren. Der Alarmierungstext verrät uns, dass ein 49-jähriger Herr im Nachbarort umgekippt ist, anscheinend ist er „blau im Gesicht“.

Ich kenne die Siedlung, ich wohne im gleichen Ort. Der Name des Herrn ist bei uns relativ häufig, ich kenne zwar etliche Menschen mit dem Nachnamen, aber ich wage es nicht zu raten, zu wem wir fahren.
Der RTW ist schon vor Ort, wir werden von einem Jugendlichen durch das Haus in das Schlafzimmer gelotst. Als ich als Erste von unserem Team ins Haus gehe muss ich kurz mal nach Luft schnappen – da sitzt weinend eine Bekannte von mir auf der Treppe, sie war mit mir in der Schule. Wir reanimieren also wie es aussieht einen Verwandten von ihr.
Sie erkennt mich, freut sich direkt mich zu sehen und bettelt mich an ihrem Papa zu helfen. Mehr als ihr zu versprechen alles zu tun was uns möglich ist kann ich jetzt aber leider gerade nicht für sie tun.

Es ist im Prinzip eine Reanimation wie jede andere auch. Wir haben zwar sehr wenig Platz und müssen vom Schlafzimmer ins Bad arbeiten mit dem Material, sitzen fast in der Dusche um den Herrn zu reanimieren und der Doc kommt von seinem Platz am Kopf auch nicht mehr wirklich gut weg, aber es ist trotzdem das selbe Schema wie bei den Übungen und Trainings und den anderen Reanimationen. Für mich gibt es als einzige einen Unterschied: ich kenne den Mann, für den ich gerade die Intubation vorbereite…

Wir reanimieren lange, sehr lange. Wir geben Metalyse – ein Medikament zur Thrombolyse, Wirkstoff Tenecteplase. Kapnometrie ist in Ordnung, anfangs haben wir noch einen schockbaren Rhythmus, der wird aber leider recht bald zur Asystolie.
Zwischendurch, als alles läuft, die Medikamente alle aufgezogen sind, die Intubation geglückt ist, werde ich nach draußen geschickt, Patientengeschichte erheben. Ich werde geschickt, weil die anderen mitbekommen haben, dass die Tochter mich kennt, sie vermuten, dass ich mir leichter tue beim Reden bzw. dass es der Familie leichter fällt mit mir zu reden. Wir müssen aufhören – der Patient hat zu lange keinen eigenen Kreislauf, wir haben zu lange schon keinen schockbaren Rhythmus. Das Übliche: ein bisschen zusammenräumen während der Arzt die Todesnachricht überbringt.

Ich kann nicht mehr, ich bin fertig – die erste Reanimation bei der ich den Patienten kannte. Und dann auch noch so kurz vor seinem 50. Geburtstag, sie waren gerade beim planen seiner Geburtstagsfeier.
Ich bin ehrlich gesagt froh, dass ich von der Familie niemanden sehe als ich raus zum NEF gehe. Ich könnte meiner ehemaligen Schulkollegin glaube ich gerade nicht in die Augen schauen.

Es war eine tolle Zusammenarbeit mit NEF und RTW, da sind wir uns bei der Nachbesprechung sicher. Der RTW verlässt uns auf seine Wache, wir reden bei der Heimfahrt und – obwohl mitten in der Nacht – redet mein NFS auch auf der Wache noch mit mir. Bis ins kleinste Detail gehen wir die Reanimation nochmal durch. Großes Lob an alle Beteiligten, er versteht aber auch, dass es mir besch…eiden geht gerade.
Am nächsten Tag geht es mir besser, nach ein paar Tagen kann ich ihr schreiben und mein Beileid ausdrücken. Sie bedankt sich oft bei mir, obwohl ich es auch verstehen würde, wenn momentan nicht mit mir reden möchte.

Einem Kollegen einer anderen Rettungsdienst-Organisation erzähle ich davon, obwohl wir noch nicht lange befreundet sind und es bei uns eher eine sehr lockere Freundschaft ist, will ich unbedingt ihm davon erzählen und nicht den Kollegen meiner Wache. Vielleicht um den nötigen Abstand zu wahren. Keine Ahnung. Aber es ist toll, in der Situation in der ich ihm das erzähle ist es plötzlich, als wären wir schon sehr lange befreundet. Ich fühle mich geborgen und der Moment zeigt mir, dass wir wirklich keine Konkurrenten sind, dass auch die verschiedenen Organisationen zusammenhalten und füreinander da sind, auch wenn es nur Kleinigkeiten betrifft. 

So leid es mir auch tut das sagen zu müssen: Der Einsatz, diese Reanimation hat mich so viele Dinge gelehrt. Nicht unbedingt fachlich, Reanimation nach Standardschema eben, aber persönlich habe ich viel daraus gelernt – und bin daran gewachsen…

Tragisch…

…sind Unfälle mit Todesfolge eigentlich sowieso immer.
…ist es besonders, wenn die Familienangehörigen dabei sind.
…ist es noch mehr, wenn es einen so jungen Menschen erwischt. 

Mitten in der Nacht, Fahrzeug liegt auf Person – ich wollte eigentlich gerade schlafen gehen, aber der Melder schreit mich gnadenlos an.
Klingt nicht angenehm, schnell sein heißt es jetzt. Tja, schnell? Naja, so schnell es halt den Berg hinauf geht, im Dunkeln.

Danke liebe Einweiser, die Taschenlampen waren eine absolut tolle Idee! An jeder stockfinsteren Kreuzung jemanden mit Licht sichtbar hinstellen – in dieser Stress-Situation auf diese Idee kommen – Hut ab meine Lieben, erleben wir tatsächlich nicht oft!

Es ist dunkel, man kann ein paar Maschinen im Feld erkennen, Menschen sind dort auch. Und sie reanimieren. Jemand schreit.
Näher gekommen (autsch – Brennnesseln!) sieht man Gesichter, irgendetwas dunkles ist darin verschmiert. Blut? Motoröl…
Wir übernehmen die Reanimation, das NEF kommt sehr bald nach uns schon an und hilft auch.
Irgendwie weg mit den Angehörigen, sie blockieren uns, sind wirklich sehr verzweifelt. Ok, wenn da ein knapp 30-Jähriger reanimiert wird… Die Feuerwehr übernimmt das, sie kümmern sich wirklich gut um die Familie, halten sie auch von uns weg und bringen sie ein Stück weit weg, so dass sie nicht mehr zusehen können.

Der Monitor zeigt uns durchgehend einen Patienten ohne Herzrhythmus – Asystolie. Die Pupillen reagieren auf Licht gar nicht, sind ganz weit.
Es gibt keine Hoffnung mehr, es geht einfach nicht. Zu schwere Verletzungen – Brustkorb, Schädelbasis, … wir können nicht reinschauen in den Burschen, können im Dunkeln mit Sicherheit nicht alles erkennen. Aber was zu erkennen ist, spricht nicht für ein Überleben…

Es war meine erste Trauma-Reanimation. Damals ging es mir erstaunlich gut danach, ich dachte bei sowas hat man vielleicht etwas mehr zu verarbeiten. Aber ich hatte im ersten Moment kaum Zeit darüber nachzudenken – Fahrzeug putzen, Material nachfüllen, Protokoll schreiben (langes Protokoll!), …
Erst dann hatten mein Fahrer und ich endlich die Zeit, wirklich darüber zu reden. Also nicht über Protokoll-relevante Dinge, sondern wie es uns gegangen ist. Der werte Herr Kollege ist schon etwas erfahrener als ich, hat schon schlimmere Sachen gesehen. Aber er ist der Meinung, dass wir alles absolut richtig gemacht haben. Wir haben getan, was wir konnten, mehr war wirklich nicht möglich. Und auch der Arzt und der NEF-Fahrer waren mit dem Einsatzablauf voll zufrieden.

Schön zu wissen, dass man wirklich alles getan hat, was möglich war. Blöd nur, dass selbst das Beste manchmal nicht gut genug ist….

 

Wenn’s mal so richtig…

Ja, wenn’s mal so richtig zugeht, dann putzt du innerhalb von zwei Stunden zwei RTWs einmal komplett durch – mit Hochdruckreiniger, Wischmop in Desinfektionslösung, alle Einzelteile mit Desinfektionsmittel und Wischtuch, alles was man in Wasser tauchen kann, ohne dass es kaputt wird noch dazu eingelegt in die Desi-Lösung. Und was da alles an Müll anfällt bei so manchen Einsätzen!

Schreibe ich jetzt natürlich nicht grundlos – wir hatten gerade auf zwei RTWs meiner Dienststelle jeweils einen ziemlich „schmutzigen“ Einsatz, es waren allerlei Körperflüssigkeiten beteiligt und in allen möglichen (und unmöglichen!) Winken verteilt, deshalb war so intensives Putzen nötig. Ich bin nur froh, dass heute viele nette Menschen Dienst haben, die alle schön zusammen helfen wenn’s drauf ankommt. So macht Putzen sogar Spaß! =)

Jetzt bin ich aber müde, ich glaub ich hau mich dann auf’s Ohr – und ich hoffe, dass der Leitstellengott heute gnädig ist und unsere Pager nicht mehr das Lied der Schlaflosigkeit spielen lässt. 😉

Notfallsanitäter

So, jetzt ist es so weit… Vorerst ist es mal vorbei mit Lernen und Üben, ich darf mich jetzt endlich Notfallsanitäter nennen und darf ein bisschen mehr als vorher 😉

In Österreich ist der Notfallsanitäter ja ganz anders als in Deutschland. Bei uns geht es in der Ausbildung, die man als Freiwilliger gut noch neben dem Job absolvieren kann, ja hauptsächlich darum, mehr Wissen zu erlangen, um dem Notarzt schnell und gut assistieren zu können. Dafür ist vor allem die Pharmakologie, also die Arzneimittellehre wichtig. Wenn ein Arzt sagt, er will dieses oder jenes Medikament, muss ich wissen, was das ist, wie man es ordentlich vorbereitet und wie man es verabreicht (Verdünnung, wieviel zieh ich in die Spritze auf, wenn mir Wirkstoffnamen gesagt werden muss ich den Handelsnamen in unserem Ampullarium kennen und so weiter). Außerdem wird in Anatomie und Krankheitslehre vertiefend unterrichtet, man kann als NFS also eher Differentialdiagnosen stellen und mit Arztbriefen besser umgehen als als RS. Dadurch ist die Versorgung natürlich oft idealer bzw. die Übergabe im Krankenhaus detaillierter und es  kann somit dort in weiterer Folge Zeit gespart werden bei der weiteren Anamnese und Behandlung. Generell ist mit dem Wissen oft der Zugang zu manchen Einsätzen gleich ein ganz anderer, man bereitet sich schon auf der Anfahrt gedanklich ganz anders vor, Algorithmen, die vorher nicht da waren, geistern einem dann im Kopf herum und die Antwortmöglichkeiten zur Frage „Was erwartet mich dort wirklich?“ sind gleich mal etwas andere als vorher. 

Ich würde nicht sagen, dass ich vor der Ausbildung ein guter oder schlechter Rettungssanitäter war, ich sage jetzt auch nicht, dass ich ein guter oder schlechter Notfallsanitäter bin, aber durch das zusätzliche Wissen fällt doch einiges leichter.

Ich darf also jetzt den Notarzt als NEF-Fahrer begleiten und wenn ich mal ohne den am RTW unterwegs bin auch selbst ein paar Medikamente geben. Jetzt genieße ich erstmal die lernfreie Zeit, nächstes Jahr geht’s dann wahrscheinlich eine Stufe höher in der Führungskräfte-Ausbildung.
(Ja, ich weiß, ich bin das Rettungsmädchen und habe hier nicht einmal gegendert. Ich finde es nämlich schrecklich, dauernd lesen zu müssen „die Notfallsanitäterin/der Notfallsanitäter hat in diesem Fall dieses und jenes zu tun“ oder „die Ärztinnen und Ärzte kämpften um das Leben des…“ Hier wird nicht gegendert und das ist gut so!)

Wenn Helfer Hilfe brauchen

Immer wieder kommt es vor. Auch wir Helfer können eben nicht alles einfach so wegstecken…

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Ein Verkehrsunfall auf der Autobahn. Der Kleinbus ist voll besetzt, 130 km/h sind hier erlaubt. Es ist nicht viel los auf der Straße, schwacher Morgenverkehr an einem Samstag. Die Fahrzeuge nach dem Kleinbus sehen nur noch, wie er fliegt – ein Knall, dann Ruhe. So schnell kann man gar nicht reagieren, schon gar nicht mit 130 km/h auf der Autobahn. Der Kopf sagt „Scheiße! Stopp!“, bis das aber beim richtigen Bein angekommen ist und dieses mit Hilfe des Bremspedals das Fahrzeug gestoppt hat (unter Rücksichtnahme auf die hinteren Fahrzeuge, man braucht jetzt nicht noch einen Auffahrunfall) dauert es ein bisschen – ein bisschen zu lange, man ist am Unfallort schon vorbei gefahren, steht ein paar Meter dahinter jetzt am Straßenrand. NOTRUF! Irgendjemand wählt, es kommen Feuerwehr, Polizei, Autobahnmeisterei, allerlei Rettungsorganisationen und sogar die Hubschrauber. Wenn’s auf der Autobahn knallt, dann ist mehr meistens besser. Tja, später kommen auch noch Bestatter dazu – gleich mehrere. Hier ist wirklich was passiert.
Sowas hat man noch nicht gesehen, nicht in dieser Gegend. Weder die Feuerwehr, noch die Polizei und auch die Rettung nicht. Zu heftig war dieser Unfall, zu viele Todesopfer, zu viele schwere Verletzungen hat man gesehen. Auch Kinder waren dabei.
Alles abarbeiten, mehr oder weniger direkt geht es danach zum psychologischen Dienst…

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Eine kleine Stadt, hier kennt einfach irgendwie jeder jeden in der Nachbarschaft. Heute ist Gartentag, Papa mäht den Rasen, Mama pflanzt neue Blumen in die Beete und der kleine Sebastian spielt auf seiner Decke – Mama hat ihn gut im Blick, er kann ja jetzt schon krabbeln, da muss man aufpassen. Mama geht nur kurz den Wasserkrug neu auffüllen, Papa ist mit dem Rasenmäher gerade vor dem Haus – die dreißig Sekunden kann der Sebastian ja nicht weit kommen. Drinnen läutet gerade das Telefon, Mama geht ran. Zweihundertvierundsiebzig Sekunden später hören die Nachbarn den Krug auf dem Boden zerschellen, ein Schrei, dann lautes Weinen. Die Nachbarin sieht über den Zaun, sie erkennt was hier los ist und ruft sofort die Rettung. Daniel ist Sanitäter und kennt die Wohngegend, er hat selbst mal dort gewohnt und glaubt auch die Adresse zu kennen. „Kind ertrunken – möglicherweise Atem-Kreislauf-Stillstand“ Scheiße!
Man gibt sich ja immer Mühe einen Menschen zu retten, aber bei Kindern gibt man statt 110% dann eben 150%. Alles menschenmögliche wird versucht, noch mehr sogar. Aber es ist zu spät. Sebastian war zu lange unter Wasser – drei Minuten und genug Wasser können also wirklich tödlich sein.
Daniel hat mal genau über Mama und Papa gewohnt, er hat Mama auch mit Wehen ins Krankenhaus gebracht. Auf der Wache wartet schon ein guter Freund, der auch psychologischen Dienst macht, er hat durch Zufall alles mitbekommen und möchte mal mit Daniel reden.

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Zwei Feuerwehren sind zur Einsatzstelle alarmiert. Ein PKW ist von der Straße abgekommen und gegen einen Baum geknallt. Der Rettungsdienst aus dem Nebenort ist schon da, die Polizei ebenfalls. Ein Polizist kommt dem Einsatzleiter der Feuerwehr entgegen, sie dürfen nicht zum Unfallfahrzeug, sie sollen mal die Verkehrsregelung übernehmen. 
Ohne Feuerwehr geht so ein Verkehrsunfall aber leider nicht, es muss früher oder später jemand hin. Als der Einsatzleiter sich das Fahrzeug anschauen darf, stehen die Sanitäter direkt hinter ihm. Ein Körper ist mit einer Decke verhüllt, der Feuerwehrmann erkennt aber den Wagen – es ist sein Sohn, der schon vor ihm von der Feuerwehrübung nach Hause gefahren ist. Die Polizei hat bereits einen Psychologen ins Feuerwehrhaus bestellt.

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Unfall mit einem Rettungsfahrzeug. Fast täglich liest man in irgendeiner Zeitung davon. Wir sind alle immer betroffen, auch wenn man diese Wache nicht gekannt hat, es sind doch irgendwie die Kollegen. Heute sind wir sogar geschockt – der Unfall war so tragisch, dass der Fahrer des RTW noch am Unfallort verstorben ist. Ausgerechnet im eigenen Einsatzgebiet. Seine Kollegen, mit denen er noch vor eineinhalb Stunden beim Frühstück gesessen ist, stehen jetzt neben ihm, neben dem Körper unter dem weißen Tuch. Der Chef der Wache ruft gerade beim Psychosozialen Dienst an.

So oder so ähnlich kann es ablaufen. So oder so ähnlich läuft es tagtäglich ab. Egal ob Rettung, Feuerwehr, Polizei – in den Einsatzorganisationen kann man in der Stadt und am Land gleichermaßen mit den schrecklichsten Szenarien in Berührung kommen. Der Papa hat sich erhängt, direkt neben dem Kinderzimmer. Eine Schlägerei, die zur Schießerei wird und bei der eine unbeteiligte junge Frau sterben muss. Eine Amokfahrt. Einfach ein tragischer Unfall…

Auch ich wurde vor Kurzem gefragt, ob ich nach diesem einen Wochenenddienst eine Betreuung haben möchte. Es war tatsächlich mein bisher schlimmster Einsatz (Arbeitsunfall mit Todesfolge, aufgelöste Familie, schwieriges Rundherum), die restlichen Einsätze waren zwar eher so die „Standard-Arbeiten“ die wir zu machen haben, aber es war doch viel zu tun. Das Unfallopfer war jung, im Dunkeln waren aber keine allzu tragischen Verletzungen zu erkennen. Ich habe lange mit den Kollegen gesprochen, die mit bei diesem Einsatz waren, alles Profis mit denen ich ungeniert und offen reden kann und alle schon länger dabei als ich. Professionelle Hilfe hab ich daher ruhigen Gewissens ablehnen können. Aber wenn es ein generell sehr junges Team ist… Oder die Kommunikation nicht passt… Oder auch die „alten Hasen“ mit der Situation  nicht ganz so gut klar kommen… Oder einfach ein Tag, an dem man emotional einfach mal mehr Dinge an sich heranlässt als an einem „normalen“ Tag…

Ich verstehe wirklich jeden Sanitäter, Feuerwehrmann, Polizisten, etc. der nach solchen Einsätzen wie oben beschrieben den PSD aufsucht. Ich habe größten Respekt vor denen, die in diesem Dienst arbeiten. Stell ich mir auch nicht einfach vor, so oft so schreckliche Schicksale erzählt zu bekommen. Hut ab meine Damen und Herren, ihr seid wirklich eine wahnsinnig wichtige Stütze in diesem System!
Jetzt stellt euch doch mal vor es würde so schnelle und kompetente Hilfe nicht geben…? Viele von uns würden bald mal wieder aufgeben – sei es weil jetzt schon was passiert ist und man sich auf die PTBS freuen kann oder weil man einfach Angst davor hat, dass etwas passiert und weiß, dass einem niemand so wirklich helfen kann danach und aus diesem Grund schon mal vorsichtshalber den Dienst aufgibt bevor es so weit ist…
Also: Psychosoziale Dienste, die Akutteams, die Interventionsteams, die Psychologenteams – alle verdammt wichtig!

Liebe Rettungsdienstler, Feuerwehrmenschen, Polizeibeamte und wer auch immer noch betroffen sein könnte: Schämt euch nicht, wenn ihr um Hilfe bittet! Es ist wichtig, sich auch eingestehen zu können, dass gewisse Bilder mit Hilfe anderer Menschen verarbeitet werden müssen. Es ist wirklich keine Schande um Hilfe zu bitte und Hilfe anzunehmen. Und niemand, aber auch wirklich niemand kann euch dafür verurteilen und wer es doch tut dem wünsche ich zum besseren Verständnis eine ähnliche Situation.

Erste Hilfe…

…ist um so viel mehr wert als ihr denkt!

Wir erleben es im Rettungsdienst immer mal wieder, dass viele Menschen an einem Unfallort herumstehen, dass keiner hilft, sondern alle nur schauen. Neugierde schön und gut, aber es ist viel schöner zu helfen. Glaubt mir. Man hat danach irgendwie so das Gefühl ein kleines bisschen von einem Helden in sich zu haben. 😉

Ein Beispiel für wirklich gute Erste Hilfe, ich durfte es miterleben: 
Ein tragischer Unfall, Fahrzeugüberschlag, das Fahrzeug landete auf dem Verunfallten. Zu zweit im Dunkeln kann man nicht viel ausrichten, das wussten die beiden anderen Beteiligten sehr gut. Sie liefen also zum nächsten Wohngebäude und holten Hilfe. Gemeinsam mit den anderen Helfern brachten sie den Verletzten unter dem Fahrzeug hervor und begannen mit den Erste-Hilfe-Maßnahmen. In diesem Fall: Reanimation. 
Es war dreckig, dunkel, rundherum Brennnesseln. Aber sie haben geholfen. Bis wir da waren. Im Dunkel. Im Matsch. In den Ölflecken. Neben dem kaputten Fahrzeug. Einem blutenden Menschen, der keine Atmung und keinen Kreislauf hatte. Den sie auch nicht kannten. Aber sie haben geholfen. 
Liebe Leute – erste Hilfe kann Leben retten!

– Ihr habt Angst, dass euch selbst etwas passiert? Wenn etwas gefährlich erscheint, dann tut es bitte nicht. Ihr braucht euch nicht auch noch selbst verletzten.

– Ihr wollt auf der Autobahn nicht aus dem Auto steigen, um den Menschen vor euch im verunfallten PKW zu helfen? Kein Problem, kann einem Angst machen wenn da Autos so schnell vorbei fahren – ruft aber bitte den Notruf anstatt zu warten bis es jemand anderer macht. Und schaltet bitte alle Lichter an eurem Auto ein – vor allem die Warnblinkanlage!

– Ihr traut euch nicht, das ganze Blut anzufassen, weil Blut Krankheiten übertragen kann? Ihr könnt euch auch über die Luft in der Straßenbahn oder im Büro Krankheiten holen. Außerdem habt ihr im Auto verpflichtend ein Erste-Hilfe-Päckchen mitzuführen, da müssen auch Handschuhe drin sein. Auch im Büro oder wo auch immer ihr arbeitet gibt es mit Sicherheit einen Erste-Hilfe-Koffer. Wer Blut nicht sehen kann, weil er oder sie dann Ohnmächtig wird – bitte ruft den Notruf und holt jemanden in eurer Nähe, um die Wunde zu versorgen.

– Ihr seht jemanden im Park kollabieren, er rührt sich nicht mehr? Geht hin, kontrolliert seine Atmung, ruft den Notruf und beginnt mit der Reanimation wenn er nicht mehr atmet. Wenn ihr nicht wisst wie man das macht: Derjenige, der den Notruf annimmt wird bei euch am Telefon bleiben und euch das erklären. Er bleibt die ganze Zeit bei euch.

– Eure Oma wirkt plötzlich komisch, etwas abwesend? Sprechen fällt ihr schwer, sie kann vielleicht nicht mehr aufstehen? Es könnte ein Schlaganfall sein! Versucht folgendes mit eurerOma: FAST!
F – Face – kann Oma lächeln oder hängt ein Mundwinkel dabei nach unten?
A – Arms – kann Oma beide Arme gleichzeitig nach oben heben bzw. nach vorne strecken oder hat ein Arm zu wenig Kraft dafür?
S – Speech – kann Oma einen einfachen Satz ohne Probleme nachsprechen, verwechselt sie Worte/Buchstaben, kann sie Buchstaben nicht ordentlich aussprechen oder kann sich gar nicht mehr an den Satz erinnern?
T – Time – wenn eines der Zeichen (FAS) zutrifft, dann ruft bitte auf jeden Fall sofort den Notruf an!
Ihr müsst also auch in dem Fall sofort den Notruf wählen. Und sagt dem Menschen am Telefon bitte, dass ihr vermutet, dass es ein Schlaganfall ist! Dann legt eure Oma hin, notfalls auch auf den Boden wenn gerade kein Bett oder eine Couch in der Nähe ist. Aber legt sie bitte auf die Seite, nicht auf den Rücken oder Bauch.

Egal was es ist, ganz wichtig ist es den Notruf zu rufen! Das ist das wichtigste von allen Dingen, die ihr machen könnt!
Wenn ihr gar nichts mehr habt, wenn ihr gar nicht wisst was ihr sonst tun könnt: bleibt bei eurem Patienten. Er wird es euch danken, wenn ihr einfach nur für ihn da seid. Egal, ob er euch kennt oder nicht. Hauptsache es ist ein bisschen seelische Unterstützung da – ist wirklich Gold wert in solchen Situationen. 

Wenn ihr einen Erste-Hilfe-Kurs besuchen oder einen, der schon Jahre her ist auffrischen wollt dann meldet euch doch bei eurer nächsten Rettungswache. Dort werden immer mal wieder solche Kurse angeboten und wenn gerade keiner läuft dann können die euch sagen, an wen ihr euch sonst wenden könnt.
Wenn ihr das nicht wollt oder glaubt nicht zu brauchen dann merkt euch bitte:
Ruft wenigstens den Notruf, wenn ihr seht, dass jemandem geholfen werden muss! 

DANKE!

Sturkopf

Ja, ich bin ja selbst so ein Sturkopf. Wenn ich mir mal was in den Kopf gesetzt habe ist das dann nur sehr schwer wieder da raus zu bekommen. Aber in gewissen Situationen muss man diese Sturheit einfach mal ablegen. Wenn man zum Beispiel offensichtlich einen Arzt braucht, den aber auf keinen Fall da haben will.

So geschehen vor einiger Zeit:
Einsatzstichwort „Sturz auf öffentlichem Platz, Verletzung Fuß“ in einem Café. Dort erwartet uns schon die Kellnerin, führt uns zu einem Stammgast, der allein an einem Tisch sitzt. Rundherum vier andere Gäste.
Auf den ersten Blick sind keine Verletzungen zu erkennen.
Von den anderen Gästen und der Chefin erfahren wir, dass der Herr von einer etwas höher gesetzten Bank am Tresen gefallen ist, er hatte zuvor einen Hustenanfall. Kopf-Boden-Distanz dürfte ca 1,80m gewesen sein.
Uns wird auch berichtet, dass er nach dem Sturz nicht mehr selbst aufstehen konnte, sie haben dem Herrn zum nächsten Tisch geholfen und uns dann angerufen.

Der Patient gibt sich wie folgt: 

A – unauffällig, keine Verlegungen
B – unauffällig, normale Frequenz und Tiefe, keine Geräusche, keine Einschränkungen, kein Einsatz der Atemhilfsmuskulatur
C – keine offensichtlichen Blutungen, Pulsfrequenz normal, Puls peripher gut tastbar, RR im Normalbereich, normale Hautfarbe, nicht schweißig
— Patient NICHT kritisch —
D – Patient gibt an, dass er sich an den Sturz erinnern kann, keine Erinnerungslücken, Pupillen gleich und reagieren prompt seitengleich, zeitliche und örtliche Orientierung gegeben, er wirkt allerdings alkoholisiert und kann uns den Unfallhergang nicht ganz genau schildern.
E – Patient kooperiert nicht, kann nicht aufstehen, will sich nicht hinlegen, „Traumacheck“ wird vorerst im Sitzen gemacht. Ergibt eine Beule am Hinterkopf, keine Druckempfindlichkeit darauf, keine Druckempfindlichkeit an der HWS. Leichte Schmerzen linke Hüfte, bei Druck verändert sich der Schmerz nicht. Anlegen einer HWS-Schienung toleriert er nicht, das will er nicht.
S – Schmerzen in der Hüfte, nicht stark, im Sitzen jetzt gerade eigentlich nicht zu spüren
A – keine
M – Diabetiker, Insulin seit zwei Tagen nicht mehr genommen
P – Diabetiker
L – 3/4 Liter Wein, mittags Suppe, feste Speisen zuletzt vor 24 Stunden
E – Hustenanfall lt. anwesenden Personen
R – alkoholisiert, Diabetiker
Vitalwerte: RR 135/95, P 75, AF 12, BZ 139mg/dl
— Patient NICHT kritisch —

Der Patient lässt uns gerade mal so für die Vitalwerte an sich ran, Kopf abtasten dürfen wir nicht ordentlich, HWS-Schienung verweigert er auch. Er wird zunehmend wütender, bevor ich mich schlagen lasse versuche ich es also auch gar nicht.
Er kann und will immer noch nicht aufstehen oder hinlegen, er zündet sich vor uns eine Zigarette an. Er möchte unter keinen Umständen mit uns ins Krankenhaus fahren.
Da der Patient auf den Kopf gefallen ist und außerdem Alkohol konsumiert hat, dürfen wir ihm keinen Revers (Patient unterschreibt, dass er jegliche Sanitätsmaßnahmen und/oder einen Transport in ein Krankenhaus verweigert) unterschreiben lassen. Wir versuchen ihn umzustimmen, er bleibt weiterhin stur und möchte nach Hause. Diskussionen bringen bekanntlich meistens wenig – wir fordern also den Notarzt nach – Transportverweigerung durch nicht reversfähigen Patienten. Das ist bei uns so vorgegeben.
Der NA hat nun die Aufgabe zu entscheiden, ob der Patient in einer Klinik angeschaut werden sollte oder ob wir ihn guten Gewissens nach Hause entlassen können. Auch mit dem Arzt wird wieder diskutiert, mittlerweile sind wir sechs Leute von „der Rettung“ und die Augenzeugen, die ihn zu überreden versuchen.
Versuch 1 des NA, den Patienten umzustimmen: „Sie haben sich verletzt, Sie sind Diabetiker, Sie können sich nicht an alles erinnern, Sie sind ungünstig gefallen, Röntgen ist nötig, blablabla…“ Haben wir schon versucht, vielleicht bringt jemand mit dem Wort ARZT am Namensschild ja mehr hin als wir.
Versuch 2: „Entweder Sie schaffen 3 Meter zu dem Stuhl da drüben und retour, alleine und ohne sich wo anzuhalten, oder Sie kommen mit uns mit ins Krankenhaus.“ Uns allen klar, dass er sich darauf nicht einlassen will, er weiß ja selbst wie weh seine Hüfte bei Bewegungen tut. Aber der Deal ist gescheitert, er weigert sich immer noch mitzukommen.
Bleibt noch Versuch 3: „Wenn Sie jetzt nicht mit uns mitkommen, müssen wir die Polizei holen. Und wenn Sie bei denen dann auch nicht mitfahren wollen, dann holen die den Amtsarzt und dann wird’s richtig ungemütlich, da müssen Sie dann mitfahren, das geht gar nicht anders.“ Und wieder wird diskutiert, ich bin schon dabei das Handy zu holen, um die Polizei zu verständigen, da willigt er wirklich endlich ein. (Es ist bei uns so vorgegeben, dass wir Patienten die uns nicht reversfähig erscheinen mit dem NA reden lassen sollen, schafft dieser es nicht, dass der Patient mitkommt, fordert Polizei bzw. Amtsarzt an, damit diese eine Einweisung veranlassen können. Der Rettungsdienst darf Patienten ja nicht zwingen in ein Krankenhaus mitzukommen.)

Sichtbar genervt schweigt er uns an, während wir auf Kommando des NA den Tragstuhl holen – da dem Patienten das Sitzen anscheinend nichts ausmacht und er sich sowieso weigert sich angreifen zu lassen, sollen wir ihn so transportieren, bevor die Diskussion erneut losgeht. Die Fahrt (ohne NA-Begleitung) verläuft auch komplett problemlos, der Zustand verschlechtert sich nicht.

Im Krankenhaus wird dann zuerst ein Röntgen gemacht – und jetzt wird der Patient sogar noch zickiger, jetzt hat er beim Umlagern auf den Röntgentisch nämlich (wie erwartet) starke Schmerzen, und natürlich schreit er wieder, dass er nach Hause will…

Was will man machen. Es gibt sie eben immer und überall, diese Sturköpfe, die sich einfach nicht helfen lassen wollen. Ist wohl der Stolz… Oder die Angst?

Kindernotfall…Unfall…

Ich will ja nicht sagen, dass man sich mit der Zeit an schlimme Einsätze gewöhnt, aber man lernt damit umzugehen. 
Man lernt, psychisch anstrengende Einsätze nicht an sich heranzulassen. 
Man lernt, psychisch anstrengende Einsätze zwar im Gedächtnis zu behalten, aber ohne negative Gefühle. 
Man lernt aus solchen Einsätzen auch, wie man es beim nächsten Mal besser machen kann.
Aber einige Einsätze werden immer wieder, auch nach Jahren, mit Emotionen verbunden werden… 

In meinem Fall geht es um ein Kind, dass von einem Fahrzeug überrollt wurde. Der Vater wollte gerade ausparken, seinen 5-jähriges Kind dürfte er übersehen haben – der befand sich nämlich gerade hinter dem PKW, genau dort wo der Vater eigentlich damit hinwollte.
Ein Rumpeln, Stille, dann Schreie, Hektik, Verzweiflung… ungefähr so muss es gelaufen sein.

Was wir bei der Anfahrt schon wissen: 

– Ein 5-jähriger Junge wurde von einem PKW überrollt.
– Die Polizei ist mit alarmiert.

Was wir bei der Ankunft sehen: 

– Der Junge liegt am Bauch auf einer Couch – weil draußen die Straße einige Zentimeter hoch mit Eis bedeckt ist haben ihn die Eltern rein getragen.
– Er schreit und ist ansprechbar, versteht auch was gerade rund um ihn herum passiert.

Was zu allererst passiert: 

– Wir lassen in vorerst in der vorgefundenen Lage, er bekommt offensichtlich genug Luft (Wer schreit bekommt gut Luft).
– Der Notarzt spricht mit dem Jungen und kann ihn recht schnell beruhigen.

Nachdem der Arzt ein bisschen mit dem kleinen Patienten geredet hat, schneiden wir ihm die dicke Daunenjacke und die Jeanshose auf (ja, wir haben jetzt ein bisschen Feder-Chaos um uns herum).
Der kleine Mann spürt alle Extremitäten, kann uns gut Antworten geben und hat Bauchschmerzen. Es ist keine offensichtliche Fraktur zu erkennen, keine Fehlstellung, der Rücken ist zu ca. 40% mit Schürfwunden bedeckt, Puls ist gut tastbar, Blutdruck in Ordnung und der Kopf hat offensichtlich nichts abbekommen.
Wir entscheiden uns deshalb, das Ganze etwas langsamer angehen zu lassen, um den Jungen nicht noch mehr Stress auszusetzen.

Der Notarzt erreicht den Arm des Kleinen sehr gut, die Venen sehen super aus, Zugang i.v. wird also gleich in Bauchlage in den Arm gestochen. Da die Schmerzen momentan nicht allzu groß sind, entscheidet sich der Arzt vorerst für eine Infusion ohne Schmerzmittel, das Ampullarium bleibt allerdings immer griffbereit in der Nähe.

Ich pendel immer wieder hin und her zwischen dem Eingang um meinem Kollegen zu sagen, was wir aus dem RTW noch brauchen und dem Patienten, um die anderen bei diversen Kleinigkeiten zu unterstützen. Dabei komme ich natürlich immer wieder an der ganzen Familie vorbei, der Vater steht stocksteif herum, die Hände vors Gesicht geschlagen. Ich versuche immer wieder sie alle zu beruhigen, aber das bringt beim Vater natürlich momentan gar nichts.

Den kleinen Patienten packen wir dann gut in die Vakuummatratze ein. Das Abdomen ist nur ganz leicht hart, kein Druckschmerz. Aufgrund der fehlenden zusätzlichen Anzeichen auf Blutungen in das Abdomen gehen wir aber davon aus, dass hier die Muskeln verhärtet sind und/oder dass er zu viel Luft durch das Schreien geschluckt hat.
Der Junge hat sich in der Zwischenzeit wirklich gut beruhigt, er bleibt ganz brav ganz still liegen, schreit nicht mehr und spricht immer noch mit uns. Wir legen unsere Verdachtsdiagnose mit „Akutes Abdomen nach stumpfem Bauchtrauma“ fest.

Ganz langsam fahre ich dann aus den Gassen hinaus. Sind rumpelige Straßen und man will nur ja so sanft wie möglich fahren. Auf der Bundesstraße dann so schnell es geht mit Blaulicht und Folgetonhorn – es könnte ja auch langsam in irgendeine Körperhohle einbluten, das will man so schnell wie möglich geklärt haben. Wir sind im Schockraum angemeldet und ab halber Strecke lässt uns der Arzt auch noch Polizeibegleitung und Ampelschaltung organisieren – verständlich, ist Sonntag Abend doch meist ziemlich viel los auf unseren Straßen. Hat dann mit denen auch wunderbar funktioniert, freie Fahrt und vor allem freigeräumte Kreuzungen sind in diesem Fall der Himmel für mich gewesen – ein Stressfaktor wird dadurch nämlich um einiges reduziert!

Im Krankenhaus übergeben wir einen immer noch wachen und für die Situation doch ruhigen Patienten, das ganze Team steht schon angespannt in den Startlöchern. Auch wir dürften nicht gerade locker gewirkt haben.
Übergabe, Auto auffüllen, Zigarette, Besprechung. Hat alles toll funktioniert, da sind wir uns einig. Und unser Verdacht, dass der kleine Herr zu viel Luft geschluckt hat und deshalb ein verhärtetes Abdomen hat wird uns noch vor Ort bestätigt.

Wir machen uns also auf den Heimweg, bekommen dann noch einen Anruf: Dem Kleinen geht es soweit gut, er ist stabil, hat keine inneren Blutungen, einzig die Milz hat einen leichten Haarriss, allerdings so schwach, dass (vorerst) nicht operiert werden muss. Und mehr als Luft war da dann im Bauchraum auch wirklich nicht drin. Kein Knochen gebrochen oder angebrochen.
Mir fällt ein Stein vom Herzen, wirklich.

1000 Schutzengel und keinen weniger hatte der Kleine. Und ich hoffe sie bleiben ihm erhalten und beschützen ihn weiter so gut wie dieses eine Mal.

Aber gut, ich wollte doch eigentlich über Emotionen bei tragischen Einsätzen reden.
Dieser Einsatz wird mir wohl noch sehr sehr lange in Erinnerung bleiben und ich bin mir auch sicher, dass die Emotionen dazu auch nicht so schnell verschwinden werden. Kindereinsätze sind nun mal emotional. Allerdings muss ich hier auch sagen, dass die Freude über den positiven Ausgang dieses Einsatzes bei weitem überwiegt. Wenn ich heute Kinder bei parkenden Autos spielen sehe habe ich fast schon den Zwang zu ihnen hinzugehen und sie zu bitte, doch bitte wo anders weiter zu spielen. Ich möchte um der gesamten Familie wegen nicht nochmal zu so einem Einsatz fahren müssen…
Trotz dem guten Ausgang läuft es mir immer noch manchmal kalt über den Rücken runter wenn wir wieder mal darauf zu sprechen kommen. Es hätte ja sonst was passieren können. Aber daran versuche ich nicht zu denken.

 

Wisst ihr eigentlich…

Wisst ihr eigentlich wie komisch das klingt, wenn ich im Einsatz zum Azubi „Mama“ sag“ 

Also ich finds ja saukomisch, unser NA hat uns beim letzten Einsatz auf jeden Fall mal kurz doof angeschaut. 

Bei Krankentransporten ist es auf jeden Fall ganz witzig wenn die Patienten nachfragen und wir ihnen erklären, dass ich jetzt mal meine Mama ein bisschen „erziehen“ darf. Ob es die Patienten bei den Einsätzen auch mitbekommeb haben weiß ich nicht, hat aber niemand gefragt. 

Wie würdet ihr das als Patient finden, wenn eure Sanitäterin zur Azubiene sowas wie „Mama mess mal bitte Blutdruck“ und „Mama mach mal die Sauerstoffmaske drauf“ sagt?